Er war kein militärisches Genie, seine Offizierskarriere begann mit einer peinlichen Niederlage. Auch war er kein politischer Vordenker; zur Verfassung der USA machte er keine Vorschläge. Seine Präsidentschaft war durchaus von Kontroversen geprägt. Dennoch zählen die US-Amerikaner George Washington zu ihren größten Präsidenten. Nicht zu Unrecht: Als Befehlshaber der revolutionären Kontinentalarmee und später als erster Präsident der Vereinigten Staaten prägte er die politische Kultur und Realität des Landes wie kaum ein anderer. Selbst unter Zeitgenossen wie Benjamin Franklin, John Adams und Thomas Jefferson ragte er heraus – auch physisch dank seines hohen Wuchses. Bis heute gilt Washington in den USA als Vater der Nation.
In die Erinnerung an Washington hat sich einiges an Heldenverehrung und Geschichtsklitterung eingeschlichen, manche Geschichten sind wohl die Erfindung des frühen Washington-Biographen Mason Weems. Selbst heute erzählen die Fremdenführer in Mount Vernon, dem Anwesen Washingtons, gern fälschlicherweise, dem General sei die Krone Amerikas angeboten worden, doch habe er sie abgelehnt. Aber auch ohne solche Fabeln rechtfertigen die historischen Tatsachen Washingtons zentrale Stellung im Selbstverständnis der Vereinigten Staaten.
Wie die meisten Gründerväter entstammte Washington einer Generation, die bereits in Amerika verwurzelt war. Er wurde 1732 in Virginia, der ältesten britischen Kolonie Nordamerikas, geboren und empfand dieses Land als seine Heimat. Seine Eltern Augustine und Mary Ball Washington gehörten zur Schicht der landbesitzenden Pflanzer mittleren Wohlstands. Da der Vater früh starb, wurde sein älterer Halbbruder Lawrence zum Vormund und Ersatzvater. Seine Schulbildung erhielt Washington hauptsächlich zu Hause. Eine Ausbildung in England blieb ihm verwehrt, doch lernte er unter anderem das Handwerk eines Landvermessers. Dies wurde im Alter von 17 Jahren sein erstes öffentliches Amt, das ihm einigen Erfolg als Landspekulant bescherte und auch für seine militärische Karriere von Nutzen war.
Noch eine weitere Kunst beherrschte Washington früh: den Aufbau und die Pflege einflussreicher Beziehungen. So ernannte ihn Gouverneur Dinwiddie 1753 mit erst 22 Jahren zum Oberstleutnant der Miliz. Damals bahnte sich ein Krieg mit Frankreich um die Vorherrschaft über die Ohio-Region westlich der Appalachen an. Bald erhielt Washington den Auftrag, die Franzosen aus Fort Duquesne (dem heutigen Pittsburgh) zu vertreiben. Er scheiterte kläglich: Nach einem zunächst erfolgreichen Überfall auf ein kleines französisches Kontingent verschanzte sich seine Einheit im Fort Necessity – einer hastig zusammengezimmerten Palisade – und wurde kurz darauf von überlegenen französischen Truppen zur Kapitulation gezwungen.





