Wenn Schiller das 18. Jahrhundert das „tintenklecksende Säkulum“ nannte, sprach er eine mediale Revolution an, bei der sich die Druckerzeugnisse vervielfältigten, zunehmend auf Deutsch erschienen und damit eine immer breiter werdende Leserschaft erreichten. In seinen eigenen Begriffen wurde das Jahrhundert…
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Man könnte von einer Dialektik der Aufklärung die Frauen betreffend sprechen, insofern, als ihre Ideale und Medien weibliches Lesen und Schreiben in einem solchen Maß beförderten, dass die Aufklärer es später mit aller (Text-)Macht einzudämmen suchten.
Die Aufklärung wollte der Kirche das letzte Wort entziehen und die Vernunft dafür einsetzen. Die Leitidee des vernunftbegabten Menschen wurde auch auf Frauen angewandt – in Maßen. Vor allem in der Frühaufklärung wurde Bildung für Frauen gefordert und auch gefördert, selbst wenn dies noch von individuellen Faktoren abhängig blieb, wie etwa dem Glücksfall einer großen Bibliothek in der Familie.
Mädchenbildung erfolgte weitgehend zu Hause und im besten Fall über Hauslehrer, was natürlich die Bereitschaft voraussetzte, dafür zu bezahlen. Der Bildungsweg von Autorinnen im 18. Jahrhundert war so von der Herkunft und ihrer eigenen Initiative abhängig und oft unsystematisch.
Neue Zeitschriften: Auch Frauen sind Adressatinnen der Aufklärung
Die meisten Frauen bildeten sich autodidaktisch. Es fehlte der Zugang zum gründlichen Unterricht sowie zu Universitäten als Orten des Austauschs und der Beziehungen. Doch die neuen Lesegesellschaften und Leihbibliotheken wurden zunehmend für Frauen geöffnet, und die „moralischen Wochenschriften“, als Leitmedium der Aufklärung, waren dezidiert auch auf Frauen ausgerichtet.
Zur Anleitung zum vernunft- und tugendgeleiteten Handeln brachten sie Belehrung, Unterhaltung – aber auch Information ins Haus. Schon 1725 erschien mit den „Vernünftigen Tadlerinnen“ die erste Frauenzeitschrift. Männliche Aufklärer wie Johann Christoph Gottsched (1700 –1766) und Johann Georg Hamann (1730 –1788) ermunterten unter weiblichen Namen zur richtigen Lektüre – aber auch zum Schreiben.
In der Frau des Poetikprofessors Gottsched kulminierten Ideale und Probleme der frühen Aufklärung. Von den Eltern und ihrem Gatten umfassend gebildet, begann Luise Adelgunde Gottsched (1713 –1762) als Mitarbeiterin ihres Mannes bei dessen Übersetzungen und Zeitschriften und schaffte es dann zur Autorin eigenen Rechts. Als Publizistin im besten Sinn beteiligte sie sich mit ganz verschiedenen Texten, wie Dramen, Satiren und Essays, an den Diskursen der Zeit, geriet aber mit ihrem Erfolg und ihrer Rolle als Pionierin der Empfindsamkeit auch in Dauerkonflikt mit dem Establishment.
Das 18. Jahrhundert wurde das Jahrhundert der Schriftstellerinnen, weil es zunächst das Jahrhundert des Briefes war. Und dass etwa seit um 1750 das Briefschreiben von Frauen seitens männlicher Aufklärer nicht nur geduldet, sondern propagiert wurde, lag an einer stilistischen Wende, dem Durchbruch eines neuen Ideals, wie es hier der „Briefpapst“ Christian Fürchtegott Gellert (1715 –1769) beschrieb: „Aus diesem Grunde kann man sich sagen, woher es kömmt, daß die Frauenzimmer oft natürlichere Briefe schreiben als die Mannspersonen. Die Empfindungen der Frauen sind zarter und lebhafter … und weil sie nicht durch die Regeln der Kunst ihrem Verstande eine ungewöhnliche Richtung gegeben haben: so wird ihr Brief desto freyer und weniger ängstlich.“
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Der gute deutsche Brief sollte „natürlich“ werden, weg von lateinischer Gelehrterei oder französischer Galanterie. Und mit ihrer „angeborenen“ Zartheit und von Gelehrsamkeit unverdorben, konnten Frauen Vorbilder der neuen Schreibart werden.
Der Brief wird zu einem eigenständigen Medium
In der Epoche der Empfindsamkeit wurde der Brief zunehmend als Ausdruck der Persönlichkeit, der „Seele“ verstanden, die aber öffentlich präsentiert wurde – „denn es war überhaupt eine so allgemeine Offenherzigkeit unter den Menschen, daß man mit keinem einzelnen sprechen oder an ihn schreiben konnte, ohne es zugleich als an mehrere gerichtet zu betrachten. Man spähte sein eigen Herz aus und das Herz der andern, und bei … der Sicherheit des Siegels, dem leidlichen Porto, griff dieser sittliche und literarische Verkehr bald weiter um sich.“ Diese schöne Beschreibung verdanken wir Goethes „Dichtung und Wahrheit“, und zwar aus einer Passage, als er den Salon von Sophie von La Roche beschrieb.
Briefe waren das wesentliche Informationsmittel des 18. Jahrhunderts, sie wurden vorgelesen und abgeschrieben und hatten so fast immer ein Publikum von mehr als einem Leser. Dazu noch einmal Goethe: „Solche Korrespondenzen, besonders mit bedeutenden Personen, wurden sorgfältig gesammelt und alsdann, bei freundschaftlichen Zusammenkünften, auszugsweise vorgelesen; und so ward man … mit der Breite der moralischen Welt ziemlich bekannt“. Und im besten Fall blieb auch der Name der Briefautorin in Erinnerung.
Dass Paradoxe ist, dass Frauen den Brief eigentlich als niedere Gattung zugewiesen bekamen und daraus eine Paradedisziplin machten. So dass man vom Brief und dem Briefroman als „trojanischem Pferd“ gesprochen hat, mit dessen Hilfe die Frauen Zugang zur Literaturgeschichte erhielten.
Als erstes ist hier Sophie von La Roche zu nennen (1730–1807). Hochgebildet, doch gelangweilt von den Repräsentationspflichten an den beruflichen Stationen ihres Mannes, entwarf sie gemeinsam mit ihrem Freund, dem Dichter Christoph Martin Wieland (1733–1813), einen Roman aus Briefen – und den Plan, wie dieser auf einem Buchmarkt zu plazieren sei, der Bücher von Autorinnen noch nicht kannte.
Man verständigte sich darauf, dass Wieland als Herausgeber einer anonymen Autorin auftreten sollte, der er das Manuskript entrissen habe, da sie „dem Verlangen nicht widerstehen konnte, allen tugendhaften Müttern, allen liebenswürdigen … Töchtern unsrer Nation ein Geschenke … zu machen, … Weisheit und Tugend … unter Ihrem Geschlechte und selbst unter dem meinigen zu befördern“. Unter diesen beiden Mäntelchen, „nur Briefe“ und „nur zur Tugenderziehung“, erschien das „Fräulein von Sternheim“, drei Jahre vor „Werther“ als erster deutscher Briefroman – und wurde ein Erfolg.
Als Autorin und Beraterin für die weibliche Jugend etabliert, begründete Sophie von La Roche 1783 eine eigene Zeitschrift: „Pomona. Für Teutschlands Töchter“. Das Magazin war zwar nicht das erste für weibliche Leser, aber das erste von einer Frau herausgegebene. Es fand in kürzester Zeit europaweit Zuspruch, selbst bei der russischen Zarin Katharina der Großen.
Bei „Pomona“ steht Erziehung und Bildung im Mittelpunkt
Während es in anderen Frauenjournalen der Zeit um Mode, Schönheit und Verhalten ging, standen bei „Pomona“ philosophische Texte über Erziehung und Bildung im Vordergrund. La Roche rechtfertigt sich: „Ich konnte mir in dem Reich der Wissenschaften kein eigenes Land erobern, aber ich kann es ja machen, wie Reisende, und mich in jedem Gebiet umsehen, welches andre angebaut haben.“
Die Leserinnen lasen über Medizin, Ernährung, Kunst, Porträts erfolgreicher Frauen sowie eine Leserbrief- und Ratgeberkolumne. Und im Unterschied zu ihrem ersten Buch machte La Roche nun klar, dass es Zeit für ein Magazin von einer Frau sei. Sie wurde die erste Berufsschriftstellerin Deutschlands, pädagogische Schriften, Romane und Reiseberichte folgten.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stellten Frauen bei dem neuen Genre des Romans die Mehrheit der Leserinnen und einen Großteil der Autorinnen, so dass einige etablierte männliche Autoren dagegen wetterten, etwa der Meister des Umgangs Adolph Freiherr Knigge (1752–1796). So sei in der Legion von „Damen, die man jetzt in Deutschland als Schriftstellerin zählt – … vielleicht kaum ein Dutzend, die als privilegierte Genies höherer Art, wahren Beruf haben, sich in das Fach der Wissenschaft zu werfen.“
Das Ideal der aufgeklärten Frau, die ihren Verstand nutzt, entwickelte sich nicht progressiv, sondern in Widersprüchen. Um 1800 hatte eine Frau, die sich bilden oder gar am öffentlichen Leben mitwirken wollte, die ganze öffentliche Meinung gegen sich, in Form der Geschlechterdebatte, an der sich alle berühmten Dichter und Denker beteiligten, von Rousseau und Molière, über die Aufklärer, Klassiker und Romantiker, bis zu Juristen und Medizinern.
Männlichkeit und Weiblichkeit waren zwar seit Aristoteles immer wieder ein Thema gewesen, aber erstmals um 1800 wurden die Begriffe absolut gesetzt, in dem Wunsch, in einer Zeit großer Umwälzungen zumindest das Häusliche sortiert zu wissen: „Der Mann muss hinaus ins Feindliche Leben … und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“ schrieb Schiller als populärster Vertreter des Denkens in „naturgegebener“ Geschlechterordnung.
Es gab aber auch Wissenschaftler wie den Göttinger Professor Ernst Brandes (1758–1810), die Argumente lieferten: Frauen hätten einen viel schwächeren Muskelaufbau, also labilere Nerven, und seien daher nicht zum Regieren gemacht, auch nicht zum Studieren.
Das Paradox der Zeit bestand darin, dass Zeitungen, in denen solche Ideale propagiert wurden, wesentlich davon lebten, dass weibliche Autorinnen für sie schrieben und so durchaus öffentlich wirksam wurden. Es war auch ein Abwehrkampf des Literaturbetriebs gegen weibliche Konkurrenz. Zum Ende des Jahrhunderts häuften sich die Karikaturen über Frauen, deren intellektuelle oder künstlerische Ambitionen den eigenen Haushalt in Rauch aufgehen lassen.
Dieser um 1800 zur Blüte kommende Diskurs von den natürlichen Geschlechtscharakteren konnte es den Frauen zwar schwerer machen, aufzuhalten war der Siegeszug der Schriftstellerinnen da aber schon lange nicht mehr.
Informelle Netzwerke von Frauen an den Universitäten
Auch die bis dato männlichen Hoheitsgebiete der Akademie und Universität schienen nicht mehr unantastbar. Als „Universitätsmamsellen“ wurde eine Gruppe Professorentöchter in Göttingen bekannt, darunter Therese Heyne (spätere Huber, siehe Kasten) und Caroline Michaelis (spätere Schelling, siehe Artikel “Endlich mehr als Musen?”), die literarisch-wissenschaftliche Netzwerke bildeten und durchaus auch politisch Haltung zeigten. Der Begriff Mamsell (hier im Sinn von: unverheiratetes Fräulein) – den die Frauen nie verwandten – spiegelt die Ambivalenz der Epoche und großer Teile der nachfolgenden Forschung gegenüber gebildeten Frauen. Die Universität schmückte sich gern mit klugen „Töchtern“. Dass sie alle sich einen eigenen Platz in der Kulturgeschichte eroberten, spielte dagegen keine Rolle.
Typisch war der Fall von Dorothea Schlözer (1770 –1825), die als erste Frau in Europa zum Doktor der Philosophie ernannt wurde, ihr Diplom aber nicht in Empfang nehmen konnte, weil Frauen in den heiligen Räumen der Universität nicht zugelassen waren. Bis zur offiziellen Zulassung von Frauen an deutschen Universitäten sollte es noch über 100 Jahre dauern. Die Pionierinnen der Publizistik und der Universität leuchteten noch weitgehend im Dunkeln.
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