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Unverzichtbare Helfer im Hintergrund
Schon im Mittelalter waren Pilger und Prälaten, Händler und Herrscher, Krieger und Kriegsgefangene gleichermaßen auf sie angewiesen: Dolmetscher. Und doch ist über sie und ihre Arbeit, die nicht nur im Übersetzen von Worten, sondern auch im Vermitteln kultureller Unterschiede bestand, nur sehr wenig bekannt.
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Später, als ich anfing, die Sprache ein wenig zu verstehen, bemerkte ich, dass er, wenn ich ein Wort sagte, es ganz anders übersetzte, je nachdem, wie es ihm gerade einfiel. Als mir bewusst wurde, welche Gefahr es für mich bedeutete, mich seiner Übersetzung zu bedienen, zog ich es vor, lieber zu schweigen.“
Die Klagen des Wilhelm von Rubruk, der im Auftrag König Ludwigs IX. von Frankreich (reg. 1226–1270) zum Großkhan der Mongolen reiste, gehören zu den berühmtesten Äußerungen des Mittelalters, wenn es um Dolmetscher geht. Doch während Wilhelm den Problemen mit dem Übersetzer in seinem Bericht an den König reichlich Platz einräumte, wurden diese von anderen Berichterstattern gänzlich ignoriert. Fast unmöglich ist es gar, mehr über die persönlichen Hintergründe dieser Dienstleister zu erfahren, die nicht nur Wörter übersetzen, sondern auch zwischen verschiedenen Kulturen vermitteln mussten.
Wenn im frühen Mittelalter über den Einsatz von Dolmetschern berichtet wird, so geschieht dies häufig im Zusammenhang mit der Mission. So heißt es in der Vita des heiligen Columban, dass dieser den Pikten mithilfe eines Dolmetschers gepredigt habe. Auch andere Missionare verließen sich nicht darauf, dass ihr Charisma die zu Missionierenden auch in einer ihnen fremden Sprache begeistern würde, sondern ließen sich bei ihren Predigten übersetzen. Gerade die Quellen von den Britischen Inseln liefern häufig Hinweise – vor allem wenn Schotten oder Waliser bekehrt werden sollten.
Mittelalterliche Herrscher sind nicht gerade für ihre Fremdsprachenkompetenz bekannt
Aus England stammt auch der Hinweis auf den prominentesten Sprachschüler des Mittelalters: Der normannische Chronist Ordericus Vitalis berichtet, dass Wilhelm der Eroberer versucht habe, die englische Sprache zu erlernen. Ob er Erfolg hatte, ist nicht bekannt.
Im Allgemeinen glänzten mittelalterliche Herrscher eher selten mit ihren Sprachkenntnissen. Von Otto dem Großen wird mehrfach berichtet, dass er auf die Arbeit von Dolmetschern angewiesen war, und Friedrich Barbarossa soll dem Gelehrten Rahewin von Freising zufolge das Lateinische deutlich besser verstanden als gesprochen haben. Das Gegenteil gilt für Friedrichs Kanzler, den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, der neben Deutsch auch Französisch und Latein sprach.
Es sollte jedoch nicht davon ausgegangen werden, dass Priester und Prälaten sprachlich bewandter waren als weltliche Herrscher und Amtsträger. Gerade die Kurie stach durch eine bemerkenswerte sprachliche Ignoranz hervor. Selbst als das Papsttum im 13. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Macht erreichte und diplomatischen Austausch weit über die christliche Welt hinaus pflegte, kann von einem organisierten Dolmetscherwesen an der Kurie nicht einmal ansatzweise die Rede sein. Zwar waren die Beschwerden der Gelehrten Ramon Llull und Roger Bacon, den Mangel an Sprachkenntnissen betreffend, polemisch übersteigert, doch darf dies über eine selbstgefällige Grundhaltung nicht hinwegtäuschen. Als Papst Johannes XXII. (amt. 1316–1334) den kleinarmenischen König Oschin (reg. 1307–1320) in einem Brief um die Förderung der lateinischen Mission in dessen Reich bat, zeigte er zwar ein Bewusstsein für die Sprachbarriere, doch war sein Lösungsvorschlag Zeugnis ebenjener Haltung: Statt Missionare nach Kleinarmenien zu schicken, die der Landessprache mächtig waren, ermahnte er den König, das Lateinstudium vor Ort zu fördern.
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Am Ende des 19. Jahrhunderts erhoben sich sudanesische Kämpfer gegen die ägyptische Fremdherrschaft in ihrem Land. Sie waren Anhänger des islamischen Führers…
Weder unterhielt man an der Kurie ein Dolmetscherkorps, noch bemühte man sich bei ausgehenden Schreiben um eine Übersetzung. Die Folge: Wenn Gesandte an die Kurie kamen, brachten sie eigene Dolmetscher mit. Bei den wiederkehrenden Bemühungen um eine Kirchenunion zwischen Lateinern und Orthodoxen stellten in aller Regel die Griechen oder Armenier die Dolmetscher. Anders als an der Kurie war das Dolmetscherwesen in Konstantinopel gut organisiert. Auch viele Höfe islamischer Herrscher in Nordafrika und an der Levante verfügten über kompetentes Personal, auch weil dieses seit dem Beginn der Kreuzzüge hinreichend verfügbar war.
Die Kreuzfahrer der ersten Generation hatten sich noch auf mitgebrachte Dolmetscher aus Byzanz und Sizilien oder auf lokale Christen verlassen, die einer europäischen Sprache mächtig waren. Doch bereits im 12. Jahrhundert wuchs in den Kreuzfahrerstaaten eine Generation von „Franken“ heran, die im Heiligen Land geboren waren und ihr ganzes Leben dort zubrachten. Diese „Orientalen“ europäischer Abstammung sprachen die Landessprache und konnten neuen Wellen „bewaffneter Pilgerfahrer“, die ins Land strömten, ihrerseits als Führer und Dolmetscher dienen.
Sprachbarrieren im Heiligen Land: Kommunikation im Zeitalter der Kreuzzüge
Dabei schlüpften selbst Fürsten in die Rolle von Übersetzern und Gesandten. So bediente sich Richard Löwenherz bei seinen Verhandlungen mit Saladin Humfrieds IV., des Herrn von Toron, als Vermittler und Übersetzer. Humfried sprach fließend Arabisch und war zudem mit der für Richard ungewohnten Form der Verhandlungsführung über Intermediäre gut vertraut.
Waren für solch komplizierte politische Verhandlungen exzellente Arabischkenntnisse erforderlich, die auch die Tonalität des Gesagten erfassten, so war dies im Alltag wohl eher nicht der Fall. Hinzu kam, dass die Sprachenvielfalt im Heiligen Land groß war. Europäische Pilger, Kreuzfahrer und Händler sprachen französische, italienische oder deutsche Dialekte, daneben hörte man neben Arabisch auch Armenisch, Griechisch, Kurdisch oder Syrisch. Und nur weil jemand etwas Straßenarabisch oder ein paar Brocken einer europäischen Sprache verstand, war er noch lange nicht in der Lage, vor Gericht auszusagen oder ein komplizierteres Geschäft auszuhandeln. Es bedurfte dafür Experten.
Dass in der Verwaltung der Kreuzfahrerstaaten mehrsprachige Dienstleute zum Einsatz kamen, ist bekannt. Genannt werden in den Quellen vor allem drei Typen von Amtsträgern: Der rais, der scriba und der Dragoman (von arab. tarjuman). Diese Bezeichnungen geben allerdings nur bedingt Auskunft darüber, welche Aufgaben ein Dienstmann eigentlich hatte, da sie nicht konsequent in Verbindung mit bestimmten Tätigkeiten gebraucht wurden. Am ehesten ist dies noch für den rais der Fall, der als Vorsteher einer Gemeinde die Steuern einzog und die niedere Gerichtsbarkeit ausübte.
Auch über die Hintergründe einzelner Amtsinhaber ist fast nichts bekannt. Ein Blick auf die Zeugenlisten von Urkunden lässt jedoch vermuten, dass sowohl Muslime als auch Christen im Dienst der Machthaber standen. Vorauszusetzen ist für ihre Tätigkeit nur, dass sie sich sowohl mit der fränkischen Oberschicht wie auch mit der ansässigen Bevölkerung zu verständigen wussten und mit den lokalen Gegebenheiten und Gewohnheiten gut vertraut waren.
Bekannt ist auch, dass in den Kanzleien mehrsprachige Schreiber arbeiteten. Wie sie arbeiteten, ist deutlich unklarer. Im Fall von Geschäftsverträgen wie Pacht- oder Kaufverträgen ist bekannt, dass die zugehörigen Urkunden in mehreren Sprachen ausgefertigt wurden. In welcher Sprache der erste Entwurf verfasst wurde, ist hingegen meist ebenso unklar wie, in welcher Sprache verhandelt wurde.
Ein Handelsvertrag zwischen Genua und Ägypten gewährt Einblicke
Zumindest ein wenig Aufschluss darüber, wie Verträge zwischen verschiedensprachigen Parteien zustande kommen konnten, bietet jener Handelsvertrag, den Genua im Jahr 1290 mit Qalawun, dem Sultan der Mamelucken in Ägypten, abschloss.
In diesem Fall setzte ein Mitarbeiter des Sultans einen arabischsprachigen Entwurf auf, der dann von einem genuesischen Übersetzer interlinear, also zwischen den Zeilen, Wort für Wort auf Latein übersetzt wurde. Zwei vom Sultan bestellte Dragomane übersetzten diese lateinische Version dann zur Kontrolle zurück auf Arabisch. Die Rechtsgültigkeit wurde anschließend durch die Eidleistung des Vizeregenten und des genuesischen Gesandten bekräftigt, wobei mehrere sprachkundige Zeugen, darunter ein melkitischer Bischof, die Korrektheit der geleisteten Eide bestätigten.
Fast ebenso interessant wie das Zustandekommen ist der Inhalt des Vertrags. Eine Klausel sah vor, dass die Genuesen im Zollhaus in Alexandria einen eigenen Schreiber platzieren durften, der exklusiv für das Aufsetzen der sie betreffenden Dokumente verantwortlich war. Dies belegt nicht nur, dass der Umsatz genuesischer Kaufleute in Alexandria so groß war, dass sich die Anstellung eines solchen Schreibers lohnte, sondern auch, dass die Genuesen über Personal verfügten, das arabischsprachige Dokumente in einer juristisch korrekten Ausdrucksweise verfassen konnte.
Überhaupt war das Zollhaus, der Diwan, ein entscheidender Ort des Austauschs. So berührte der Vertrag auch die Rechte und Pflichten der Dragomane, die als Angestellte des Zollhauses nicht nur Übersetzer, sondern auch Agenten waren, also Geschäfte zwischen Fernhändlern und lokalen Kaufleuten einfädelten, die zustande gekommenen Vertragsabschlüsse aber auch zu beglaubigen hatten.
Diese Dragomane des Zollhauses mussten mehrsprachig sowie juristisch geschult und darüber hinaus von unzweifelhafter Integrität sein, denn indem sie die Geschäftsabschlüsse ratifizierten, waren sie auch für daraus entstehende Konflikte verantwortlich. In der Regel handelte es sich um Einheimische, die aber ebenso wie die genuesischen Schreiber über Fremdsprachenkenntnisse verfügen mussten, die weit über das Alltägliche hinausgingen.
Dragomane: gut organisierte Fremdenführer für Pilgergruppen
In keinem Fall zu verwechseln sind diese Dragomane indes mit jenen Fremdenführern gleicher Bezeichnung, die im Heiligen Land als Pilgerführer arbeiteten. Dass Pilgerreisen im späten Mittelalter professionell organisiert waren, bezeugen zahlreiche Reiseberichte. Die Teilnehmer solcher Reisen kamen fast ohne eigene Fremdsprachenkenntnisse aus. Eine typische deutsche Pilgergruppe reiste zunächst nach Venedig und steuerte dort einen deutschen Gastwirt an, bei dem sie unterkommen konnte. Anschließend suchten sich die Reisenden einen Schiffseigner, der demnächst ins Heilige Land aufbrach, und buchten bei ihm eine Reise.
Der Schiffspatron kümmerte sich in der Folge um die Versorgung der Pilger nicht nur zur See, sondern auf der gesamten Reise, das heißt auch um alle Ausflüge zu den Heiligen Stätten sowie die Bezahlung aller vor Ort fälligen Taxen und Gebühren. Er vermittelte auch die Dienste eines Dragomans.
Diese Dolmetscher bzw. Fremdenführer waren gut organisierte und beim Sultan lizenzierte Unternehmer, die auch für die Sicherheit ihrer Reisenden verantwortlich waren. Gleichzeitig waren sie für diese die meist einzige Verbindung zu ihrer Umwelt und hatten somit eine exklusive Mittlerfunktion nicht nur in sprachlicher, sondern auch in kultureller Hinsicht. Obwohl viele der Dragomane namentlich bekannt sind, liegen ihre persönlichen Hintergründe jedoch meist im Dunkeln. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass die Kontexte, in denen sie die Sprachen ihrer Kunden erlernten, sehr vielfältig waren: Mal waren es lokale Christen, mal Juden, mal Muslime mit meist wenig geradlinigen Lebenswegen, die sich eher neben- als hauptberuflich als Dolmetscher verdingten.
Wurden Reisen ins Heilige Land im Laufe des Mittelalters zur Routine, so waren die Missionare und Gesandten, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts ins Mongolenreich reisten, echte Pioniere. Gleichzeitig hingen ihre Aufträge eng mit der Situation im Nahen Osten zusammen, wo die Kreuzfahrerstaaten immer mehr an Boden verloren und alle Versuche europäischer Heere scheiterten, sie militärisch zu entlasten.
Auf der Suche nach Verbündeten für den gemeinsamen Kampf gegen die Muslime schickte Papst Innozenz IV. mehrfach Gesandte zum Großkhan der Mongolen. Diese rekrutierten sich durchweg aus den Reihen der neuen Mendikantenorden. Sprachkenntnisse dürften dabei weniger zu ihrer Ernennung beigetragen haben als ihre Unerschrockenheit beim Vordringen in unbekannte Gebiete. So brach an Ostern des Jahres 1245 der rund 60-jährige und übergewichtige Franziskaner Giovanni de Plano Carpini nach Osten auf. Hinter seinem harmlosen Äußeren verbarg sich ein aufmerksamer Beobachter, der vor allem einen Auftrag hatte: die militärischen Pläne und Fähigkeiten der Mongolen auszuspionieren. Seine später verfasste Mongolengeschichte war mehr militärische Analyse als Reisebericht, lässt jedoch auch Aufschlüsse über die sprachlichen Aspekte seiner Reise zu.
Sprachliche Herausforderungen im Reich der Mongolen
In Kiew engagierte Giovanni einen Dolmetscher, der des Tatarischen mächtig zu sein schien – sich allerdings bei jedem Gespräch, das die Sphäre des Alltäglichen verließ, als unfähig erwies. Dennoch kam Giovanni an den Höfen der mongolischen Teilherrscher, die er auf dem Weg nach Osten passierte, wie auch am Hof des frisch inthronisierten Großkhans Güyük gut zurecht. Er selbst berichtet, dass es dort „zahlreiche Russen und Ungarn [gab], die Latein und Französisch konnten, russische Kleriker und andere, die zum Teil schon 30 Jahre bei den Tataren lebten“. Bei seinem eigenen Gespräch mit dem Großkhan half dementsprechend ein Ritter aus dem Gefolge eines russischen Fürsten als Übersetzer aus. Auch vonseiten der Mongolen war man auf ausländische Gesandte eingestellt: So wurde Giovanni gefragt, in welcher Sprache der Papst die schriftliche Antwort auf seinen Brief gerne bekommen würde – und erhielt schließlich eine lateinische und eine persische Version.
Als Wilhelm von Rubruk im Mai 1253 von Konstantinopel aus zum Großkhan aufbrach, konnte er sich Giovannis Erfahrungen zunutze machen. Doch wie dieser hatte er Pech mit seinem Dolmetscher, dem es am nötigen Vokabular fehlte, um die christliche Mission des Franziskanerbruders zu erörtern. Immerhin gelang es Wilhelm, sich bei den mongolischen Fürsten so weit verständlich zu machen, dass er auf Gesandtenstraßen reisen durfte. Beim Großkhan angekommen, versagte der Dolmetscher jedoch erneut, diesmal nicht nur wegen seines beschränkten Wortschatzes: „Zu unserem Unglück stand unser Dolmetscher zu nah bei den Mundschenken, sodass er bald betrunken war.“
Doch Wilhelm hatte Glück: Im Lager des Großkhans begegnete er einer Frau aus Metz, die ihm erzählte, dass im weiter entfernten Karakorum ein Goldschmied lebe, der aus Paris stamme. Besagter Guillaume Boucher konnte Karakorum nicht verlassen – aber er schickte seinen Adoptivsohn zu Wilhelm, der diesem von nun an zur Seite stand. In seinem Bericht an den französischen König gab sich Wilhelm indes resigniert. Auch wenn die Mongolen bereit seien, jedem Gesandten höflich zuzuhören, so sei der Versuch zwecklos, sie zum Christentum zu bekehren oder sie als politische Verbündete zu gewinnen. Wer aber dennoch die weite Reise zu ihnen antrete, für den gelte: „Er muss einen guten Dolmetscher bei sich haben oder sogar mehrere und letztlich über reichlich Geld verfügen.“
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