Am 16. April 1925 begann eine Forschungsexpedition der besonderen Art: Die Deutsche Atlantische Expedition sollte erstmals flächendeckende ozeanografische Messungen im Südatlantik durchführen. Ziel war es unter anderem, herauszufinden, ob es einen den Äquator überschreitenden Wasseraustausch zwischen dem Nord- und Südatlantik gab. Dafür sollten die Wissenschaftler an Bord fortlaufend Daten über die Strömung, Temperatur, Wasserzusammensetzung und meteorologische Besonderheiten ermitteln.
800 Seiten Aufzeichnungen über das Leben und Arbeiten an Bord
Die Expedition gilt als bedeutsamer Meilenstein der Ozeanografie, weil sie den Übergang von der rein beschreibenden zur physikalischen Meereskunde markierte. Gleichzeitig bot sie den Deutschen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg aber auch eine willkommene Chance, in ihren ehemaligen Kolonien, aber auch anderen Häfen der Südhalbkugel, “Flagge zu zeigen”. Die Forschungsfahrt sollte beweisen, dass die deutsche Wissenschaft noch immer wichtige Beiträge zu leisten vermochte. Als Forschungsschiff für die Expedition diente die “Meteor”, ein 1914 ursprünglich für den Kriegseinsatz konstruiertes Kanonenboot. Geleitet wurde die Expedition von Alfred Merz, dem Direktor des Instituts und Museums für Meereskunde in Berlin und einem der Initiatoren des Projekts. Doch schon 1926 starb Merz in Buenos Aires an einer Krankheit.
Damit hatte die Expedition ihren führenden Kopf verloren. Aus der Not heraus übernahm der Kapitän der Meteor, Fritz Spiess, die Leitung der Expedition. Ihm und vor allem seinen Tagebuch-Aufzeichnungen verdanken Historiker nun einzigartige Einblicke in das Leben und Arbeiten an Bord. “Es ist eines unserer Highlights im Bereich der Forschungsschifffahrt”, sagt Martin Weiss vom Deutschen Schifffahrtsmuseum. Kaum irgendwo anders werde ein so deutlicher und nuancierter Einblick in das Leben an Bord eines Forschungsschiffs des frühen 20. Jahrhunderts ermöglicht. Jetzt wurde das Tagebuch Fritz Spiess komplett transkribiert, um die teils schlecht leserlichen Aufzeichnungen der Forschung zugänglich zu machen.
Zwischen Alltag, Politik und Wissenschaft
Auf mehr als 800 Seiten dokumentierte Spiess die wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch den Alltag an Bord des Forschungsschiffs. “Man kann fast den hohen Seegang nachempfinden, wenn Spiess‘ Handschrift unleserlich wird“, sagt Weiss. Mitunter dürfte die etwas zittrige Handschrift aber auch auf feucht-fröhliche Zusammenkünfte an Bord zurückzuführen gewesen sein, wie die Tagebucheinträge nahelegen: “Abends feiern wir im Laboratorium die Rekordgrundprobe mit einem durchaus chemischen Glühwein. Gemütlich, Raum ist in der kleinsten Hütte!”, notierte Spiess. In anderen Einträgen berichtete der Kapitän, wie der Ozeanograph und spätere Hochschullehrer Georg Wüst ganze Beethoven-Sonaten spielte oder schimpft über die Jazzmusik Südamerikas. Obwohl Spiess schlecht lesbar schrieb, zeichnete er zudem umso besser – etwa Karikaturen der Würdenträger verschiedener angelaufener Häfen.






