Tonaufnahmen als Zeitdokument
In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs versuchten die Alliierten, die Gräuel, die sie in den Konzentrationslagern der Nazis vorfanden, so gut wie möglich zu dokumentieren. Ihre erschreckenden Fotos und Filmaufnahmen ausgemergelter Gefangener und Leichen schockierten die gesamte Welt. Unter den Wissenschaftlern, die die Überlebenden interviewten und ihre Geschichten für die Nachwelt zu erhalten versuchten, war auch der US-Psychologe David Boder.
Im Sommer 1946 besuchte der Psychologe mehr als 130 jüdische Überlebende des Holocaust, die vorübergehend in Flüchtlingslagern in Frankreich, Italien, der Schweiz und Deutschland untergebracht waren. Ausgerüstet mit einem alten Tonbandgerät und 200 Spulen, zeichnete er die Berichte der ehemaligen KZ-Häftlinge auf, aber auch Lieder und religiöse Gesänge, die sie in ihrer Zeit im Lager gesungen hatten.
Zufallsfund im Universitätsarchiv
Nahezu alle Aufnahmen wurden später digitalisiert und ausgewertet, doch eine Spule fehlte – und geriet in Vergessenheit. “Auf ihr hatte Broder Lieder von Überlebenden im Camp Henonville in Frankreich aufgenommen”, berichtet der Historiker David Baker von der Universität Akron in Ohio. “Im KZ hatten die Nazis die Häftlinge gezwungen, einige dieser Lieder zu singen, wenn sie zur Zwangsarbeit marschieren mussten.”
Diese zwischenzeitlich verlorene Spule haben Baker und seine Kollegen nun durch Zufall in einer Ecke des Universitätsarchivs wiedergefunden. Sie war falsch beschriftet und wurde daher nie genauer untersucht. Es dauerte dann noch ein Jahr, bis die Forscher über das Internet ein altes Tonbandgerät aufspüren konnten, mit dem sie diese alten Aufnahmen abspielen konnten “Dieser Rekorder besteht größtenteils aus neuen Teilen und nutzt keine Vakuumröhren oder Gummibänder mehr”, erklärt der Multimedia-Experte James Newhall. Aber er konnte die alten Aufnahmen abspielen.
Einzigartiger Einblick
Nach gut 70 Jahren in der Vergessenheit ertönen nun erstmals wieder die Lieder der jüdischen Gefangenen – ein einzigartiges Zeitdokument. “Ich denke, das ist eine der wichtigsten Entdeckungen in der Geschichte unserer Universität”, sagt Baker. “Diese Menschen nach 70 Jahren der Stille wieder singen zu hören, gibt der Welt einen besseren Einblick in die Umstände und Erfahrungen derjenigen, die dieses dunkle Kapitel der menschlichen Geschichte erlebt haben.”
Inzwischen wurden die Aufnahmen digitalisiert, und eine Kopie davon wurde dem US Holocaust Museum in Washington übergeben. Die Historiker dort haben bereits begonnen, die Liedtexte zu übersetzen.





