Nachprüfen kann man das nicht, da diese Nachrichten von anderen Quellen der Zeit nicht bestätigt werden. Um so begeisterter werden sie in der Literatur wiederholt und oft genug genüßlich ausgebreitet. Von den üblichen Werken dieser Couleur unterscheidet sich Cesarettis Buch durch die profunde Kenntnis des Autors, eines ausgebildeten Byzantinisten und Spezialisten für das 6. Jahrhundert. Die Studie wurde denn auch von den Kritikern sehr gelobt und aus dem Italienischen in verschiedene Sprachen übersetzt – die deutsche Fassung aber ist leider schlampig lektoriert.
Der Autor versucht, Theodora in den Kontext ihrer Zeit hineinzustellen. Er zeichnet dabei ein komplexes Bild der damaligen Gesellschaft und der Stellung Theodoras, das vor allem den Gegensatz zwischen ihrer Herkunft aus einfachsten, sozial eigentlich in?akzeptablen Verhältnissen und ihrer Stellung als Kaiserin herausstellt. So ergibt sich eine differenzierte, gut geschriebene und oft sehr spannende Schilderung der sozialen Verhältnisse im Byzanz des 6. Jahrhunderts, die den Leser trotz mancher Längen in ihren Bann zu ziehen vermag.
Zugleich liegt hier aber auch das größte Problem. Cesaretti arbeitet oft mit Analogieschlüssen, die zwar eine gewisse Wahrscheinlichkeit in sich tragen, aber letzten Endes, auf die konkrete Person bezogen, nicht beweisbar sind. Und es ist fragwürdig, wenn er einerseits Prokops Verleumdungen als solche herausstellt, sie dann aber trotzdem immer wieder benutzt, um seine „Heldin“ Theodora zu charakterisieren, und sei es im Umkehrschluß. Da andere unabhängige Nachrichten fehlen, ist eines wie das andere problematisch.
Fazit: Wir haben hier eine „Docufiction“, mit allen Vorund Nachteilen dieses Genres. Wer das mag, der ist mit Cesarettis „Theodora“ gut bedient. Wissenschaftlichen Standards genügt das Buch hingegen nur mit Einschränkungen.
Rezension: Lilie, Ralph-Johannes





