„Wirtschaftswunder“ :Tradition trifft stille Modernisierung - wissenschaft.de | DAMALS
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Tradition trifft stille Modernisierung
Die Regierungsjahre Adenauers stehen für die paradoxe frühe Bundesrepublik. Beabsichtigt war eine konservative Rekonstruktion traditionalistischer sozialer Ordnung, wie die Familienpolitik zeigt. Zugleich sorgte Wirtschaftsminister Ludwig Erhard für eine marktwirtschaftliche Liberalisierung. Das Ergebnis waren das „Wirtschaftswunder“ und eine sich festigende Demokratie.
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von PHILIPP GASSERT
Als in der Bundestagswahl 1957 die Unionsparteien mit der Parole „Keine Experimente“ die absolute Mehrheit der Stimmen errangen, wirkte dies wie ein erfolgreiches Plebiszit über den Gründervater und Patriarchen der Republik, Konrad Adenauer. Dieser dominierte die bundesdeutsche Politik wie nach ihm kein zweiter Kanzler. Daher ist er zurecht der einzige, nach dem eine ganze Epoche in der Geschichte unseres Landes benannt wird. Auch Willy Brandt, Helmut Kohl oder Angela Merkel waren Deutschland prägende Figuren. Aber sie konnten das Schicksal der BRD nicht in der Weise bestimmen, wie Adenauer in den ersten Legislaturperioden. Dies hatte mit den außergewöhnlichen Umständen seiner Kanzlerschaft zu tun. Es gab Gestaltungsspielräume, vieles musste neu erschaffen werden. Zugleich standen die 1950er Jahre im Zeichen einer gesellschaftlichen Suche nach Halt und Verlässlichkeit, kurz nach dem katastrophalen Krieg und dem deutschen Absturz in Diktatur und Völkermord. In Umbruchzeiten verkörperte Adenauer Kontinuität und Stetigkeit in der Politik.
Adenauer hatte das Glück, dass der Wiederaufbau bald nach seiner Wahl 1949 die hohen Wachstumsraten generierte, die schon zeitgenössisch als „Wirtschaftswunder“ tituliert worden sind. Die Entfesselung der Produktivkräfte war nicht sein Verdienst, vertrat er doch eine eher altväterliche Wirtschaftsphilosophie. Protektionistische Reflexe waren ihm nicht fremd. Hier gab Vizekanzler und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard die Richtung vor. Er setzte seit der umstrittenen Währungsreform 1948 auf konsequente Liberalisierung. Er konnte gemeinsam mit dem Koalitionspartner FDP den auch in Teilen der Union gängigen Impuls zu Dirigismus und Industriepolitik einhegen.
Davon profitierte letztlich Adenauer, der, so der Journalist Johannes Gross, dank des Wirtschaftsbooms „mit Hilfe der Taktik der Vorabbefriedigung der sozialen Interessen“ seine Wahlkämpfe von sozialem Konfliktstoff freihalten konnte. Auch half der wachsende Wohlstand, die Bevölkerung einschließlich der zahlreichen Altnazis von Republik und Demokratie zu überzeugen.
Konservative Familienpolitik einerseits, eine progressive Rentenreform andererseits
Adenauer war ein Meister der Widersprüche: Er stand für die gute bürgerliche Mitte, für traditionelle Familien- und Rollenbilder. Der verwitwete, vielfache Vater und Großvater lebte in einem modernen Haus über dem Rhein, auf einer Fläche weit jenseits des Durchschnittsmaßes. Doch es wirkte nicht protzig, sondern zurückhaltend, konservativ ausstaffiert, durchschnittlich. Er war unzweifelhafter NS-Gegner gewesen, 1933 abgesetzt und gegen Ende des Kriegs inhaftiert worden. Doch er trieb die Integration der ehemaligen Nazis voran, deckte über deren Verfehlungen einen Mantel des Schweigens.
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Der überzeugte Demokrat rheinischer Prägung zeigte den westlichen Alliierten die Zähne, so mit dem symbolischen „Schritt auf den Teppich“ auf dem Petersberg 1949, als er das Besatzungsstatut von den Hohen Kommissaren entgegennahm. Hier demonstrierte er seinem Volk einen Kanzler „auf Augenhöhe“. Diese Inszenierung imponierte einer selbstgerechten Gesellschaft, in der deutsch-nationaler Trotz sich zum Beispiel im Protest gegen alliierte Demontagen auslebte.
Innenpolitisch steht Adenauer für diesen Spagat zwischen sozial erwünschter Rekonstruktion und Rückkehr zur „Normalität“ und durch das „Wirtschaftswunder“ beschleunigter, wenn auch stiller Modernisierung – vor dem Hintergrund massiver Umbruchserfahrungen von den 1930er bis in die 1960er Jahre. Das lässt sich an den familienpolitischen Weichenstellungen gut zeigen. Zeitgenössisch medial wie auch im Rückblick wurde die Ära Adenauer als „goldene Zeit“ der Familie verklärt, mit dem Vater als Ernährer und der Mutter als Hausfrau und Erzieherin von mehreren Kindern.
Die Realität war eine andere: Zahlreiche Kinder wuchsen aufgrund der Millionen Gefallenen ohne Väter auf. Auch diejenigen, die im klassischen Muster eine Familie gründeten, sahen sich mit ökonomischen Engpässen, anfangs hohen Scheidungsraten und, verschärft aufgrund der Notwendigkeit zu „Frauenarbeit“, mit realen Problemen fehlender Kinderbetreuung konfrontiert – man denke nur an die vielen „Schlüsselkinder“.
Schon der Begriff „Familienpolitik“ war für konservative Christdemokraten belastet. Wie die Historikerin Christiane Kuller gezeigt hat, hatte „Familienpolitik“ in der BRD „einen schwierigen Start“. Sie musste von den biopolitischen Maßnahmen des NS-Staats abgegrenzt werden, der sie als „ein Instrument der Bevölkerungs- und Rassenpolitik“ verstanden hatte. Die Familienpolitiker der Union, wie der erzkatholische erste Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling, orientierten sich an der christlich-bürgerlichen Familiennorm und hielten das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre hoch. Sie wollten – anders als das NS-Regime – den Staat bewusst aus der Familie heraushalten. Er sollte nur dort eingreifen, wo es notwendig war. Das Elternrecht war heilig, die Konfessionsschule wurde mit Zähnen und Klauen verteidigt. Neben Umlagen und kriegsbedingtem Lastenausgleich setzte konservative Familienpolitik auf karitative Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände.
Konservativ war diese subsidiär gedachte Familienpolitik der Ära Ade-nauer sowohl mit Blick auf das heteronormative Leitbild der klassischen Kernfamilie, in der die Frau dem Mann rechtlich untergeordnet war, als auch mit Blick auf die Sexualmoral. Hier ging es um eine Korrektur des vermeintlichen „Sittenverfalls“ im „Dritten Reich“. Daher ist „konservativ“ für die 1950er Jahre definitiv nicht gleich „Kontinuität“, wie die „Generation von 1968“ glaubte. Im Gegenteil: Es ging um den Rückbau unerwünschter Modernisierungen der NS-Zeit.
Progressiv wiederum war die wichtigste sozialpolitische Maßnahme der Ära Adenauer überhaupt, die Rentenreform 1957. Sie war seit den 1940er Jahren diskutiert worden und führte vom Kapitaldeckungsverfahren zur Umlage-Finanzierung. Hier brach Adenauer, gegen erbitterten Widerstand der Unternehmerverbände und des Wirtschaftsflügels um Erhard, mit der Tradition und näherte sich dem britischen System an. Dass im Endergebnis die laufenden Renten massiv erhöht wurden und das Vertrauen in den Sozialstaat wuchs, trug zum sozialen Frieden bei, ebenso wie, erfreulicher Nebeneffekt für den Kanzler, zu Wahlsiegen seiner Partei.
„Wirtschaftswunder“: Aufholjagd, Liberalisierung und Strukturwandel
Auch die wirtschaftliche Entwicklung in der Ära Adenauer zeigt ein zwiespältiges Bild: Zum einen war das Wirtschaftswachstum in den von Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg am stärksten betroffenen Ländern wie Frankreich, Italien und Deutschland im nachholenden Wiederaufbau besonders hoch. Zugleich setzte ein massiver, wenn auch zunächst kaum sichtbarer Strukturwandel ein. Im Lauf der 1950er Jahre sank der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten von einem Viertel auf 14 Prozent, während 1960 fast die Hälfte in der Industrie arbeitete (auch in der DDR ergab sich ein solcher Wandel).
Die wachsende Dominanz der Industrie wurde zur deutschen Besonderheit. Der Wirtschaftshistoriker Gerold Ambrosius spricht daher von einem „Industriewunder“. Auf Basis älterer Innovationen sowie der rüstungswirtschaftlich bedingten Kapazitätszuwächse der NS-Zeit, die auch der Bombenkrieg nicht hatte ausradieren können, wurden die Produktivitätssteigerungen erzielt. Dies brachte Wohlstand für die beginnende Konsumgesellschaft.
Aufgrund der Untersuchungen von Wirtschaftshistorikern wie Werner Abelshauser, Werner Plumpe und anderen ist klar, dass der wirtschaftliche Rekonstruktionsprozess wenig mit Adenauer zu tun hatte, sehr viel aber mit der Entscheidung der Westmächte für die Marktwirtschaft sowie den Wirkungen der Währungsreform 1948. Diese war mit einer „Massenenteig-nung“ (Plumpe) der meisten Menschen einhergegangen und erforderte Arbeitsdisziplin zum Überleben. Die Ära Ade-nauer hatte gute Startchancen, auch wenn die Arbeitslosigkeit bis 1953 hoch blieb.
Die durch den Marshall-Plan bewirkte Liberalisierung des Außenhandels und dann der Rüstungsboom des Korea-Kriegs regten die in- und ausländische Nachfrage an. Dank massiver Zuwanderung aus den ehemaligen Ostgebieten und später der DDR stand ein qualifiziertes Arbeitskräftereservoir zur Verfügung. Wohnungsbauprogramme förderten die Mobilität der Arbeitskräfte, wirtschaftsfreundliche Steuerpolitik Investitionen. Adenauers Republik profitierte von der deutschen Teilung und vom Kalten Krieg.
Ende der 1950er Jahre erwies sich die Energiepolitik als erste große Herausforderung für das „Wirtschaftswunder“. Anfang 1958 brach die Bergbaukrise an der Ruhr offen aus. Bergarbeiter organisierten große Demonstrationen in Bonn und machten Ade-nauer persönlich für Zechenstilllegungen verantwortlich. Die Steinkohlelobby, die Unterstützung bei der SPD, der IG Bau und auch bei der CDU-geführten NRW-Landesregierung fand, forderte lautstark Importsteuern gegen „Erdöl-Dumping“, darüber hinaus massive Subventionen für den Bergbau sowie Einfuhrverbote für ausländische Kohle.
Der Kanzler, der einer Welt entstammte, so sein Biograph Hans-Peter Schwarz, „in der sich alles um den Energieträger Kohle drehte“, erinnerte besorgt an die Weimarer Zeit, in der zahlreiche politische Unruhen im Ruhrgebiet begonnen hätten. Auch fürchtete er um die Rolle der CDU im wichtigsten Bundesland. Und er warnte vor der Abhängigkeit von billigem Importöl: Die Kohle habe man doch im eigenen Lande!
Am Ende setzten sich Erhard und die Liberalen durch. Erhard soll den Subventionswünschen der Ruhrindus-trie entgegengesetzt haben, man hole „doch nicht die Feuerwehr, „wenn die Milch anbrennt“. Der Bundeswirtschaftsminister konnte auf die Unterstützung der unionsregierten Südländer Baden-Württemberg und Bayern zählen, die als Zentren verarbeitender Industrie auf billige Energie durch Erdöl setzten. Der Strukturwandel traf das Ruhrgebiet hart, während der Süden und Hessen vom „Wirtschaftswunder“ profitierten.
Bezeichnenderweise unterlagen die wirtschaftsliberalen Prinzipien dagegen in der Landwirtschaft. Hier fanden sich die zwei Südländer mit Nordrhein-Westfalen auf der Seite der Subventionsbefürworter. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) tat ein Übriges, den Agrarprotektionismus dauerhaft einzuwurzeln. „Europäisierung“ wurde mit Dirigismus gleichgesetzt, weshalb sich der Atlantiker und Freihändler Erhard gegen diese französisch inspirierte Form der europäischen Integration aussprach. Doch gegen die Bauernverbände kamen die Wirtschaftsliberalen letztlich nicht an, zumal der Kanzler auf den ländlichen Raum, der eine Hochburg der Union war, sehr viel Rücksicht nehmen musste.
Als sich die Konsumgesellschaft etabliert, wankt Adenauer bereits
Mit dem Wirtschaftswunder eng verbunden ist der schleichende Übergang zur modernen Konsumgesellschaft. Der Massenkonsum, der auch den Bereich der Dienstleistungen stärkte, zeigte sich äußerlich in zahlreichen fabelhaften neuen Produkten, die Schaufenster und Plakatwände zierten und nun ostentativ konsumierbar wurden: Mode, Radiogeräte, Möbel, Kühlschränke, zunächst Motorroller, dann Automobile – wie der zum Symbol des Wirtschaftswunders gewordene VW-Käfer, den sich anfangs nur wenige leisten konnten und mit dem die wenigsten übrigens sofort nach Italien reisten, anders, als es sich in der populären Erinnerung festgesetzt hat.
Der „Ballermann“ lag damals noch in Ruhpolding in den bayerischen Alpen. Urlaub wurde, wenn überhaupt, an der deutschen See und im Schwarzwald gemacht. Da ein guter Teil der Bevölkerung Hab und Gut im Krieg verloren hatte, möblierte sich das Land in den schnell hochgezogenen Wohnblöcken der Wunderjahre mit neuen Sofas und Tischen. Der Konsum zeigte sich in medial überhöhten „Fresswellen“ und Debatten über neue Produkte, wie der rhetorisch umkämpften Coca-Cola. An die „amerikanische Brause“ knüpften sich allerhand Überfremdungsängste.
Das Konzept des „Wohlstand für alle“, das Erhard propagierte, schien aufzugehen. Bis in die späten 1950er Jahre war das Niveau bescheiden. Eine Zäsur im Niveau des Konsums und bei den Konsumpraktiken lässt sich erst um 1959/60 erkennen, so der Historiker Michael Wildt. Da war Adenauer politisch schon auf dem absteigenden Ast. Das bezeugen die querelenreiche Regierungsbildung 1957 sowie der Streit um seine Nachfolge, der in der „Präsidentschaftskrise“ 1959 offen ausbrach. Die Ära Adenauer war so gut wie vorbei, als es mit der Konsumgesellschaft so richtig los ging.
In den 1950er Jahren waren die Grundlagen gelegt worden. Doch die am Konsum von Waren und Dienstleistungen orientierte neue Gesellschaft brachte es mit sich, dass die mit Adenauer identifizierten konservativen Rollen-, Familien- und Gesellschaftsbilder unter Druck gerieten. Zwar dauerte es bis in die frühen 1970er Jahre, bis die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern durchgesetzt sein sollte. Schon in der späten Ära Adenauer aber begannen Frauen wieder vermehrt, außerhalb des Haushaltes zu arbeiten, wenn auch zunächst nur, um „zuzuverdienen“.
Dieses demokratisierende Potential einer Konsumgesellschaft wurde in der Revolte von 1968 lautstark eingefordert. Sie wollte in ihren sinnenfreudigen Ausprägungen, weniger in ihrem intellektuellen Kern, mit Fleiß, Sparsamkeit, Genügsamkeit, patriarchalischen Hierarchien und traditionellen Werten Schluss machen. Als Adenauer 1967 starb, war die Welt des Gründungskanzlers untergegangen. Die 68er, die gegen den angeblichen „Muff“ der Ära Adenauer wie auch der NS-Zeit der „1000 Jahre“ Banner schwenkten, profitierten von den Weichenstellungen der 1950er und der dadurch ermöglichten sozialen Liberalisierung: In der Tat ist die frühe Konsumgesellschaft im Kern demokratischer als die hierarchische Welt der alten Industrie. Zwar verschwanden Unterschiede zwischen Klassen und Schichten nicht. Doch die Bundesrepublik um 1965 wirkte egalitärer und gleicher. Denn der erleichterte Zugang zu langlebigen Haushaltsgütern, zu Individualverkehr und Freizeit schliff Unterschiede ab. Die revoltierenden 68er rissen so manche Zäune ein, die längst niedergelegt worden waren.
1959 kam der Film „Rosen für den Staatsanwalt“ (Regie: Wolfang Staudte) in die Kinos. Diese Satire über das Weiterwirken ehemaliger Nazis visualisierte auch das moderne Stadtbild der wiederaufgebauten Republik, mit regem Verkehr, quietschenden Trambahnen und Autos sowie Schaufenstern voller Konsumversprechen. Nebenbei wird ein Bröckeln der Sexualmoral thematisiert, worauf sich ein Teil der empörten Reaktionen bezog. Denn es werden weibliche Nacktheit, außereheliche Beziehungen sowie eine wirtschaftlich unabhängige Frau gezeigt. Der eigentliche Skandal aber ist, dass sich der titelgebende Staatsanwalt als alter NS-Funktionär entpuppt. Im Zweiten Weltkrieg war er Blutrichter. Nun lebt er ungestört im modernen bürgerlichen Ambiente und ist weiter in der Justiz tätig. Er ist nur äußerlich Demokrat, innerlich weiter Nazi, hetzt gegen „amerikanische Negermusik“, kauft heimlich die neonazistische „Deutsche Soldatenzeitung“. Er wird enttarnt, als er einem im Krieg von ihm zum Tode Verurteilten erneut vor Gericht gegenübersteht.
Schweigen, integrieren, abgrenzen: Umgang mit der NS-Vergangenheit
„Rosen für den Staatsanwalt“ thematisiert als einer der wenigen Filme der Zeit einen für die 1950er Jahre noch seltenen Justizskandal und leuchtet in die Abgründe hinein, welche die Ära Adenauer kaschierte. Staudte, selbst in der NS-Zeit Regisseur und Schauspieler, wenn auch zeitweilig mit Berufsverboten belegt, hatte sein Lebensthema in seinem bekanntesten Film gefunden: „Die Mörder sind unter uns“ (1946, zugleich erster Film der ostdeutschen DEFA). Nun arbeitete er in der Bundesrepublik, wo NS-belastete Eliten weiterwirkten, die kein Interesse an „Aufarbeitung“ hatten. Die Regierung Adenauer erlaubte ihnen unter anderem durch großzügigste Anwendung der hergebrachten Grundsätze des Beamtenrechts (das 1951 beschlossene „131er-Gesetz“, benannt nach dem einschlägigen GG-Artikel, regelte die Rechtsstellung von Beamten des „Dritten Reichs“ gegenüber der Bundesrepublik) eine „geräuschlose Rückkehr“. Da sie ja die große Mehrheit der einstigen „Volksgenossen“ repräsentierten, wurde ihre Zustimmung zur Demokratie mit dem raschen Abbau der politischen Säuberungen und der Entnazifizierung erkauft. Politisch machte das Sinn, weil es das Hochkommen einer neonazistischen Partei rechts der Union erschwerte.
Diese „Vergangenheitspolitik“, wie der Historiker Norbert Frei sie nennt, war breit angelegt und wurde mit hohem Tempo ins Werk gesetzt, kaum dass die Bundesrepublik gegründet worden war und der Bundestag diese Fragen überhaupt entscheiden durfte. Die Politik der Milde gegenüber den Funktionseliten war unumstritten. Das Mitleid gegenüber den von den alliierten Säuberungen Betroffenen, darunter auch führende Nazis wie Rudolf Heß und Albert Speer, war hoch. Es kontrastierte mit der äußerst harschen Abwehr der Ansprüche der Opfer und Verfolgten des NS-Regimes. Über deren Anträge entschied in den Behörden nun rehabilitiertes NS-Personal.
Debattiert wird, wie zwingend diese Politik war. In den 1960er Jahren wurde sie zunehmend skandalisiert, etwa durch Alexander und Margarete Mitscherlich, beide Psychoanalytiker und Mediziner, in „Die Unfähigkeit zu trauern“ (1967). Die bekannteste Gegenthese formulierte der Philosoph Hermann Lübbe 1983: Die „gewisse Stille“ in der Thematisierung individueller Nazi-Verstrickungen sei „eine Funktion der Bemühung“ gewesen, „zwar nicht diese Vergangenheiten, aber doch ihre Subjekte in den neuen demokratischen Staat zu integrieren“.
Demokratisierung und peinliches Schweigen über Täter und Tätervolk wurden „nach Hitler“ (Konrad Jarausch) lange Zeit als zwei Seiten derselben Münze akzeptiert. Zugleich gab es seitens des offiziellen Bonn, Ade-nauer inklusive, eine klare Abgrenzung vom Nationalsozialismus. Der antinazistische Konsens der zweiten Republik war unstrittig. Für Adenauers Rücksicht gegenüber den Altnazis sprach, dass in Umfragen viele Menschen noch lange der „Friedenszeit“ des Nationalsozialismus als einer „guten Ära“ nachtrauerten – oder gleich das Kaiserreich für die beste Zeit hielten, die es je in Deutschland gegeben habe.
Die frühen Bundesbürger waren unsichere Demokraten, wie wir aus den Umfragen der Alliierten Hohen Kommission wissen. Dies änderte sich, als die Zeiten um das Jahr 1960 spürbar besser wurden. Nun wankte der Konsens der Integration der Tätergruppen mittels „Beschweigen“ persönlicher Schuldhaftigkeit. Große, öffentlichkeitswirksame NS-Verfahren wie der Ulmer Einsatzgruppenprozess (1958) und der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) ließen einen Neuansatz in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dringlich erscheinen.
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