Die Große Synagoge von Vilnius (früher Wilna) wurde im 17. Jahrhundert erbaut. Das fünfstöckige, von einem großen Kreuzgewölbe überwölbte Bauwerk bildete das Zentrum eines ganzen Komplexes aus weiteren Synagogen, rituellen Bädern, Toraschulen und sonstigen Stätten jüdischer Gelehrsamkeit und Religion. Für die rund 56.000 Jüdinnen und Juden, die bis zur Besetzung durch die Nationalsozialisten in Vilnius lebten, war sie ein bedeutendes Zentrum der Torastudien und des Gebets. In einem Vorbau der Synagoge lag eine Bibliothek mit 35.000 Büchern, viele davon Werke berühmter osteuropäischer Rabbiner und Toragelehrter.

Ausgrabungen enthüllen Synagogenreste
Doch während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die Große Synagoge geplündert und brannte während der Schlacht um Wilna im Jahr 1944 nieder. Nachdem Litauen von den russischen Truppen erobert und später Teil der Sowjetunion wurde, riss man die verbliebenen Ruinen ab und erbaute darüber Wohnhäuser und eine Schule. Erst im Jahr 2015 enthüllten Untersuchungen mittels Bodenradar, dass im Untergrund noch einige Teile der Synagoge erhalten waren. Seither führen Archäologen der israelischen Antikenbehörde, der litauischen Archäologievereinigung und einiger Stiftungen dort Ausgrabungen durch. Dabei wurde unter anderem das Lesepult der Synagoge, die Bima, entdeckt.
Jetzt berichten die Archäologen von neuen Funden. In der diesjährigen Grabungssaison legten sie neben Teilen des einstigen Frauenbereichs der Synagoge erstmals auch den Fußboden im Haupttraum des Bauwerks frei. Es zeigte sich, dass dieser Boden einst mit einem Mosaik aus roten, schwarzen und weißen Blumen verziert war. Die Reste einer eingestürzten Mauer lassen zudem erkennen, dass auch die Wände dieses Raumes einst mit blauen und roten Ornamenten geschmückt waren. Im Zentrum des Hauptraums entdeckten die Archäologen zudem eine der vier großen Säulen aus toskanischem Marmor, die einst die Bima umgaben. Sie trugen ein kleineres Mittelgewölbe über diesem zentralen Ort des Gebets und der Toralesungen. Die massive, große Säule liegt heute zerbrochen auf der Seite.
“Eindrücke aus dem Leben der Gemeinschaft”
“Die prachtvollen Relikte, die wir entdecken und die farbenfrohen Dekorationen des Bodens und der Wände rufen Eindrücke aus dem Leben dieser verloren gegangenen, einst so lebhaften Gemeinschaft in Erinnerung”, sagt Justinas Rakas von der litauischen Archäologischen Gesellschaft. Grabungsleiter Jon Seligman von der israelischen Antikenbehörde ergänzt: “Die architektonische Ausgestaltung und Farbenpracht – und die Zerstörung der eindrucksvollen Riesensäulen, die während der Zerstörung der Synagoge durch die Nazis und Sowjets zerbrachen – erzählen uns die tragische Geschichte dieser einst hier lebenden Gemeinschaft, die heute nicht mehr existiert.”





