Die lebenslange Dictatur (dictatura perpetua) stand am Ende einer längeren, schrittweisen Entwicklung und war dennoch ein Tabubruch. Seit dem Beginn des Bürgerkriegs hatte sich Caesar zunehmend des alten römischen Amtes der Dictatur bedient, um seiner Kommandogewalt über alle anderen römischen Amtsträger eine nachvollziehbare Form zu geben. Nach einem kurzen Rückgriff auf die WahlDictatur Ende des Jahres 49 hatte er sich nach dem ersten großen Sieg bei Pharsalos 48 v. Chr. in Abwesenheit zum dictator ernennen lassen, und zwar offenkundig mit der traditionellen Kernaufgabe, den anstehenden Krieg des Gemeinwesens zu führen. Schon bei dieser Dictatur, die er als seine zweite zählte, war die gewohnte Amtszeitbegrenzung auf höchstens sechs Monate durch eine einjährige Frist ersetzt worden. Dies war zweifellos von der Sache her angemessen, denn die halbjährige Höchstgrenze stammte aus einer Epoche, in der die saisonale Kriegführung ohnehin keine längeren Feldzüge erwarten ließ. Die Lage des Jahres 48 war aber nicht dazu angetan, dass man mit einer schnellen Erledigung des Krieges in einem halben Jahr rechnen konnte. Also war die Verlängerung der Dictatur auf ein Jahr sachadäquat und dennoch natürlich ein Eingriff in die alt‧hergebrachten Formen des römischen Gemeinwesens.
46 v. Chr., nach dem großen Sieg Caesars in der Schlacht bei Thapsos, der für Theodor Mommsen den Untergang der römischen Republik besiegelte, wurde Caesar zum Dictator auf zehn Jahre ernannt. Weiterhin wurden seine Dictaturen aber als Jahresämter behandelt, so dass im Sommer 45, als das erste Jahr seiner Zehnjahresdictatur auslief, in aller Form Caesars dritte Dictatur endete und die vierte begann. Wohl im Herbst 45 diente der Senat Caesar die lebenslange Dictatur an, mit deren Antritt die Zählungen von Einzeldictaturen eingestellt wurden.
Wieso war die lebenslange Dictatur ein so großer Einschnitt? Schließlich waren von Caesars zehnjähriger Dictatur erst zwei Jahre abgelaufen, bis ins Jahr 36 v. Chr. war Caesar also ohnehin zum Dictator im römischen Gemeinwesen bestellt. Seine Kompetenzen blieben demnach exakt dieselben, unmittelbar änderte sich auf der Ebene von Macht und Vollmacht Caesars überhaupt nichts. Doch gerade weil die neue Dictatur aktuell zur bisherigen Stellung Caesars nichts hinzufügte, hatte der Akt eine so durchschlagende symbolische Bedeutung. Den Römern, die ihren Dictator nun auf Lebenszeit behalten sollten, musste sich der Vorgang doch so darstellen: Caesar proklamierte offiziell die Monarchie.
Denn bisher hatte er sich ja noch an ein Grundprinzip des republikanischen Ämterwesens gehalten, nämlich die Annuität, das heißt die Regel, dass fast alle relevanten Ämter nur für ein Jahr vergeben wurden. Dass er das Kollegialitätsprinzip aufgegeben hatte, also die Tradi‧tion, dass jeder Amtsinhaber mindestens einen gleichberechtigten Kollegen an der Seite hatte, war noch hinnehmbar, da die Dictatur, die er sich mit gutem Grund aus dem bescheidenen republikanischen Arsenal an Leitungsfunktionen erwählt hatte, traditionell vom Kollegialitätsgebot ausgenommen war. Allerdings war sie dezidiert eine Notstandsmagistratur, zu der man eben griff, um in besonderen Fällen ein Problem zu lösen, und nur dafür nahm man in Kauf, dass ein Einzelner ohne Kontrolle eines Gleichberechtigten nach eigenem Gusto agieren durfte.





