Der „Hof Frie“ erlebte im Lauf der 1960er Jahre einen tiefgreifenden Wandel, der sich – wie es im Untertitel heißt – dem stillen Abschied vom bäuerlichen Leben verdankt. Am Beispiel der individuellen Lebenswege, Erfahrungen und Einstellungen seiner vielen Geschwister erzählt und erklärt Frie einen Umbruch, den er an einer Vielzahl von Details und Einzelbeobachtungen festmacht. Die Pferde, die einen auch zum Gottesdienst brachten, wurden in der Landwirtschaft immer häufiger durch Traktoren ersetzt; die Zuchtviehmärkte und Tierschauen verloren allmählich an Bedeutung; in der Zeit des Wirtschaftswunders boten Industrie, Handwerk und Dienstleistungsbetriebe attraktive Arbeitsplätze mit geregelten Arbeitszeiten und sicherem Einkommen.
All dies kann man auch andernorts nachlesen. Was das Buch von Frie so außergewöhnlich macht, ist die Einflechtung persönlicher, vermeintlich belangloser Einzelheiten, die sich als Symptome dieses Wandels herausstellen. So gewannen etwa die Dorfkinder, die Taschengeld besaßen, neue Turnschuhe trugen und zudem schwimmen konnten, gegenüber den „dummen Bauern“ immer mehr die Oberhand. Man liest von Kälteerfahrungen der Geschwister, erfährt aber noch viel mehr über das Denken und Handeln von Vater und Mutter, von „knochenbiegender Landarbeit“, familiären Andachtsritualen und subtilen Veränderungen, die man heute als Ausdruck weiblicher Emanzipation deuten würde. Ein Begriff kommt besonders häufig vor, in zahlreichen Abstufungen und Nuancen: die „Welt“. Bauern und Dörfler lebten „in unterschiedlichen Welten“, Kinder wachsen in „eine bäuerliche Welt“ hinein, es gibt die „Rinderzüchterwelt“ des Vaters und die „Sozialwelt“ der einzelnen Familienmitglieder.
Fries Buch bewahrt davor, solche Räume, die von Jahrgang, Geschlecht und Bildung abhängig sind, gering zu schätzen und vorschnell von gesellschaftlichem Auf- oder Abstieg zu sprechen. Sein Vergleich mit der Situation des alteingesessenen Vaters macht dies deutlich: „Ich besitze kein Land, kein Haus, keine Tiere, keine Apfelbäume und keine Feuerstelle.“ Schon diese eine Stelle zeigt, dass Frie ein sehr persönliches, sehr ehrliches Buch verfasst hat. Seine „Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Familiensinn“ ist bestechend, lehrreich und unterhaltsam zugleich, und dies von der ersten bis zur letzten Seite.
Rezension: Prof. Dr. Joachim Bahlcke
Ewald Frie
Ein Hof und elf Geschwister
Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben
Verlag C.H. Beck, München 2023, 191 Seiten, € 23,–





