Dabei schließt er 15 Aufsätzen zur NS-Zeit 16 Hintergrundberichte zur DDR an, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus beiden Sportsystemen kenntlich zu machen und anhand verschiedenster exemplarischer Fallstudien zu erörtern. Dass die Essays einst als Vortrag, in Festschriften oder Überblicksdarstellungen publiziert worden sind, tut der lohnenden Lektüre und dem Erkenntnisgewinn keinen Abbruch. Denn durch die direkte (in dieser kompakten Form erstmalige) Gegenüberstellung beider Themenkreise kristallisiert sich schrittweise heraus, was Teichler hier auf fast 650 Seiten analysiert: nicht weniger als die Rolle des Sports in den beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die sich mit dessen Hilfe ihrer propagierten ideologischen (rassistischen bzw. sozialistischen) Überlegenheit versichern wollten und diese Fiktion als internationales Aushängeschild benutzten. „Sportgeltung“ hatte „Weltgeltung“ zu sein.
Wer Teichlers Textkonvolut liest, taucht tief ein in die Sportstrukturen beider Herrschaftssysteme (die sich jeweils auf „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn beriefen) und ihre breite Verflechtung und somit Wechselwirkung mit einer Vielzahl gesellschaftlicher Querschnittsfelder. War der medienwirksame Doppelpass führender Parteigrößen mit bekannten Akteuren nur allzu offenbar (unter anderem erörtert am Beispiel von Adolf Hitlers Olympia-Regisseurin Leni Riefenstahl oder Boxlegende Max Schmeling), liefen Geschäfte vom Chef-Außenhändler der DDR, Alexander Schalck-Golodkowski, zur Beschaffung medizinischer Geräte für die Verschleierung von Dopingpraktiken im Leistungssport streng geheim ab. Übertünchte die Propaganda rund um die Olympischen Spiele 1936 in Berlin die parallel vorangetriebene antisemitische Ächtung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung (und ihrer Sportvereine), blieb Erich Honeckers Wunsch aus dem Juni 1989, die Olympischen Spiele im Jahr 2004 nach Leipzig zu holen, ein öffentliches Gedankenspiel. Und dort, wo zu dieser Zeit für die DDR-Bevölkerung die marode Lage des Breitensports (zugunsten des Leistungssports) zunehmend spürbar wurde, zeigt Teichler mit mikrohistorischen Beispielen, wie und in welchen Sportarten (etwa Basketball, Karate) sich ziviler Unmut im Rahmen des Möglichen im Sportalltag Bahn brach.
Angesichts derlei Facetten mahnt der Autor abschließend, „dass der Sport immer dann politisch miss- oder gebraucht wird, wenn Staaten von Unterdrückung und fehlender demokratischer Legitimierung oder von sonstigen Defiziten ablenken wollen“. Und er fragt: „Ist die übertriebene Suche von Politikern und Politikerinnen nach der Nähe von Spitzensportlern nicht eher ein Indiz mangelnder eigener Popularität und der Versuch, Volksferne zu kompensieren?“ Teichlers Werk sollte in den sportwissenschaftlichen, aber auch zeitgeschichtlichen oder politologischen Bibliotheksbeständen deutscher Universitäten und Hochschulen auf keinen Fall fehlen.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Hans Joachim Teichler
Sport in den deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts
Nomos Verlag, Baden-Baden 2024, 646 Seiten, € 114,–





