Bevor Velázquez mit 24 Jahren an den Hof gelangte, hatte er in seinem Geburtsort Sevilla künstlerischen Alltagsbedarf, etwa nach religiösen Bildern, befriedigt. In der zweiten Schaffensperiode am Hof dominierte dagegen die repräsentative, weitgehend weltlich geprägte, höfische Kunst. Dieser radikale und konsequente Schritt von der einen in die andere Sphäre durchzieht als Leitmotiv die Darstellung des Hamburger Kunsthistorikers Martin Warnke. Er möchte klären, wie ein vor allem als Gassen- und Kirchenmaler bekannter Künstler nicht nur zum Hofmaler avancieren, sondern Karriere in verschiedenen Hofämtern machen konnte, die ihn von seinem Beruf als Maler immer weiter entfernten. Die Antwort findet der Autor in dem asketischen Grundzug, der aus den rigiden Spar- und Reformanstrengungen des Hofs erwuchs und zu dem auch der realistische Malstil des Künstlers paßte.
Der Maler wurde an seine Wirkungsstätte in Madrid mit einem Erziehungsauftrag berufen. So wie Olivares in seinem Ministeramt – dem neuen Staatskonzept entsprechend – erzieherisch auf den jungen König Philipp IV. wirkte, so sollte auch Velázquez für den Monarchen eine Art psychi-sche Entlastung von den Ansprüchen der höfischen Maschinerie bewirken. Zugleich schuf der Künstler mit Zeichnung und Bildnis ein Erziehungsmittel, das für den Prinzen ein Verhaltensmuster sein sollte. Wie Warnke zeigt, sollte das Idealbild des Monarchen oder seiner Umgebung die reformerischen Impulse der Zeit aufnehmen. Durch den Bau des Lustschlosses Buen Retiro (um 1630) sollte der König dann allerdings nicht mehr primär politisch erzogen, sondern durch Pracht und Prunk verklärt und in seiner Autorität gestärkt werden. An der Ausstattung war Velázquez als Maler beteiligt; seine Bilder entwarfen eine herrscherliche Bestimmung jenseits des Kriegs.
Warnke verzichtet auf eine Kollektivmonographie des künstlerischen Schaffens, konzentriert sich vielmehr auf die Interpretation einer relativ knappen Auswahl von Bildern. In dem kunstgeschichtlichen Band wird der Künstler in sein familiäres und soziales Umfeld eingebettet. Aus diesem werden seine Themen und Gestaltungen wesentlich erklärt. Sieht man von einigen Fehlern, Ungenauigkeiten und orthographischen Mängeln bei spanischen Namen und Begriffen ab, liegt ein gut geschriebenes, kompaktes Buch vor, das sowohl historisch als auch kunstgeschichtlich Interessierte gern zur Hand nehmen werden. Schade nur, daß das Ende etwas abrupt kommt; eine Schlußbetrachtung hätte die Darstellung überzeugender abgerundet.
Rezension: Bernecker, Walther L.





