In der Tat spiegeln Stierkämpfe (corridas de toros) ein fundamentales Element der kollektiven Mentalität in diesem Land. Man kann die emotionalen Lebenswelten Spaniens kaum verstehen, wenn man sich nicht vor Augen führt, dass Stierkämpfe schon sehr früh zu einer Art nationalem Fest wurden. Vor diesem Hintergrund nimmt es wunder, dass die spanischen Universitäten lange Zeit keine Forschungsanstrengungen im Blick auf die Corrida unternahmen, ja diese beinahe systematisch ignorierten. Man hielt den Stierkampf einfach nicht für untersuchenswert. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind dann allerdings wichtige Arbeiten über die Stierkämpfe erschienen. Zudem haben in den letzten Jahren auch nichtspanische Wissenschaftler den Stierkampf als Untersuchungsgegenstand entdeckt.
Im Unterschied zu den meisten Wissenschaftlern interessierten sich spanische Literaten und Künstler schon sehr früh für die Corrida de Toros. Von den Malern sind vor allem Francisco de Goya und Pablo Picasso zu nennen. Einer internationalen Leserschaft hat vor allem Ernest Hemingway den Stierkampf nahegebracht. Der Schriftsteller war von der Corrida so fasziniert, dass er das Thema gleich in dreien seiner Bücher verarbeitete: „Fiesta“, „Tod am Nachmittag“, und „Der Unbesiegte“.
Das 18. Jahrhundert markiert in Spanien den Versuch, das Land im Zusammenhang mit der europäischen Aufklärung zu modernisieren. Auch die bis dahin traditionellen Stierkämpfe wurden von diesem Modernisierungsprozess erfasst und so dem neuen Zeitgeist des Jahrhunderts angepasst. Mit neuen Regeln und Rechten erhielten die Kämpfe eine veränderte Gestalt, die man als „protokapitalistisches Geschäft“ bezeichnen kann. Obwohl die Corrida de Toros sich auf sehr alte Ursprünge zurückführen lässt, hat sich ihre gegenwärtige Form demnach erst im 18. Jahrhundert herausgebildet – und zwar nicht als etwas Barbarisches oder Archaisches, wie heute gelegentlich vermutet wird, sondern als eine Erneuerung im Licht der europäischen Aufklärung.
Beim Stierkampf handelt es sich um eine Begegnung mit dem Tod, dem sicheren Tod des Stiers und dem möglichen Tod beteiligter Menschen. Im Folgenden wird nach den Gründen dafür gefragt, warum Spanien den wirklichen Tod zum öffentlichen Schauspiel und zu einem lebensfrohen Fest gemacht hat. Man könnte das Geschehen auch so interpretieren: Der Stierkampf inszeniert das Drama des Lebens als Fest. Dabei bilden aber nicht dessen Beginn oder seine Mitte den Höhepunkt, sondern die Glorie eines großen Todes. Ganz zweifellos ist die Corrida auch ein grelles Spektakel, in dem Blut, Leid und Tod eine tragende Rolle spielen, aber eben nicht nur das, sondern auch Kunst, Schönheit und Rhythmus. Viele Züchter vertreten heute die Auffassung, die Art und Weise, wie der Kampfstier lebe, sei ein Privileg. Bei dem Kampfgeschehen handle es sich um „eine Art Religion“, um ein „Opferritual“. Nicht so sehr der Tod des Stiers, sondern sein Leben und dessen Höhepunkt, nämlich das Verhalten des Tiers während der letzten großen Bewährung, stünden im Mittelpunkt dieser quasireligiösen Handlung. Es erinnert auch an religiöse Opferhandlungen, dass die toten Stiere nach Abschluss der Zeremonie zerlegt, gekocht und die garen Fleischstücke den Zuschauern zum Verzehr angeboten werden.





