Dass Heuss, der sich dieses Schandflecks bewusst war, sein „Ja“ nach 1945 herunterspielte, sieht ihm sein Biograph nach. Hätte die heutige, „gnadenlos“ urteilende Generation 1949 das Sagen gehabt, so räsoniert Merseburger, Heuss wäre nie Staatsoberhaupt der jungen Republik geworden. Vielleicht ja deshalb, weil der Nationalsozialismus keine Bagatelle und das Abstimmungsverhalten von Heuss keine „Jugendsünde“ waren – er zählte immerhin schon 49 Jahre.
Der Titel des Buchs spielt übrigens ganz auf die zehn Jahre an, in denen Heuss Bundespräsident war, doch diese Zeit umfasst lediglich ein gutes Viertel des gesamten Werks. Interessanter und spannender sind die Anfänge von Heuss, sein Wurzeln in der 1848er-Revolution, seine Verehrung Friedrich Naumanns, seine Ehe mit Elly Knapp, einer für die Zeit ganz und gar modernen Frau.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Theodor Heuss sein selbstgewähltes Lebensmotto aufgeben, das lautete: „Gut rasiert im zweite Glied isch’s Beschte“. Glück und Zufall ließen ihn zum Lizenzträger der „Rhein-Neckar-Zeitung“ werden. Die amerikanische Besatzungsmacht schätzte den Liberalen, dieser nahm bald politische Führungspositionen ein, und seine große Stunde schlug im Parlamentarischen Rat. Das Leitthema von Heuss’ Bundespräsidentschaft war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Den Vorwurf einer deutschen „Kollektivschuld“ wies er zurück und sprach von einer „Kollektivscham“. So wurde Heuss zum „Erzieher der Demokratie“ oder im Volksmund einfach zu „Papa Heuss“.
Dennoch erscheint der Höhepunkt in Heuss’ Leben in dem Buch blass. Natürlich war er, wie Merseburger nicht müde wird zu betonen, ein Mann des Maßes und des permanenten Ausgleichs, doch über seine Konflikte mit Adenauer und anderen großen Politikern der Zeit hätte man gern mehr erfahren. Das Problem der so elegant geschriebenen Biographie liegt im fehlenden Spannungsbogen aus kritischen Fragen, was wiederum damit zu erklären ist, dass der Biograph zwar aus den Lesefrüchten eines langen Journalistenlebens schöpfen kann, neue Literatur seit der Jahrhundertwende jedoch nur ganz selektiv zur Kenntnis nimmt.
Rezension: Prof. Dr. Edgar Wolfrum





