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Universum der sieben Könige
Die römische Geschichte begann, folgt man der antiken Überlieferung, mit einer Monarchie. Am Anfang stand danach Romulus, der Gründer Roms. Ihm folgten sechs Könige. Der letzte von ihnen wurde vertrieben. Was für die Forschung weitestgehend Fiktion ist, war für die Römer der Republik in erster Linie eine Erklärung ihrer eigenen Existenz.
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Während der Zeit der römischen Republik war es Teil des römischen Selbstverständnisses, eine finstere Königsherrschaft überwunden zu haben. Erst die Vertreibung des letzten Königs habe die Republik ermöglicht – und mit ihr den Glanz und die Macht des Römischen Reiches. Die Republik wurde nicht als selbstverständlicher Normalzustand begriffen, sondern als Gegenbild der Monarchie. Der Titel rex (König) war ausdrücklich negativ konnotiert. Und auch als die Republik bereits Geschichte war, versuchten die nun herrschenden Kaiser, sich nicht als Monarchen, sondern als Bewahrer der Republik und ihrer Institutionen darzustellen.
Die antike Darstellung greift bis in die Geschichte Trojas zurück
Antike Gelehrte zählen sieben altrömische Könige und überliefern ihre exakten Regierungszeiten, beginnend mit Romulus, Bruder des Remus. Der Mythos der Stadtgründung Roms und der ersten Königsherrschaft beginnt in Troja: Die Griechen haben den langen Krieg gegen die Trojaner durch die List des Odysseus gewonnen; mit dem Trojanischen Pferd überwinden sie die bislang unbezwungene Verteidigung und fallen über die Stadt her. Aeneas, Sohn des Anchises und der Göttin Venus, flieht aus dem Inferno, gemeinsam mit seinem Vater und seinem Sohn. Eine lange Flucht steht ihnen bevor, die Anchises nicht überlebt.
Schließlich erreicht die Gruppe die Küste Latiums (das heutige Lazio), wo die Fahrt endet. Aeneas heiratet die Tochter des dort herrschenden Königs Latinus und gründet die Stadt Lavinium, wo er bis zu seinem Tod regiert. Aeneas’ Sohn Ascanius verlegt, so setzt sich die Erzählung fort, den Herrschaftssitz nun in die Albaner Berge. Dort, in Alba Longa, herrscht die Dynastie des Aeneas mehrere Jahrhunderte lang – bis der Thron an Numitor fallen soll. Dieser wird aber von seinem Bruder Amulius um die Königswürde gebracht. Amulius lässt Numitor nach dem erfolgreichen Thronraub zwar am Leben und verbannt ihn auch nicht, tötet aber seine Söhne und stellt sicher, dass Numitors Familie keine Thronprätendenten hervorbringen wird, indem er Numitors Tochter Rea Silvia zur Vestalin macht – ein in späteren Zeiten hochangesehenes Amt, das allerdings Ehe und sexuellen Umgang ausschloss.
So wie der Verbindung zwischen Anchises und Venus der Dynastiegründer Aeneas entsprungen war, so erscheint nun abermals ein Gott, um dem Lauf der Geschichte eine neue Wendung zu geben: Der Kriegsgott Mars verführt die Vestalin. Und aus dieser Verbindung gehen die Zwillingsbrüder Romulus und Remus hervor. Die Geburt der Enkel seines Bruders erzürnt den Usurpator Amulius, und er veranlasst, dass die Säuglinge dem Tiber anvertraut werden. Der Fluss spült die beiden jedoch schnell wieder an Land – nahe dem Palatin, bei einem Feigenbaum. Dort findet sie eine Wölfin, die sie wie ihre eigenen Welpenbernährt und ihnen so das Leben rettet. Später entdeckt ein Hirte die beiden verwilderten Jungen und nimmt sie bei sich auf.
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In seiner Obhut werden Romulus und Remus erwachsen und zeigen bald Eigenschaften ihres göttlichen Vaters: Als Unruhestifter werden sie gefangen genommen und dem Bruder des Königs vorgeführt, ihrem Großvater Numitor. Dieser erkennt seine Enkel, die ganze Wahrheit kommt ans Licht. Im neuerlangten Wissen um ihre Herkunft fühlen sich Romulus und Remus berufen, ihrer Familie zu ihrem Recht zu verhelfen. Sie führen einen Aufstand an, stürzen ihren Großonkel und sorgen für die Machtergreifung ihres Großvaters.
Der Brudermörder Romulus soll die nach ihm benannte Stadt gegründet haben
Damit hat die Geschichte Roms noch nicht begonnen – wenn sich der zukünftige erste König auch als Anführer bewährt hat. Die Brüder beschließen, eine eigene Stadt zu gründen, und zwar dort, wo sie damals ihr Leben in der Wildnis begonnen haben. Nun hat die Einigkeit allerdings ein Ende: Sie streiten sich darum, wer König werden solle; sie streiten sich, auf welchem Hügel die Stadt zu bauen sei. Als Remus seinen Bruder verhöhnt und über die Grenze springt, die dieser festgelegt hat, bringt Romulus ihn um. Der Weg für Romulus zur Alleinherrschaft ist frei.
Die Stadt, die Romulus gründet, wächst schnell. Der neue König richtet ein Asyl ein und lockt damit gezielt Sklaven und Freigelassene an. Rom soll eine Stadt werden, in der man neu beginnen kann. Unter den Abenteurern und Glückssuchern, die sich nun einfinden, sind allerdings sehr wenige Frauen. Da die Familien der umliegenden Städte es vermeiden, Heiratsverbindungen mit den neuen Untertanen des Romulus einzugehen, beschließt dieser, die Frauen der Nachbarn einfach zu rauben. Zu diesem Zweck organisiert er ein Fest in Rom und lädt die Bevölkerung der Nachbarstädte ein.
Als die Gäste eintreffen, lässt er die jungen Frauen ergreifen – eine Massenentführung, die als der „Raub der Sabinerinnen“ unzählige Künstler inspirieren wird. Während er die Entführten mit seinen Männern verheiratet, rüsten die entsetzten Nachbarn zum Kampf. Es folgt der erste Krieg in einer langen Reihe von Kriegen, die Rom noch führen wird. Er endet mit einer Einigung – herbeigeführt durch die entführten Frauen, die verhindern wollen, dass ihre Angehörigen für sie sterben. Römer und Sabiner teilen sich die Herrschaft in Rom.
Mit diesem Kompromiss muss Romulus jedoch nicht lange leben. Er erringt die Alleinherrschaft zurück und führt zahlreiche weitere Kriege bis zu seinem Tod, von dem es mehrere Versionen gibt. Je nach Erzählung wird er von unzufriedenen Aristokraten getötet, oder aber er verschwindet in einer plötzlich auftretenden Dunkelheit. Von ihm bleibt eine Vision – ausgesprochen von einer Erscheinung am Himmel, dem vergöttlichten Romulus selbst: Die Römer sollen Rom mit Waffengewalt zur Hauptstadt der Welt machen. Der Sohn des Mars ist selbst zum Kriegsgott geworden, zu Quirinus.
Keinem der Herrscher gelingt es, eine Dynastie zu gründen
Die Überlieferung lässt auf Romulus nun mehrere Könige folgen, die einander zwar ohne Bürgerkriege ablösen, dabei aber auch keine Dynastie gründen können. Jeder König steht für sich, auch wenn sie alle eine kontinuierliche Entwicklung Roms, seiner Institutionen und seiner Macht betreiben.
Auf Romulus folgt Numa Pompilius. Der neue Monarch erscheint als Gegenbild des vergöttlichten Kriegerkönigs, führt keine Kriege, teilt das Land Roms in festgelegte Abschnitte, sogenannte pagi, ein, begründet den Kult des Terminus (des Gottes der Grenzsteine), erlässt zudem eine Kalenderreform und schreibt auf Anraten seiner Geliebten, der Nymphe Egeria, Bücher mit sakralen Regelungen.
Numas Nachfolger, Tullus Hostilius, entpuppt sich allerdings, wie Romulus, als Kriegerkönig. Seine Großmutter ist eine Tochter des Stadtgründers. Er überzieht die Nachbarn Roms mit Krieg und tut sich durch beträchtliche Eroberungen hervor. Sein Nachfolger ist ein Enkel seines Vorgängers Numa: Er heißt Ancus Marcius, und er führt ebenfalls viele Kriege. Unter anderem nimmt er Ostia in Besitz, wo er einen Hafen anlegen lässt. Außerdem wird unter seiner Herrschaft die erste Brücke über den Tiber gebaut. Seine Söhne bekommen eine gute Ausbildung, und einer von ihnen hätte ihn wohl eines Tages beerben können. Stattdessen ist es ihr Lehrer, der den Thron erbt: Lucius Tarquinius Priscus aus dem etruskischen Tarquinia.
Tarquinius der Ältere, wie er auch genannt wird, verdoppelt die Zahl der Senatoren, lässt den Circus Maximus erbauen und ein Abwassersystem anlegen. Er fördert die Zuwanderung von Etruskern, und er etabliert viele Elemente etruskischen Lebens in Rom. Dann nimmt seine Herrschaft ein gewaltsames Ende: Seine eigenen Söhne verschwören sich gegen ihn, Tarquinius wird ermordet.
Trotzdem sind es seine Verbündeten, und insbesondere seine Frau, die letztlich einen Nachfolger durchsetzen können: Servius Tullius, Tarquinius’ Schwiegersohn. Dieser führt weitere Kriege, ist aber auch ein meisterlicher Stadtplaner. Außerdem gibt er den Plebejern das Wahlrecht. Besonders im Kontrast zu seinem Mörder, dem siebten und letzten König von Rom, erscheint er als Wegbereiter der kommenden Republik.
Seine eigene Tochter und sein Schwiegersohn schmieden ein Mordkomplott gegen ihn und setzen es erfolgreich in die Tat um. Lucius Tarquinius Superbus besteigt den Thron. Anders als seine sechs Vorgänger erscheint er in der Überlieferung nicht als Begründer der in republikanischer Zeit präsenten Institutionen, Kulte, gesellschaftlichen Machtverhältnisse und militärischen Höchstleistungen, sondern als machthungriger Thronräuber, dessen Willkürherrschaft für die römische Bevölkerung zunehmend zur Belastung wird.
Als sein Sohn Sextus die Patrizierin Lucretia vergewaltigt, formieren sich seine Gegner unter der Führung des Lucius Junius Brutus. Gemeinsam beschließen sie die Verbannung des Königs. Es folgt eine Reihe von Kriegen, in denen der Verbannte mit Hilfe verbündeter Machthaber seine Rückkehr zu erzwingen sucht. Doch Rom bleibt siegreich, und Tarquinius Superbus stirbt im Exil. Die Herrschaft der Könige ist vorüber; die Republik wird geboren.
Aus der Distanz ergibt sich ein deutlich nüchterneres Bild
Für die Römer der Republik und des Kaiserreichs war all das gerade Beschriebene eine Tatsache. Für die neuzeitliche Forschung stellt sich die Lage deutlich komplizierter dar: Je nach Ansatz handelt es sich bei der Geschichte der sieben römischen Könige um einen einzigen Mythos oder um eine in
Teilen verlässliche Schilderung der historischen Herrschaftsabfolge, gestützt auf die entsprechende Interpretation archäologischer Funde. Dass das Werk eines jeden Königs angeblich auf den Errungenschaften seiner Vorgänger aufbaute und keine Reform je eine alte rückgängig gemacht haben soll, ist als Argument für die völlige Unglaubwürdigkeit der Erzählung dargestellt worden oder aber für die vermeintlich beständige Mentalität der Römer, die Kontinuität den Umbrüchen vorgezogen hätten.
Wer das Maß an Historizität als ausreichend hoch einschätzt, steht vor dem unlösbaren Problem, die mythisch aufgeladene republikanische Nacherzählung der römischen Ursprünge zu sezieren und zuverlässige Informationen von unzuverlässigen zu trennen. Der Althistoriker Uwe Walter hat deshalb vorgeschlagen, ein paar Schritte zurückzutreten und den Blick auf das weitere Umfeld des jungen Roms zu richten, genauer gesagt auf die hohe Mobilität aristokratischer Anführer und ihres Gefolges zu jener Zeit.
Kommandeure zusammengewürfelter Heere konnten sich danach als Stadtobere und letztlich auch als lokale Alleinherrscher etablieren. So ergibt sich dieses Bild: Aus dem Kreis einer aristokratischen Elite traten immer wieder neue Figuren hervor, die eine gewisse Zeit lang herrschten, ohne dabei eine Dynastie zu gründen. Im Nachhinein, in den Werken antiker Gelehrter, hätten solche Herrscher zu „Königen“ Roms werden können, während andere zu ihren Gegenspielern, zu den Feinden Roms, uminterpretiert worden seien – so wie etwa Gnaeus Marcius Coriolanus, der Protagonist William Shakespeares letzter Tragödie. Weiter könnte man annehmen, dass sich ein solches „Königtum“ ambitionierter Heerführer im Verlauf der Zeit zu einem stärkeren, kulturell etruskisch orientierten Königtum entwickeln konnte, zu einem Königtum, das den Namen verdiente – bis zu dem Punkt, an dem sich der Adel derartig weit eingeengt sah, dass er der Monarchie ein Ende bereitete.
Die Historiker der Republik werden nicht von Zweifeln geplagt
Solche Überlegungen spielten für Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.), Titus Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) Plutarch (um 45 – um 125) und Dionysios von Halikarnassos (um 54 – nach 7 v. Chr.), welche die Geschichte der römischen Könige überliefern, keine Rolle. Für sie bildete die Königsfolge von Romulus bis zu Tarquinius Superbus die Historie ihrer Gegenwart.
Entsprechend war aus ihrer Sicht von großem Interesse, wie unter der Herrschaft der Könige das Fundament der republikanischen Realität gelegt worden war. Romulus hatte danach die Stadt gegründet und ihr eine Bestimmung gegeben, aber auch seine Nachfolger hatten ihren Teil dazu beigetragen, dass Rom Stück für Stück die Gestalt bekam, die den Lesern des Livius oder des Plutarch so vertraut war: Numa hatte die Vestalinnen aus Alba Longa nach Rom geholt und das Amt des Pontifex Maximus eingeführt; Tullus Hostilius galt als Erbauer des ältesten Senatsgebäudes, der Curia Hostilia; Ancus Marcius dehnte den Herrschaftsbereich bis an das Tyrrhenische Meer aus und legte somit den Grundstein für Roms Seemacht; Lucius Tarquinius Priscus brachte die Wettkämpfe und die Spiele nach Rom; Servius Tullius gab den Plebejern Macht und erweiterte das Bürgerrecht; Tarquinius Superbus lieferte schließlich als tyrannischer König auf alle Zeiten die Rechtfertigung einer königlosen Gesellschaft, einer Republik.
Der sicherlich fiktive Lucius Junius Brutus, der Rädelsführer beim Sturz des Tarquinius, spielte entsprechend ebenfalls eine Rolle als Gründerfigur. Man stellte sich vor, dass mit ihm das Königtum bruchlos von der Konsulatsverfassung abgelöst worden war.
Die Familie der Junii Bruti, die (den möglicherweise von ihr selbst erfundenen) Brutus als einen ihrer wichtigsten Ahnherrn betrachtete, war mit dafür verantwortlich, dass der Überwinder des Königtums als großer Idealist dargestellt wurde, der nicht nur aufgrund konkreter Ereignisse, sondern aus tiefster Überzeugung den Umsturz eingeleitet habe. Daher unterstrich zum Beispiel Marcus Junius Brutus (85–42 v. Chr.) stets die Vorbildfunktion seines Ahnen für seine Familie.
Diese Idealisierung der mythischen Heldenfigur führte schließlich auch zu der Erwartungshaltung, Marcus Brutus müsse sich an der Ermordung Gaius Julius Caesars (100–44 v. Chr.) beteiligen.
Im Bürgerkrieg, den Caesar begonnen hatte, starb die Republik. Ihr Todeskampf veranlasste die Gelehrten dazu, nach Ursachen nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der mythischen Vergangenheit zu suchen. Es musste eine alte Schande geben, die eine solche Strafe – das Ende der Republik – rechtfertigte. Cicero und Horaz (65–8 v. Chr.) fanden sie in der Geburt Roms: im Mord an Remus. Dass der vielgerühmte Romulus die Gründung Roms mit einem Brudermord eingeleitet hatte, verlangte nach Strafe. Und nun war sie gekommen.
Schon Vergil (70–19 v. Chr.) rehabilitierte Romulus wieder. Die Ungnade, in die der Stadtgründer gefallen war, konnte nicht von Dauer sein. Als Oktavian (31 v. Chr.– 14 n. Chr.) sich zum ersten Kaiser aufschwang, nahm er allerdings den Titel „Augustus“ an, nicht „Romulus“, wie manch einer hätte vermuten können. Sich mit einem König gleichzusetzen hätte die Legitimation des neuen Herrschers, der dem Schein nach eine Restauration der Republik betrieb, eher geschadet.
Dennoch wurde er von Ovid (43 v. Chr.–17 n. Chr.) aufs Schmeichelhafteste mit Romulus verglichen. Und als Augustus nach einer langen und glanzvollen Herrschaft starb, sorgten die Hinterbliebenen dafür, dass die Assoziation mit Romulus so deutlich wurde wie nie zuvor: Der Kaiser sei zum Himmel aufgestiegen, hieß es. Der erste Kaiser fand so – wie einst der Gründerkönig – einen Platz in den Reihen der Götter.
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