Wolfgang H. ist Freimaurer. Der 52-Jährige arbeitet als Betriebswirt in einem mittelständischen Unternehmen. Vor vier Jahren ist er in eine Loge der „Alten und Angenommenen Freimaurer von Deutschland“ aufgenommen worden. Er ist stolz darauf, Freimaurer zu sein, nicht zuletzt deshalb, weil berühmte Männer wie Wolfgang Amadeus Mozart, Winston Churchill, Gustav Stresemann oder Friedrich der Große dem Bund angehörten. Darauf hat man ihn schon vor seiner Aufnahme hingewiesen. Die Bruderschaft habe in ihren Reihen immer berühmte Männer gehabt. Großen Wert legte man auch darauf, nur von der „regulären Freimaurerei“ zu sprechen; mit den vielen „Irregulären“ habe man nichts zu schaffen.
So wie gegenüber dem (fiktiven) Wolfgang H. präsentiert sich Freimaurerei gern. Für das Überleben und die Glaubwürdigkeit einer weltanschaulichen Gruppierung mögen solche Abgrenzungen notwendig sein, für eine historische Betrachtung sind sie unangemessen. Je weiter man in der Geschichte der Freimaurerei zurückschreitet, desto bunter wird sie. Auch die ständige Wiederholung prominenter Namen verschleiert mehr, als sie erklärt. Über einstige Zustände oder über die soziale Zu‧sammen‧setzung der Organisationen geben einzelne Namen keine Auskunft. Völlig ausgeblendet bleibt zudem die Frage, welche Bedeutung die Logenmitgliedschaft im Leben der Berühmtheiten tatsächlich hatte. Winston Churchill beispielsweise war kein aktiver Freimaurer und nahm nach seiner Aufnahme am Logenleben nicht mehr teil.
Fragen wir nun aber mit aller gebotenen Vorsicht nach dem Durchschnittsfreimaurer aller Zeiten, ist Wolfgang H. durchaus repräsentativ. Die Hamburger Loge „Absalom zu den drei Nesseln“ wurde 1737 von dem niederländischen Offizier Charles Sarry gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern der Augsburger Loge „Augusta“ befanden sich 1872 unter anderem ein Weinhändler, ein Lithograph, ein Redakteur und ein „Gasdirektor“. Theodor Vogel, der Vater der deutschen Nachkriegsfreimaurerei, war Präsident der Industrie- und Handelskammer in Würzburg. Der gegenwär‧tige Großmeister des „Grand Orient de France“ ist Arzt, derjenige des „Grande Oriente d’Italia“ Rechtsanwalt. Freimaurerei ist und war ein Phänomen der Mittelschicht: gehobene Handwerker, freie Berufe, Lehrer, Verwaltungsbeamte, Kaufleute, mittleres Militär, einige wenige höhere Adlige, einzelne Unternehmer, selten Mitglieder der gesellschaftlichen und politischen Eliten, kaum Arbeiter, keine Bauern.
Die starke Verankerung in der Mittelschicht hat Spuren in der Freimaurerei hinterlassen: eine gewisse Vorliebe für das Theatralische bis hin zur Adaption von Adelstiteln in den Hochgradsystemen, die Suche nach höherer Erkenntnis, das Elitebewusstsein – alles Merkmale einer Schicht, die „nach oben“ will. Es sind vor allem Männer, die sich mit „glauben“ nicht zufriedengeben, sondern „wissen“ wollen, die mit vorgegebenen Antworten nicht schnell zufriedenzustellen sind, sondern sich forschend dem Grund allen Seins nähern. Oft – aber nicht immer – haben sie keinen Zugang mehr zur traditionellen Sinnvermittlung durch die Kirchen.





