Für alle Epochen der Geschichte besitzt die Frage eine beträchtliche Relevanz, welchen Spielraum einzelne Persönlichkeiten bei der Gestaltung geschichtlichen Geschehens hatten. Die historiographische Gattung der Biographie und ihre bis heute ungebrochene Beliebtheit zeugen von dieser Neugier auf individuelle Kräfte und Ideen, die dem geschichtlichen Prozeß eigene Prägungen oder Richtungen gaben. Andererseits ist die Vorstellung, daß es die großen Männer sind, die Geschichte machen, auch genügend häufig widerlegt und dekonstruiert worden. Beim Kampf der Individuen gegen die Strukturen hat man oft die letzteren als Sieger ausgerufen. Und das sicher zu Recht.
Individuelle Anteile an der Steuerung des geschichtlichen Geschehens zu messen, ist nun besonders schwierig für Epochen wie die des Mittelalters, dessen Überlieferung individuellen Zügen der handelnden Personen im allgemeinen wenig Aufmerksamkeit schenkt. Wichtiger ist den Autoren zumeist darzulegen, inwieweit Personen dem idealen Typus eines Amts- oder Standesvertreters entsprochen haben oder eben nicht. Nicht zufällig hat man vom Mittelalter als dem porträtlosen Jahrtausend gesprochen und damit zum Ausdruck gebracht, daß dieses Zeitalter an Individualität und ihren Ausdrucksformen nicht vorrangig interessiert gewesen sei. So richtig diese Einschätzung grundsätzlich sein mag, so unzweifelhaft ist auch, daß die vielen Versuche, Individualität im Mittelalter und ihre spezifischen Erscheinungsformen nachzuweisen, alles andere als erfolglos waren.
Diese Ausgangslage ist in Erinnerung zu rufen, wenn man die Frage stellt, ob und inwieweit der epochale Kampf um die rechte Ordnung der Welt, wie er in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ausgefochten wurde, durch individuelle Eigenschaften, Charakterzüge und Befindlichkeiten seiner Protagonisten beeinflußt oder gar verursacht worden ist. Wäre mit anderen Worten die Weltgeschichte anders verlaufen, wenn sich in dieser Situation Männer auf dem Papst- und dem Kaiserthron befunden hätten, die mit anderen Charaktereigenschaften und Wesenszügen ausgestattet gewesen wären als die beiden Personen, die tatsächlich regierten?
Urteile der Zeitgenossen über Charakter und Wesenszüge der beiden Kontrahenten gibt es in unvergleichlicher Fülle, und es gibt auch genügend Selbstzeugnisse, die auf ihre Individualität schließen lassen. Allerdings sind bei den Selbstzeugnissen die Gewichte sehr eindeutig zugun-sten Gregors VII. verschoben, so daß eine Charakterisierung Heinrichs IV. weit mehr mit Argumenten seiner Gegner arbeiten muß, als dies beim Papst nötig ist. Wir werden mit anderen Worten von Gregor VII. in gänzlich anderer und viel intensiverer Weise über seine Selbstsicht informiert als von Heinrich IV., was ungleiche Voraussetzungen schafft. Aber auch dies ist ein Befund, der auf individuelle Eigenarten deutet. Eine Sammlung und Bewertung der vielen Überlieferungssplitter, seien sie programmatischer, polemischer, rechtfertigender oder anklagender Natur, ergibt jedenfalls sehr unterschiedliche Profile der beiden Persönlichkeiten, deren Grundzüge man etwa so charakterisieren kann: Gregor VII. zeichnete vor allem ein unerschütterliches Sendungsbewußtsein aus, das kompromißlos das durchsetzte, was er als Recht oder Pflicht seines Amtes erkannt hatte. Er hatte ein Konzept für seine Amtsführung und versuchte, dieses Konzept in einer Weise zu verwirklichen, die man unbeirrbar nennen kann. Es bricht aber zugleich so radikal mit vielen Traditionen und Gewohnheiten päpstlicher Amtsführung, daß es auch als starrköpfig und konfliktsuchend nicht falsch charakterisiert ist und damit wesentlichen Anforderungen an das Amt des obersten Hirten in keiner Weise gerecht wird. Gregor weiß sich als Stellvertreter Christi auf Erden im Besitz der Wahrheit und setzt diese Wahrheit in für mittelalterliche Verhältnisse bis dahin völlig unbekannter Weise in praktische Maßnahmen und Politik um. Bei der Feststellung dieser Wahrheit waren Gregor und seine Helfer zu einer „Überdehnung der Tradition“ durch gewagte Auslegung der Autoritäten in bestimmte Richtungen bereit, so daß auch hierdurch Unfriede fast unvermeidlich wurde.





