Monumentalbauten und ein gewaltiges Ruinenfeld zeugen bis heute von der einstigen Bedeutung Teotihuacans: Seit dem ersten Jahrhundert nach Christus wuchs die Stadt zu einer der größten der damaligen Zeit heran. Über 125.000 Menschen sollen hier einst gelebt haben. Es war das Zentrum einer geheimnisvollen indianischen Hochkultur. Doch etwa um das Jahr 750 war Schluss: Die Menschen verließen Teotihuacan – die glanzvolle Metropole wurde zur Geisterstadt. Aber warum? Dieser Frage gehen die Forscher um Linda Manzanilla von der Autonomen National-Universität Mexiko nach. Ihre Ergebnisse legen nun eine Antwort nahe: Teotihuacan zerfiel von innen.
Genetische Untersuchungen von Überresten der einstigen Bewohner belegten, dass Teotihuacan eine ausgesprochen multiethnische Stadt war. Der Ausbruch des mexikanischen Vulkans Xitle hatte im Jahr 320 vermutlich viele Flüchtlinge in die Stadt gebracht. Wahrscheinlich blieb sie auch immer ein Anziehungspunkt für Menschen aus den unterschiedlichen Regionen des alten Mexiko. Wie das Zusammenleben damals ablief und welche Rolle die multiethnische Gesellschaft für den Aufstieg und Fall von Teotihuacan spielte, stand im Zentrum der aktuellen Forschungsarbeiten von Manzanilla und ihren Kollegen. Sie konzentrierte sich bei ihren Untersuchungen auf einen bestimmten Standteil von Teotihuacan: Teopancazco.
Die Ergebnisse legen den Forschern zufolge nahe, dass die Zuwanderer zu Herstellern von Luxusgütern in der Stadt avancierten. Vermutlich übernahmen dabei bestimmte Volksgruppen spezielle Produktionen: Sie stellten Kleidung her, Schmuck oder wurden zu Bauleuten, Musikern oder Kriegern. Aus den Untersuchungsergebnissen geht zudem hervor, dass die Gesellschaft Teotihuacans klar strukturiert war: Es gab eine herrschende Schicht, die den Fernhandel kontrollierte, und weitgehend autonom organisierte Stadtviertel, in denen die unterschiedlichen Handwerker-Gruppen lebten. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass hier einige Zuwanderer unter schlechten Bedingungen lebten. Doch es gab offenbar auch in dieser Schicht Eliten, die möglicherweise nach mehr Macht in der Gesellschaft strebten und mit den Führungsschichten anderer Standviertel konkurrierten.
Genau dies könnte Konflikte heraufbeschworen haben, die letztlich zu Unruhen und Revolten gegen die Herrschenden geführt haben, sagen die Forscher. Konkrete Hinweise auf derartige Prozesse gibt es auch, betonen sie: Verwaltungsgebäude und rituelle Stätten entlang einer der Hauptstraßen von Teotihuacan wurden um das Jahr 750 niedergebrannt und Skulpturen in Palästen umgeworfen. Hinweise einer Attacke durch äußere Feinde gibt es aber nicht. Deshalb interpretieren die Forscher diese Ergebnisse als Hinweise auf Revolten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie der prächtigen Metropole schließlich das Aus brachten, resümieren Manzanilla und ihre Kollegen.





