Es sind nur fünf unscheinbare Notizbücher aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Doch sie haben Sprengstoffpotenzial. Denn der Autor dieser Tagebücher ist kein Geringerer als Lothar von Trotha – Oberkommandierender der sogenannten Schutztruppen in Deutsch-Südwestafrika und damit Hauptverantwortlicher für einen der schlimmsten Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Zehntausende Angehörige der OvaHerero und der Nama wurden dabei von 1904 bis 1908 umgebracht – sie wurden in die Wüste getrieben, in Konzentrationslagern interniert oder mit Waffengewalt getötet.
„Das war der unrühmliche Höhepunkt der deutschen Kolonialgeschichte“, sagt der Historiker Andreas Eckl von der Ruhr-Universität Bochum (RUB). „Heute gibt es ein großes politisches Bedürfnis, dieses Kapitel aufzuarbeiten.“ Doch Quellen zu diesem Genozid sind rar, weil die Aktenbestände der kolonialen Schutztruppen nicht erhalten sind. Die Originale wurden im Ersten Weltkrieg zerstört, die Kopien im Zweiten Weltkrieg. Es gibt jedoch eine ganz besondere Quelle aus dieser Zeit, die eine einzigartige Perspektive auf das Geschehen geben kann: die Tagebücher Lothar von Trothas.
800 Seiten Notizen des Haupttäters
Eckl und seinem Kollegen Matthias Häussler ist es nach langem Bemühen nun gelungen, dieses Tagebuch für eine Edition zu bekommen. “Seit vielen Jahrzehnten war bekannt, dass Tagebücher des Oberkommandierenden Lothar von Trotha existieren“, sagt Häussler. „Jeder wollte wissen, was darin steht. Aber sie waren nicht ohne Weiteres zugänglich.“ Die Bücher befanden sich im Privatbesitz und waren selbst der Forschung nur bedingt zugänglich. “Es hat einige Geduld gekostet, die Erlaubnis zu bekommen, dass wir die Bücher editieren dürfen”, berichtet der Historiker.
Seit 2021 arbeiten die RUB-Forscher nun an der Edition der rund 800 handgeschrieben Seiten. Keine leichte Aufgabe, denn Trotha verfasste seine Notizen nicht nur an festen Plätzen, sondern auch auf dem Marsch oder zu Pferde – entsprechend schwer leserlich ist seine Handschrift. Doch die Mühe lohnt sich: „Für Historiker sind die Tagebücher ein Schatz, dessen Bedeutung gar nicht hoch genug einzuordnen ist“, sagt Häussler. Zwar sei auch ohne sie unstrittig, dass in Deutsch-Südwestafrika ein Völkermord verübt wurde. „Daran gibt es sowieso keinen Zweifel – und dem widersprechen die Bücher auch nicht”, betont Eckl.
Selbstzensur für die Öffentlichkeit
Die täglichen Notizen geben aber neue Einblicke in die Gedankenwelt und den Alltag Lothar von Trothas, der offenbar sehr von sich eingenommen war und seine Privilegien genoss. Interessant jedoch: Im Tagebuch finden sich keine Indizien für einen extremen Rassismus, obwohl Trotha landläufig als Rassenkrieger par excellence gilt. “Das ist eigentlich befremdlich“, sagt Eckl. „In anderen Quellen äußern sich rassistische Einstellungen zum Beispiel dadurch, dass Afrikaner als hinterhältig, grausam oder faul geschildert werden.” Das finde sich im Tagebuch jedoch so nicht wieder.





