Und Theodor Mommsen hatte doch recht: Schon 1885 hatte der Althistoriker aufgrund von Münzfunden vermutet, daß die Varusschlacht in der Gegend von Bramsche-Kalkriese (Landkreis Osnabrück) stattgefunden habe. Doch Mommsen konnte sich nicht durchsetzen. Wo waren die Waffen, fragten seine Kritiker? Warum fehlten jene Kupfermünzen, die das typische Kleingeld der römischen Legionäre waren? Zur sachlichen Kritik kam ein weiteres: Wenige Jahre zuvor war das Hermannsdenkmal bei Detmold eingeweiht worden, und nun sollte man zugeben, daß man es am falschen Ort errichtet hatte?
Über 100 Jahre vergingen, ehe Tony Clunn, Offizier der britischen Rheinarmee und Hobbyarchäologe, am Kalkrieser Berg einen römischen Münzschatz und Schleudergeschosse aus Blei fand: Der Schauplatz einer Schlacht war gefunden. Umfangreiche archäologische Grabungen schlossen sich an, bei denen bisher rund 6000 Fundstücke ans Tageslicht gekommen sind. Rund die Hälfte davon ist im Museum zu sehen.
Noch nie zuvor war in Europa ein antikes Schlachtfeld ausgegraben worden. In den meisten Fällen würde das auch kaum einen Sinn machen, denn die Sieger hatten mitgenommen, was sie gebrauchen konnten, die Toten wurden bestattet. Doch das war bei der Varusschlacht anders: Die Römer zogen hier durch einen teilweise nur 100 Meter breiten Engpaß zwischen Kalkrieser Berg und Moor. Dichter Wald machte das Gelände unübersichtlich. Am Waldrand hatten die Germanen für ihren Hinterhalt Wallanlagen aus Rasensoden errichtet. Der Wall diente ihnen als Deckung – und erlaubte das schnelle Zuschlagen und Zurückziehen der Kämpfer. Im Verlauf der Kämpfe brach dieser Wall teilweise zusammen und bedeckte materielle Hinterlassenschaften der Schlacht.
Auch die mittelalterliche Ackerwirtschaft trug ihren Teil zum Erhalt der Funde bei: Durch den Auftrag sogenannter Plaggen, gestochen aus Wald- und Feuchtgebieten, verbesserten die Bauern den kargen Boden und glichen Unebenheiten aus. So sorgten sie unbewußt dafür, daß die von den Germanen nicht geplünderten Überreste der Kampfhandlungen in größerer Tiefe bis zu ihrer Entdeckung schlummern konnten. Doch woher nehmen die Archäologen die Sicherheit, daß die hier gefundenen Überreste tatsächlich einst den Legionen des Publius Quinctilius Varus gehörten? Keine der über 1000 gefundenen Münzen wurde später als im Jahr 9 n.Chr. – dem Jahr der Schlacht – geprägt. Einige der Münzen tragen sogar den Gegenstempel „VAR“ für Varus. Das nächste Indiz: Die Archäologen entdeckten eine Grube mit Menschen- und Tierknochen. Anthropologische Untersuchungen ergaben, daß diese Knochen nicht nur deutliche Hiebverletzungen aufwiesen, sondern zunächst einige Jahre unbestattet an der Erdoberfläche gelegen hatten. Dies wiederum deckt sich mit römischen Quellen, die berichten, daß sechs Jahre nach der Varusschlacht Germanicus, der Adoptivsohn von Kaiser Tiberius, einen Feldzug nach Germanien unternahm und dabei am Ort der Varusschlacht Reste von Toten bestatten ließ.





