Der Politikwissenschaftler Ahlrich Meyer hat jetzt eine umfangreiche Studie über die Nachkriegskarrieren einer Tätergruppe vorgelegt, die unlängst auch von Bernhard Brunner einer intensiven Betrachtung unterzogen worden ist (vgl. DAMALS 10-2005): die Verantwortlichen für die „Endlösung der Judenfrage“ in Frankreich.
Ausgangspunkt der vorliegenden Darstellung ist die erklärungsbedürftige Tatsache, daß die Ermittlungen in der Bundesrepublik seit den 60er Jahren nur in wenigen Fällen in eine Hauptverhandlung mündeten. Anders jedoch als Brunner, der das Scheitern der Justizbehörden in den Mittelpunkt seiner Untersuchung rückt, lenkt Meyer den Blick auf die Entlastungsrhetorik der vernommenen Zeugen und Beschuldigten. Seine Studie, die er in zwei große Hauptkapitel unterteilt, versteht der Autor vor allem als Beitrag zu einer Quellenkunde des Holocaust: Nach einer ausführlichen Schilderung der Deportationen sowohl unter Auswertung der einschlägigen Literatur als auch französischer Dokumentensammlungen und bundesdeutscher Ermittlungsakten widmet er sich im zweiten Teil den Vernehmungsprotokollen und interpretiert die Aussagen der Täter als „Legenden“ und „Strategien der kollektiven Selbstentlastung“.
Daß die Vernehmungsniederschriften kaum zur Klärung historischer Fakten beitragen können, möchte Meyer nicht bestreiten. Unter mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen scheint ihm der Quellenwert strafprozessualer Massenakten dennoch beträchtlich: Es handle sich um „ein bislang kaum genutztes Archiv, aus dem sich ablesen läßt, wie im Nachkriegsdeutschland über die nationalsozialistische Vergangenheit geredet wurde“. Gewidmet ist seine Darstellung Rolf Holtfort, als Staatsanwalt der Kölner Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen einer der engagiertesten Ermittler im „Frankreich-Komplex“.
Rezension: Moisel, Claudia





