Zum zweifelhaften Ruf des Codex Grolier hat sicherlich seine dubiose Fundgeschichte beigetragen: Er wurde nicht von Archäologen entdeckt, sondern in den 1960er Jahren von Raubgräbern – angeblich in einer Höhle in Chiapas, Mexiko. Sie verkauften den Codex schließlich an einen Sammler, der ihn zunächst in die USA brachte, dann aber schließlich den mexikanischen Behörden übergab. So gelangte der Codex Grolier ins Archiv des National Museum in Mexico City.
Durch seine seltsame Geschichte und die auffälligen Unterschiede zu den drei bekannten und bestätigten Handschriften der Maya erlangte der Codex Grolier schließlich den Ruf einer Fälschung. Er enthält beispielsweise wenig Hieroglyphen im Vergleich zu den drei Maya-Handschriften, aus den Museen in Dresden, Madrid und Paris. “Es war wie eine Art Dogma, dass die Schrift gefälscht ist”, sagt Stephen Houston von der Brown University in Providence.
Doch er und seine Kollegen wollten sich damit nicht zufrieden geben und haben den Codex Grolier deshalb nun erneut genau unter die Lupe genommen. Sie analysierten dazu die Merkmale des Manuskripts und dessen Inhalt. Auf den zehn erhaltenen Seiten sind ihnen zufolge Zeichnungen und Abbildungen von Göttern zu sehen, sowie ein astronomischer Kalender, der sich nach den Bewegungen der Venus richtet. Bei den Göttern handelt es sich um vergleichsweise ursprüngliche Gottheiten, die für die Belange des täglichen Lebens angerufen wurden. Ihnen zufolge ist der Codex Grolier offenbar deutlich weniger elegant wie beispielsweise die berühmte Handschrift aus Dresden. “Es war meiner Meinung nach kein High-End-Produkt”, sagt Houston. “Es war wohl kein Codex für den Einsatz am königlichen Hof.”
Fälschern hätten die Informationen gefehlt
Aus Radiokarbon-Datierungen war bereits bekannt, dass das Amatl-Papier des Manuskripts aus dem 13. Jahrhundert stammt. Dass es sich auch bei der Bemalung nicht um eine Fälschung handeln kann, schließen er und seine Kollegen nun vor allem aus zwei Feststellungen: Die abgebildeten Gottheiten waren in den 1960er Jahren noch gar nicht bekannt. Außerdem wurde ein blauer Maya-Farbstoff verwendet, dessen Nachbildung erst in den 1980er Jahren gelang. Mit anderen Worten: Fälscher hätten in den 1960er Jahren noch nicht die Informationen besessen, um den Codex Grolier herstellen zu können.
Houston und seine Kollegen kommen somit nun zu dem Fazit: “Eine rationale Bewertung der Beweise kann nur zu einer möglichen Schlussfolgerung führen: Es gibt vier erhaltene Maya-Codices und Grolier ist einer von ihnen”, schreiben die Wissenschaftler.





