Die Geschichte der DDR ist ein Gegenstand geteilter Erinnerung. Geteilt im doppelten Sinn des Wortes: Es macht einen Unterschied, ob man die DDR von innen durchlebte oder als Bundesbürger von außen auf sie blickte. Aber seit der Entscheidung der DDR-Bürger in der Parlamentswahl am 18. März 1990, den Weg in eine gemeinsame Zukunft durch raschen Beitritt zur Bundesrepublik zu beschreiten, heißt es auch, die Erinnerung an sie zu „teilen“, so kontrovers die persönlichen Erfahrungen und die Haltungen zum Staat Ulbrichts und Honeckers auch sein mögen. Und die jüngere Generation steht vor der Aufgabe, sich in diesen unterschiedlichen Perspektiven von Eltern und Großeltern zu orientieren, wenn heute über das Leben in der DDR und – nicht zuletzt – die Umbrüche danach gestritten wird.
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Historikerinnen und Historiker blicken heute weit weniger kontrovers auf die DDR-Geschichte als in früheren Zeiten. Die Enthüllungen über die Allgegenwart der Staatssicherheit, über politische Haft und Mauertote sind kein Gegensatz mehr zu den Bildern des Aufbruchs nach dem Nationalsozialismus, aber auch des zurückgezogenen Lebens in den „Nischen“ (Günter Gaus). Typisch im historischen Urteil sind heute Begriffe wie „Fürsorgediktatur“, wie der Deutsch-Amerikaner Konrad Jarausch formuliert, oder auch die „heile Welt der Diktatur“, so der ostdeutsche Historiker Stefan Wolle.
Aber ist die DDR, so wird mittlerweile diskutiert, eigentlich ein Teil der deutschen Nationalgeschichte, oder doch nur eine von der Sowjetunion erzwungene Sackgasse ohne Zukunft, ein 40 Jahre währender Umweg auf dem „langen Weg nach Westen“ (Heinrich August Winkler), wie ihn die Bundesrepublik längst eingeschlagen hatte?
Alliierte ziehen die Fäden: Vom Kriegsende zur deutschen Teilung
Als nach dem Ende des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs und dem Sieg der so gegensätzlichen Alliierten die Neuordnung Deutschlands auf die Tagesordnung rückte, konnte sich wohl kaum jemand in Deutschland vorstellen, dass es zu einer Teilung in zwei separate Staaten kommen würde. Die Alliierten hatten sich bereits während des Kriegs, zuletzt auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, über die mögliche Aufteilung von Interessensphären und Zonen vorläufig verständigt, darunter die Abtrennung der Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße. Doch die Grundprinzipien einer „Demokratisierung“ und „Entnazifizierung“ blieben kontrovers zwischen dem sowjetischen Diktator Josef Stalin und den westlichen Demokratien USA, Großbritannien und später auch Frankreich.
In den folgenden Jahren bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gab es immer wieder Versuche, sich doch noch auf eine gesamtdeutsche Lösung zu verständigen, von der sich jeweils beide Seiten größeren Einfluss versprachen. Aber die Gegensätze waren stärker. Es begann eine erbitterte Systemkonfrontation – der US-amerikanische Journalist Walter Lippmann bezeichnete sie 1947 erstmals als „Kalten Krieg“. Die Grundprinzipien blieben bis Ende der 1980er Jahre konstant: ein hartes Wettrüsten, zeitweise bis an den Rand der direkten militärischen Konfrontation in Europa. Aber der Krieg blieb „kalt“ im Angesicht der Aussicht auf totale Zerstörung im Fall eines Atomkrieges. Zugleich bauten die Siegermächte Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland nach ihren gegensätzlichen Vorstellungen um – kommunistische Parteiherrschaft und staatliche Planwirtschaft hier, plurale Demokratie und kapitalistische Marktwirtschaft dort. Es entspann sich eine Art Wettbewerb, wer die besseren Lebensbedingungen zu bieten hatte.
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Die sowjetisch-kommunistische Seite folgte in ihrer Besatzungszone trotz fortdauernder gesamtdeutscher Rhetorik einem zielklaren Fahrplan, den Walter Ulbricht – Wolfgang Leonhard zufolge – auf die griffige Formel brachte: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Leonhard war Mitglied der „Gruppe Ulbricht“, eines Teams der aus Moskau kommenden Exil-KPD, und ging später in den Westen, wo er zu einem prominenten Kommunismus-Experten wurde. In der Praxis bedeutete dies: Zwar ließ die Besatzungsmacht 1945 Parteigründungen von Sozialdemokraten und bürgerlichen Kräften zu, drängte diese aber immer stärker unter die Führung der deutschen Kommunisten. Als es 1950 zur Bildung einer „Volkskammer“ als offiziellem Parlament kam, war von demokratischer Konkurrenz schon längst keine Rede mehr: Die Macht lag in der Hand der SED-Führung, die freie Wahlen nicht mehr zuließ.
Die Praxis der sowjetischen Politik war in dieser Phase konsequent stalinistisch. Das hieß, sie setzte auf rohe Gewalt als Mittel der Machtdurchsetzung. In den offiziell als gemeinsame alliierte Maßnahme gegen Kriegsverbrecher eingerichteten „Speziallagern“ ließ sie Zehntausende Häftlinge sterben. Arbeitslager, Zuchthaus und Todesstrafe trafen bis in die 1950er Jahre hinein politische Gegner und gesellschaftliche Akteure aller Richtungen, darunter auch viele Kommunisten, die Stalin im Stil des „großen Terrors“ der 1930er Jahre aus dem Weg räumen ließ, um sich die Partei zu unterwerfen.
Seit Ende 1948 drängte die SED-Parteiführung, allen voran Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, bei Stalin darauf, die Trennung von Westdeutschland voranzutreiben. Am 7. Oktober 1949 war es so weit: Die „Deutsche Demokratische Republik“ wurde offiziell aus der Taufe gehoben – ein knappes halbes Jahr nach Gründung der Bundesrepublik. Ebenso wichtig wie die Errichtung eigener staatlicher Institutionen war es, das Machtmonopol in Wirtschaft und Gesellschaft durchzusetzen. Hierzu zählten eine Bodenreform zu Lasten von Gutsbesitzern und Großbauern 1945, die Verstaatlichung großer Teile der Industrie und der Kampf gegen die Religionsgemeinschaften, aber zum Beispiel auch gegen eigenständige Betriebsräte.
Mit Blick auf das Erbe des Nationalsozialismus war der Kurs von Sowjets und SED zwiespältig. Zuerst hatten sie eine in ihrem Sinn konsequente Entnazifizierung betrieben. Sie traf Kriegsverbrecher und die als Unterstützer Hitlers verfemten Unternehmer. Zugleich war den Kommunisten klar, dass auch auf dem Gebiet der DDR sehr viele Menschen lebten, die früher die Nazis unterstützt oder zumindest wohlwollend mitgetragen hatten. Wer sich von ihnen in den Dienst des neuen Staates stellte, konnte mit Milde rechnen. So waren phasenweise bis zu zehn Prozent der SED-Mitglieder frühere NSDAP-Parteigenossen. Auch die Strafverfolgung von NS-Verbrechern erlahmte schnell, obwohl die Staatssicherheit viel Aufwand betrieb, um Informationen über Nazis in Ost und West zu sammeln. Aber fortan galt der Westen als Fortsetzung des Nationalsozialismus und Bundeskanzler Konrad Adenauer als „Hitler unserer Tage“.
Überhaupt wurde der propagandistische Kampf gegen die benachbarte Bundesrepublik zum Dauerthema auf allen Kanälen. Die meisten DDR-Einwohner verfolgten allerdings Sendungen der westlichen Radiostationen. Mit jeder neuen Verfolgungswelle machten sich Zehntausende über die noch offene Grenze Richtung Westen auf. Und mit dem fortschreitenden westdeutschen „Wirtschaftswunder“ der späten 1950er Jahre kam das Wohlstandsgefälle hinzu. In der DDR trieb die Sowjetunion bis 1953 weiter Reparationen ein, während der amerikanische Marshallplan der umgekehrten Logik folgte: Bindung der Bundesrepublik durch Wiederaufbau und ökonomische Stärke.
Der 17. Juni – ein Schlüsseldatum der deutschen Demokratiegeschichte
In den Wochen nach Stalins Tod am 5. März 1953 rückten in Moskau und Ost-Berlin viele Fragen erneut auf die Tagesordnung: Sollte die SED die „ständige Verschärfung des Klassenkampfes“, wie sie Ulbricht auf der II. Parteikonferenz im Juli 1952 ausgerufen hatte, weiter vorantreiben? Sie hatte viele Menschen in der DDR betroffen, mit der Überführung der Kleinbauern in Produktionsgenossenschaften, Verhaftungen von Mitgliedern der Jungen Gemeinden, aber auch Arbeitern, die der „Bummelei“ beschuldigt wurden, und auf vielen anderen gesellschaftlichen Kampffeldern. Und gab es doch noch eine Option für einen gesamtdeutschen Weg?
Die SED rief im Mai 1953 auf Geheiß Moskaus einen „Neuen Kurs“ aus und lockerte die Zügel. Ausgerechnet die Arbeiter der DDR sollten jedoch weiter unter erhöhten Normen, also für weniger Lohn, den Sozialismus aufbauen. Sie waren die Ersten, die auf die Straße gingen, und Hunderttausende folgten. Soziale und politische Forderungen gingen bei den Demonstranten Hand in Hand, allen voran die nach „freien, geheimen Wahlen“.
Niemand weiß, wie solche Wahlen ausgegangen wären und welche politischen Ergebnisse sie für Gesamtdeutschland gebracht hätten. Aber sie machten den Aufstand des Juni 1953 zu einem bedeutenden Datum der deutschen Demokratiegeschichte. Die sowjetische Parteiführung verstand sofort, dass mit dem breiten Aufbegehren die DDR als Ganzes zur Disposition stand, und reagierte scharf. Mit Truppen und Panzern zerstreute sie die Demonstranten und stellte die Ordnung wieder her.
Unmittelbarer Profiteur war SED-Parteichef Walter Ulbricht, dessen Machtposition vor dem Aufstand erheblich ins Wanken geraten war. Er setzte nun den seit 1952 massiv verschärften Ausbau bewaffneter Sicherheitskräfte fort, betrieb aber fortan eine vorsichtigere Politik gegenüber den Industriearbeitern, die für die Legitimation des kommunistischen Systems so wichtig waren. Als drei Jahre später die Moskauer Führung die Entstalinisierung einleitete und sich in der DDR und den anderen Satellitenstaaten erneut die Machtfrage stellte, blieb es in den Betrieben und auf den Straßen relativ ruhig.
Die eigentliche Achillesferse des SED-Regimes blieb die offene Grenze. Zwar gab es mittlerweile Grenzbefestigungen zum Bundesgebiet und eine Passpflicht, aber in Berlin war der Schritt über die Demarkationslinie noch immer relativ leicht zu vollziehen. Die SED-Führung präparierte sich für den „Tag X“: Berlin war zwar schon länger politisch-administrativ gespalten, aber im Alltag noch immer verflochten, besonders für Ost-Berliner, die zur täglichen Arbeit, für den Einkauf oder den Kinobesuch wie selbstverständlich die Sektorengrenze überschritten.
Damit war nach der Grenzschließung um West-Berlin am 13. August 1961 Schluss. Der Schock saß tief, aber zugleich kann man den 13. August 1961 auch ironisch als „heimlichen Gründungstag der DDR“ sehen.
Gedeiht im Schatten der Mauer die „sozialistische Menschengemeinschaft“?
Durch den Bau der Mauer konnte die SED die Existenzbedingungen der DDR stabilisieren. Für die Einwohner bedeutete dies vor allem: Zukunftspläne, Hoffnungen, Wünsche richteten sich nun viel mehr als zuvor auf ein Leben dort. Dazu passend, stellte Ulbricht die Weichen für eine gewisse innere Entspannung, das Schlagwort von einer harmonischen „sozialistischen Menschengemeinschaft“ machte die Runde.
Auch bei jenen Intellektuellen und Künstlern, die mit ihren Sympathien für den Sozialismus in der DDR geblieben waren, manche gerne, manche hadernd, öffnete sich ein Fenster: Es entstanden die Werke der „Aufbruchsliteratur“ und einige legendäre Filme der staatseigenen Filmfirma DEFA, darunter etwa „Spur der Steine“ (1966) von Regisseur Frank Beyer. Auch die Jugend durfte ihren Interessen nun nachgehen und gründete „Beat“-Gruppen an vielen Orten. All dies ließ Parteichef Ulbricht zunächst geschehen, er förderte es zum Teil sogar. Doch schon 1965 begann der „Kahlschlag“, eine Generalabrechnung der SED gegen alles Kritische, Liberale, westlich Inspirierte.
19. März 1970 – die Bilder dieses Tages gingen um die Welt: Hunderte von Schaulustigen drängten sich auf dem Bahnhofsvorplatz vor dem Hotel „Erfurter Hof“ in Erfurt: „Willy Brandt ans Fenster!“ riefen sie immer wieder, bis sich der Bundeskanzler bei seinem ersten DDR-Besuch tatsächlich dort zeigte, freundlich lächelnd, mit einer beruhigenden Geste in Richtung der Menge vor ihm. In diesem Moment war scheinbar alles klar: Die Ostdeutschen setzten auf den frisch gewählten Regierungschef in Bonn und seine „Neue Ostpolitik“. Sie hofften auf verbesserte Reisemöglichkeiten und Verbindungen über die Grenzen hinweg.
Auch die SED verstand die Signale – und war beunruhigt. Sie versuchte in den folgenden Jahren, die Westkontakte mit Hilfe der massiv ausgebauten Staatssicherheit zu überwachen, und erfand den Begriff der „sozialistischen Nation“. Unter jungen Leuten hatte diese Abgrenzung tatsächlich einen gewissen Erfolg. Sie suchten ihr Glück vor Ort und freuten sich über manche Vergünstigung für junge Familien.
Mit dem „Wandel durch Annäherung“, dem Leitmotto der Entspannungspolitik, blieb allerdings Westdeutschland trotz Mauer präsent im DDR-Alltag. Westfernsehen war zwar von der SED nicht gern gesehen, aber weit verbreitet. Besuche von Verwandten und Freunden gab es wieder deutlich mehr. So spann sich in der DDR-Bevölkerung ein facettenreiches Bild vom „Leben im Westen“ fort. Das war zwar nicht unbedingt deckungsgleich mit der Realität, aber es verlor nie seine Wirkung. In den 1980er Jahren schien eine Wiedervereinigung weit außerhalb der Vorstellungskraft zu liegen und spielte im Alltag keine Rolle. Aber weiterhin fühlten sich die DDR-Einwohner ganz überwiegend als Deutsche, wie verschiedene geheime Erkundungen der SED, aber auch westlicher Quellen ergaben.
Und im Westen? Die „Grauen Pläne“, mit denen Behörden und Firmen im Fall einer Vereinigung wieder zusammengeführt werden sollten, verschwanden nach dem Mauerbau 1961 in den Aktenablagen der Bundesregierung. Die Gesellschaft der Bundesrepublik war alles andere als eine Teilnation im Wartestand, sondern blickte vorzugsweise nach Westen, nach New York und Hollywood, oder Richtung Mittelmeer nach Italien und Spanien, wenn es um den Sommerurlaub ging.
Schon seit den späten 1950er Jahren hatten Ostdeutsche immer wieder beklagt, dass das Interesse ihrer Verwandten nachließ, mit neuem Wohlstand und verblassendem Nationalgefühl. Nach der Schließung der Grenze hielt nur noch eine Minderheit der Bundesbürger aktiv Kontakt oder interessierte sich für das Geschehen in dem fremder werdenden Land. Je westlicher, je europäischer, je postnationaler die bundesrepublikanische Gesellschaft wurde, desto mehr nahm die Entfremdung zu. In einer berühmten Formel spricht der Historiker Christoph Kleßmann in diesem Zusammenhang von einer „asymmetrischen Verflechtung“ – und diese Asymmetrie wirkt bis heute fort.
Die wohl besten Jahre: Einrichten im Alltag der Parteiherrschaft
Im Mai 1971 erreichte Erich Honecker endlich sein Ziel: Nach Jahren als „Kronprinz“ des Ersten SED-Sekretärs Ulbricht und verantwortliches Politbüro-Mitglied für Sicherheit und Jugend stürzte er seinen politischen Ziehvater. Natürlich hatte er sich zuvor die Unterstützung Moskaus gesichert, sonst wäre ein solcher Schritt undenkbar gewesen. Honecker versuchte, sich ein frisches Image zu geben, galt allerdings in der Bevölkerung als unnahbar, als typischer „Apparatschik“. Mit einem Wohnungsbauprogramm, niedrigen Preisen für lebenswichtige Güter und Lohnerhöhungen versprach er, den Lebensstandard fühlbar zu erhöhen.
Als Höhepunkt der Selbstdarstellung des neuen Parteiführers dienten die X. Weltfestspiele der Jugend 1973 mit acht Millionen Besuchern, darunter mehr als 25 000 ausländischen Gästen. Sorgfältig orchestrierten die SED und ihre Jugendorganisation FDJ das Geschehen: Es sollte fröhlich, bunt und weltoffen aussehen. Wert legte Honecker darauf, sich als Partner von Befreiungsbewegungen gegen den US-amerikanischen „Imperialismus“ zu präsentieren. Man sah ihn an der Seite von Fidel Castro, Jassir Arafat oder auch der charismatischen Kommunistin Angela Davis aus der „Black Power“-Bewegung in den USA.
Im Rückblick kann das Jahrzehnt von Mitte der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre als die stabilste und erfolgreichste Etappe der DDR gelten: Die internationale Anerkennung stärkte die Reputation. DDR-Bürger konnten sich mehr leisten als zuvor. Wer in den Aufbaujahren die Werkbank hinter sich gelassen hatte, um sich als Ingenieur oder Ökonom ausbilden zu lassen, konnte nun in gehobenen Positionen tätig sein. Neubauwohnungen und die weitverbreiteten „Datschen“, also Wochenendhäuschen mit kleinem Grundstück, boten Raum für eine gewisse Lebensqualität. Und nicht zuletzt war eine breite Schicht von Funktionären in Partei, Staat und Sicherheitsorganen herangewachsen, die sich mit dem sozialistischen Staat identifizierte.
Aber hätten diese „Errungenschaften“ der SED gereicht, um bei Wahlen eine Mehrheit hinter sich zu bringen? Gewagt hat die Parteiführung eine solche Probe aufs Exempel nicht. Stattdessen war sie bestrebt, mit den Informanten-Netzen der Staatssicherheit jede politisch-ideologische Abweichung zu erkennen, Westkontakte einzudämmen und ihre autoritären Vorstellungen von den „richtigen“ Lebenswegen der Ostdeutschen durchzusetzen.
Helsinki, Biermann, „Kaffeekrise“ – Wendepunkte der Ära Honecker
Gab es einen Wendepunkt in der DDR-Geschichte, der die Weichen in Richtung 1989 stellte? Ein klarer Einschnitt wie den Mauerbau 1961 lässt sich für die 1970er Jahre nicht festhalten. Aber kaum merklich veränderten sich die Vorzeichen auf sehr unterschiedlichen Feldern: Ein erster Punkt war im August 1975 die Verabschiedung der KSZE-Schlussakte von Helsinki (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa). Der „Ostblock“ hatte ein solches Dokument immer gefordert, weil es seine Anerkennung als souveräner und ebenbürtiger Machtfaktor auf dem Kontinent beinhaltete. Aber es enthielt auch den „Korb 3“, der die Menschenrechtsmaßstäbe des Westens dokumentierte. Jeder Mensch sollte danach das Recht haben, sein Land zu verlassen.
Honecker war weit davon entfernt, tatsächlich die Grenzen zu öffnen. Aber in den folgenden anderthalb Jahrzehnten beriefen sich zunächst Tausende, später bis zu über 100 000 DDR-Bürger auf dieses Recht und stellten einen Ausreiseantrag. Eine angemessene Antwort darauf fand die SED-Spitze nie: Sie bestrafte vielmehr die Antragsteller mit Berufsverbot und Ausgrenzung, ließ aber auch immer wieder Tausende tatsächlich in den Westen ziehen.
Ein zweiter Kristallisationspunkt des Umschwungs waren die Proteste gegen die Ausbürgerung des Liedermachers und linken Systemkritikers Wolf Biermann im November 1976. Dieser hatte viele Anhänger unter den zahlreicher werdenden kritischen jungen Leuten, die nun reihenweise in Haft genommen wurden.
Man kann die auf den ersten Blick paradoxe These vertreten, dass Biermann selbst wie kaum jemand sonst an die sozialistische DDR als besseren deutschen Staat glaubte. Auch die prominenten Künstler, die beim Politbüro für seine Rückkehr eintraten, zählten zu diesem idealistischen Kern – allen voran die weltweit bekannte Schriftstellerin Christa Wolf und der Dramatiker Heiner Müller. Als die Parteiführung hart blieb, suchten sie ebenfalls den Weg in den Westen oder blieben desillusioniert in der DDR.
Ein drittes, scheinbar nebensächliches Ereignis war die – wie sie heute kurz genannt wird – „Kaffeekrise“ 1977. Ein Jahr nach dem IX. SED-Parteitag mit seinen vollmundigen Erfolgsbilanzen sorgte eine Preisexplosion auf dem Kaffeeweltmarkt dafür, dass die DDR ihre Importe massiv einschränken musste. Die Parteiführung beschloss, ein Gemisch aus Bohnenkaffee und Getreideersatz zum Verkauf zu bringen – und löste einen Sturm der Empörung in der DDR-Bevölkerung aus. Das Getränk ging spöttisch als „Erichs Krönung“ in den Volksmund ein. Es erinnerte an die entbehrungsreiche Nachkriegszeit, und die wollte niemand zurück.
Bonn hilft dem verschuldeten Ost-Berliner Regime mit einem Milliardenkredit
Hinter kuriosen Begebenheiten wie dieser steckte ein grundsätzliches Problem: Die DDR-Wirtschaft war notorisch zu wenig produktiv, um die gesteigerten Konsumangebote und die stark subventionierten Preise für Wohnungsmieten, Grundnahrungsmittel oder Dienstleistungen aufwiegen zu können. Wie die Planökonomen der Parteiführung vorrechneten, geriet Honeckers Modell der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ auf die schiefe Ebene. Doch Honecker schlug alle Warnungen in den Wind. Wer Hand an die von ihm verantworteten Wohltaten legen würde, riskiere einen neuen „17. Juni“, ließ er 1979 seine Experten wissen.
1980/81 verschärfte sich die Situation weiter: Der Sowjetunion ging im Rüstungswettlauf ökonomisch die Luft aus: Sie kürzte ihre Lieferungen an billigem Roherdöl, das die DDR bis dahin veredelt und auf dem Weltmarkt ertragreich verkauft hatte. Honecker und sein Wirtschaftssekretär Günter Mittag suchten ihr Heil in einer zunehmenden Verschuldung und näherten sich damit der Bundesrepublik an: Ausgerechnet der konservative „Kommunistenfresser“ und bayerische CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß vermittelte 1983 eine Kreditzusage über eine Milliarde Westmark. Damit war die DDR dem Finanzkollaps zwar zunächst entgangen, geriet aber in zunehmende Abhängigkeit von der Bundesrepublik. Zeitweilig formierte sich im Politbüro eine Gruppe von Opponenten, die den gebürtigen Saarländer Honecker in Moskau als verkappten Westdeutschen anschwärzten.
Der Anthropologe Alexei Jurtschak hat die Stimmung der jungen Generation in der Sowjetunion der 1980er Jahre einmal mit dem Spruch eines sowjetischen Schriftstellers charakterisiert: „Everything was forever, until it was no more“ – alles war scheinbar für ewig gemacht, bis es plötzlich nicht mehr da war. Das trifft auch die unbewegliche Atmosphäre in der DDR der 1980er Jahre: Die Garde der Politbüro-Greise hielt eisern ihre Positionen, betrieb weiter soziale Prestigeprojekte und versuchte, marode Produktionsanlagen oder das zerschlissene Schienennetz der Reichsbahn irgendwie am Laufen zu halten.
Die Stadtkerne versanken in Braunkohlequalm und zerbröselndem Mauerwerk. Selbst die älteren Blöcke der riesigen Neubausiedlungen, der ganze Stolz Honeckers, zeigten erste Baumängel. Es war zu ahnen, dass dieser Weg nicht ewig so weitergehen würde, aber es gab auch keine Aussicht, wie sich etwas ändern könnte. Auch deshalb wuchs noch bis in den Sommer 1989 die Zahl derjenigen, die das Land verlassen wollten; die Zahl der Ausreiseanträge nahm rapide zu.
In den Ecken und Winkeln von Altstadtkneipen, Hinterhöfen und Kirchenkellern entstand zugleich eine bunte Szene aus Künstlern und Lebenskünstlern, die sich mit Ironie und Kreativität aus den geordneten Bahnen eines DDR-Lebens verabschiedeten. Auch nahmen Aggression und Pessimismus in ganz unterschiedlichen Jugendkulturen zu, etwa bei Punks, Skinheads, Hooligans oder Grufties.
Nicht alle waren jedoch unpolitisch – ganz im Gegenteil: Seit den frühen 1980er Jahren entstand zunächst eine unabhängige Friedensbewegung, die sich dem Wettrüsten in Ost und West und der Militarisierung des DDR-Lebens widersetzte. In zahlreichen Kirchengemeinden bildeten sich so Räume oppositionellen Denkens. Daraus entstand eine von der Staatssicherheit heftig bekämpfte Szene von Vorkämpfern für Menschenrechte, Demokratie und Umweltschutz, die 1989 den Kern der Bürgerbewegung bildete.
Gorbatschow steht für die Hoffnung auf Veränderung
Als im März 1985 Michail Gorbatschow in der Sowjetunion das Amt des Generalsekretärs der KPdSU antrat, merkten viele DDR-Bürger schnell, dass er anders war als seine Vorgänger und auch als die grauen Herren, die weiterhin an der Spitze der DDR standen. Sie sahen einen spontanen, herzlichen und offenen Parteichef, der bei Besuchen in Betrieben Klartext redete. „Eine derart schonungslose Kritik“ sei nach ihrem Urteil in der DDR undenkbar, notierte die Staatssicherheit vier Monate nach seinem Amtsantritt über Stimmen aus dem Volk.
Wofür genau Gorbatschow stand, war zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Offene Diskussionen in Politik und Kultur („Glasnost“), die Erlaubnis für Oppositionelle, aus der Verbannung nach Moskau zurückzukehren, konkurrierende Kandidaten bei Wahlen, diese Schritte fanden dankbare Aufnahme unter kritischen Geistern in der DDR. Ob und wie es Gorbatschow gelingen würde, die marode Wirtschaft zu mobilisieren, stand auf einem anderen Blatt. Die SED-Führung jedenfalls war alarmiert. Für eine streng hierarchisch organisierte und zugleich stets moskautreu auftretende Staatspartei war Gorbatschows „Perestroika“ (Umgestaltung) eine fundamentale Bedrohung: Zwei Generallinien statt einer, das lähmte die Parteifunktionäre aller Branchen und Ebenen. Honecker rief trotzig den „Sozialismus in den Farben der DDR“ aus und behauptete, im Vergleich zu den anderen Ostblock-Staaten stünde sein Land doch noch gut da.
Demonstranten bringen SED-Herrschaft zu Fall
Wohin diese Spaltung führen würde, war bis weit in das Jahr 1989 hinein völlig unabsehbar: Würde Gorbatschow von seinen Gegnern im Politbüro gestürzt werden? Würde Honecker auf dem anstehenden SED-Parteitag ebenfalls Platz für einen jüngeren, beweglicheren Nachfolger machen? Es würde sich irgendetwas tun, so viel war sicher. Tatsächlich sollte sich ein ganz anderes Politikfeld als entscheidend erweisen. Gorbatschow hatte auch eine neue außenpolitische Linie verkündet – von seinem Sprecher 1989 scherzhaft „Sinatra-Doktrin“ genannt: Jedes Land des Ostblocks sollte seinen eigenen Weg („My Way“) beschreiten können. Doch dass die Sowjetunion bereit sein würde, die Existenz der DDR in Frage zu stellen, überstieg lange die Vorstellungskraft der Bundesregierung in Bonn.
Es hatte sich einiges zusammengebraut im Sommer 1989. Als sich dann die ungarische Regierung weigerte, DDR-Bürger von der Flucht über die Grenze nach Österreich abzuhalten, strömten schnell Tausende durch dieses Tor zum Westen. Das brachte auch die Stimmung innerhalb der DDR zum Überkochen. Am 10. September gründete sich das „Neue Forum“, ein Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, und rief die SED auf, endlich in einen „Dialog“ mit der Bevölkerung über die Zukunft des Landes zu treten. Am 9. Oktober 1989 in Leipzig kippte die Lage. Mehrere zehntausend Demonstranten forderten ein Ende der Drangsalierung durch die SED: „Wir sind das Volk“ war ihr Schlachtruf.
Die Parteiführung und ihre Truppen schreckten im entscheidenden Moment davor zurück, die Demonstranten mit Gewalt auseinanderzutreiben. Wenige Tage später gab Honecker auf und trat zurück. Und am 9. November versuchte die neue Parteiführung unter Egon Krenz, mit einer neuen Reiseregelung die Gemüter zu beruhigen. In der wohl berühmtesten Pressekonferenz der deutschen Geschichte verkündete Politbüro-Mitglied Günter Schabowski nun – versehentlich – das Recht auf Ausreise und löste damit die Grenzöffnung in Berlin aus.
Dass er damit das Ende der DDR besiegelt hatte, zeigte sich in den nächsten Wochen: Die einen machten sich sofort auf, im Westen ein neues Leben zu starten, die anderen forderten nun „Wir sind EIN Volk“ und stellten damit die Weichen für die Vereinigung mit der Bundesrepublik. Die erste und letzte freie Parlamentswahl in der DDR im März 1990 brachte dann einen überwältigenden Sieg für die Befürworter eines schnellen und möglichst restlosen Beitritts zum anderen Deutschland. Am 3. Oktober 1990 wurde die DDR Geschichte.
Die DDR als Kapitel der deutschen Nationalgeschichte
Ist die DDR also Teil der deutschen Geschichte? Auf diese scheinbar einfache Frage kann es nur komplizierte Antworten geben. Die Existenz der DDR war eine Antwort auf die Katastrophe des Nationalsozialismus und ein Ergebnis der gesellschaftlichen und politischen Spannungen des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Zugleich prägte der Sowjetkommunismus als diktatorische Hegemonialmacht von außen die Grundstrukturen der DDR-Gesellschaft wie in ganz Mittel- und Osteuropa. Aus sowjetischer Sicht erfüllte sie damit nicht zuletzt ihren Zweck als geopolitischer Einflussraum.
In einem gesellschaftshistorischen Sinn brachten die Verhältnisse in der DDR und das Leben ihrer Einwohner eine eigene politische Kultur hervor. Sie war durch widerstreitende Effekte geprägt: Das autoritäre Parteiregime fand eigene Anhänger, aber begünstigte auch das Wegducken in das private Leben. Einflüsse wie die Popkultur und die Lebensentwürfe des amerikanisch geprägten Westens fanden ihren Weg in den DDR-Alltag. Das ummauerte Land blieb zugleich älteren deutschen Traditionen intensiver treu als die Landsleute jenseits der Grenze. Diejenigen, die schließlich für Freiheit und Menschenrechte kämpften, leisteten einen originären Beitrag zur schwierigen Demokratiegeschichte in Deutschland.
Es gibt also gute Gründe, die DDR als Teil der deutschen Geschichte zu verstehen. Es ist damit zu rechnen, dass die „asymmetrische Verflechtung“ von drei Vierteln Westdeutschen und einem Viertel Ostdeutschen auf absehbare Zeit nicht verschwinden wird. Strukturelle Faktoren wirken fort: die Differenz in Sachen Wirtschaftskraft, die krasse Ungleichverteilung der Vermögen, die geringe Zahl von Menschen mit DDR-Herkunft in den oberen Etagen von Industrie, Medien oder Justiz. Ob mit diesen Lasten auch die „Teilung in den Köpfen“ irgendwann ein Ende haben wird, muss die Zukunft zeigen.
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