Kernstück des Buchs bilden vielmehr sechs weitgehend lose miteinander verbundene Aufsätze, die ihren jeweiligen Ausgangspunkt in verschiedenen Städten der historischen Kulturlandschaft Syrien (nicht des heutigen Nationalstaats) nehmen. Es sind dies Issos, Jerusalem, Hatra, Emesa, Palmyra und Antiocheia. Bereits die Auswahl der Städte verdeutlicht, dass die im Buch vorgelegte historische Betrachtung Syriens in der Antike – genauer: der römischen Kaiserzeit – angesiedelt ist.
Auszunehmen ist nur der erste Aufsatz, der die Ereignisse vor und nach der Eroberung des Perserreichs durch Alexander den Großen zum Gegenstand hat. Die Aufsätze berichten in lebendiger Weise über einzelne Episoden der wechselvollen Geschichte des antiken Syrien (etwa die jüdischen Aufstände gegen Rom und den Aufstieg und Fall des aus Syrien stammenden Kaisers Elagabal) und thematisieren über eine reine Ereignisgeschichte hinaus auch damit verbundene wirtschaftliche und gesellschaftliche Belange. Ein wesentliches Augenmerk legt der Autor dabei auf die Stellung der Provinz Syrien (bzw. dort angesiedelter Königreiche) innerhalb größerer Herrschaftsstrukturen. Zum besseren Verständnis wird den Aufsätzen eine Einleitung vorangestellt, in der die für die weitere Betrachtung grund‧legenden Ordnungssysteme beschrieben werden: Imperium, Stamm, Tradition.
Unglücklich mutet hingegen der abschließend im Epilog unternommene Versuch an, eine Verbindungslinie zwischen der Entstehung des 2014 ausgerufenen Kalifats des sogenannten Islamischen Staats und der Geschichte des antiken Syrien zu ziehen. Parallelen zwischen den zugrundeliegenden Mechanismen und Herrschaftsinstrumenten mögen zwar zweifellos bestehen, allerdings hätte man sich hier zumindest gewünscht, dass den davor und dazwischen liegenden Epochen, insbesondere aber den Wirkungsspannen der islamischen Dynastien zur Überprüfung dieser Kontinuitätstheorie mehr Raum eingeräumt worden wäre.
Insgesamt hinterlässt dieses Buch daher einen zwiespältigen Eindruck. Den gut lesbaren Aufsätzen, die allen am klassisch-antiken Syrien Interessierten empfohlen werden können, steht eine allzu verkürzte Darstellung der Kulturgeschichte Syriens nach der arabischen Expansion gegenüber, die kaum weitreichende Rückschlüsse auf die Hintergründe der aktuellen Verhältnisse zulässt. Der Brückenschlag zwischen Gegenwart und Antike gelingt daher nur unvollständig.
Rezension: Dr. Johannes Hackl





