Sprachliche Analysen und Erbgutvergleiche hatten die ungewöhnliche Siedlungsgeschichte bereits nahegelegt: Die Menschen Madagaskars sprechen eine Sprache, die eng mit denen des pazifischen Raums und Südostasiens verwandt ist. Auch genetische Vergleiche belegten eine Verwandtschaft der Madagassen mit Malaysiern und Polynesiern. Doch archäologische Nachweise, dass Madagaskar einst von Südostasien aus besiedelt worden war, gab es bislang nicht. Nun hat sie ein internationales Forscherteam um Alison Crowther von der Universität Queensland geliefert. Ihre Ergebnisse basieren auf Analysen von Ablagerungen an 18 prähistorischen Siedlungsorten auf Madagaskar, der nahen Inselgruppe der Komoren und an der ostafrikanischen Küste. Sie stießen dabei auf eine Menge pflanzlicher Überreste, die sie datierten und charakterisierten.
Charakteristische Nutzpflanzen
Es handelte es sich um Reste von Nutzpflanzen, die aus einer Zeitspanne von 700 und 1000 v. Chr. stammen, berichten die Forscher. “Uns überraschte der deutliche Unterschied zwischen den ackerbaulich genutzten Pflanzenarten der ostafrikanischen Küstenregion und denen auf Madagaskar”, berichtet Crowther. Bei den historischen Pflanzenfunden von der ostafrikanischen Küste und den nächstgelegenen Inseln handelte es sich um typische afrikanische Nutzpflanzen, wie Sorghum, Perlhirse und Affenbrot. Im Gegensatz dazu enthielten die Proben von den Grabungsstätten Madagaskars Spuren typisch asiatischer Nutzpflanzen, wie Reis, Mungobohnen und asiatischer Baumwolle.
“Offensichtlich brachten die Südostasiaten Samen von Nutzpflanzen aus ihrer Heimat mit, pflanzten sie auf Madagaskar an und ernährten sich von ihnen”, sagt Co-Autorin Nicole Boivin vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. “Wir haben endlich einen Weg gefunden, einen Blick auf die äußerst rätselhafte südostasiatische Besiedlung der Insel zu werfen. Wir können sie eindeutig trennen von der Besiedlung, die vom afrikanischen Kontinent aus stattgefunden hat”, sagt die Wissenschaftlerin. Ihr zufolge können die Ergebnisse nun als Grundlage dienen, um weitere Einblicke in die Besiedlungsgeschichte der Insel zu gewinnen. “Es gibt noch vieles, was wir über die Vergangenheit Madagaskars nicht wissen, die Insel bleibt eines unserer großen Rätsel”, so Boivin.
Auch die Komoren?
Die Studie führte außerdem zu einem weiteren Ergebnis, das ausgesprochen überraschend war: Die Überreste der Nutzpflanzen legen nahe, dass nicht nur Madagaskar von Südostasiaten besiedelt wurde, sondern auch das benachbarte Archipel der Komoren, das zwischen Madagaskar und der nördlichen Küste Mosambiks liegt. “Damit haben wir nicht gerechnet”, betont Crowther, “denn die Menschen auf den Komoren sprechen afrikanische Sprachen, und sie sehen – anders als die Bevölkerung Madagaskars – überhaupt nicht aus, als könnten sie südostasiatische Urahnen haben.” Linguistische Befunde unterstützen allerdings die Hypothese der Forscher, sagt Boivin: “Als wir die Ergebnisse der Sprachforscher zu den Komoren genauer analysierten, stellten wir fest, dass zahlreiche angesehene Linguisten dieselbe Argumentation verwenden, die uns die archäologischen Funde nahelegen: eine Besiedlung der Komoren durch Menschen aus Südostasien”.





