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Vermittlerin zwischen den Dynastien
Durch ihre Heirat mit Albrecht Achilles wurde Anna von Sachsen die zweite brandenburgische Kurfürstin aus der Dynastie der Wettiner. Ihr Leben zeigt, wie eng Macht, Familie und Diplomatie am spätmittelalterlichen Hof verflochten waren – und welche zentrale Rolle sie als Vermittlerin spielte.
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Die sächsische Prinzessin Anna wurde am 7. März 1437 in Meißen geboren. An diesem Residenzort hielten sich die Wettiner besonders häufig an hohen kirchlichen Feiertagen auf. Im Jahresverlauf waren sie meist viel unterwegs – ganz im Sinn der sogenannten Reiseherrschaft, die das Mittelalter prägte. Damals war es üblich, dass Fürst und Hofstaat von Herrschaftssitz zu Herrschaftssitz reisten, um die Regierungsgeschäfte zu tätigen. Der Hof des Fürsten und der Frauenhof der Fürstin zogen dabei auch getrennt voneinander los und trafen dann bei bestimmten Anlässen wieder zusammen. Das Reisen diente unter anderem dazu, die Herrschaft wirkungsvoll in Szene zu setzen. Der Aufenthalt in Meißen bot dafür einen würdigen Rahmen: den prächtigen Dom mit seinen Heiltumsschätzen und die neue Fürstenkapelle, in der Annas Großvater, der erste sächsische Kurfürst aus dem Hause Wettin, bestattet war.
Annas jüngere Brüder Ernst und Albrecht bauten später anstelle der alten Markgrafenburg ein hochmodernes, lichtdurchflutetes Schloss – die Albrechtsburg. Mütterlicherseits waren Anna und ihre Geschwister mit dem mächtigsten Haus Europas verwandt: den Habsburgern. Annas Onkel Friedrich, der Bruder ihrer Mutter Margarethe, wurde deutscher König und 1452 als Friedrich III. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt.
Mit sechs Monaten wurde Anna gemeinsam mit ihrer ein Jahr älteren Schwester Amalia in die Kinderstube der Wettiner auf Burg Mildenstein in Leisnig gebracht. In den Folgejahren kamen sechs weitere Geschwister hinzu (vier Jungen und zwei Mädchen). Am Hof der jungen Herrschaft zeigte sich, dass die fürstlichen Geschwister viele Monate ihrer Kindheit und frühen Jugend gemeinsam verlebten – allerdings nicht unbedingt zusammen mit ihren Eltern! Ihre Ausbildung wies sicher die üblichen geschlechtsspezifischen Unterschiede auf. Die Söhne werden kaum das Nähen erlernt haben – Anna dagegen schon, denn später verschenkte sie auch gerne Selbstgenähtes, so zum Beispiel ein Badehemd für Albrecht. Neben dem Zuchtmeister für die Jungen war auch eine Zuchtmeisterin am Hof, die Sitte, Zucht und Ordnung im Blick hatte.
Standesgemäße Ausbildung und privilegierter Alltag im fürstlichen Kinderzimmer
Zweifelsohne lernten die Mädchen das Schreiben, denn es existieren Nachweise für den Kauf von „eyn schribe gerethe den fraulin“ und von „drey bucher pappier“. Albrecht Achilles von Brandenburg, Annas späterer Ehemann, bat sie jedenfalls um eigenhändig geschriebene Briefe. Wie sah es mit Fremdsprachen und Latein aus? Als Kurfürst bezeichnete Ernst Latein als „Harnisch“, der jedem Fürsten gut anstehe. Den beiden jüngeren Schwestern Annas, Margarethe und Hedwig, die beide Äbtissinnen wurden, darf man wohl auf jeden Fall Lateinkenntnisse unterstellen.
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Umgeben waren die Kinder von einem fürsorglichen Netz an Bediensteten. Sie wurden eingekleidet, und dabei war – wie wir aus Stoffrechnungen wissen – Rot eine sehr beliebte Kleiderfarbe. Fleisch und Fisch, Obst und Nüsse wurden herangeschafft, Arzneien besorgt, Spielzeug und Naschwerk wie zum Beispiel Pfefferkuchen gekauft. Die Mutter lebte meistens andernorts, zog mit ihrem eigenen Hof umher, sandte aber Briefe und schickte kleine Geschenke. Zur Unterhaltung der Kinder wurden „syngende zceißke“ (singende Zeisige) aus Meißen geholt. Auch Musikanten und ein Narr gehörten zum Hof. Kamen die Kinder mit Geleit im Wagenzug nach Leisnig, wurden sie im Ort fürstlich empfangen: Schüler der Leisniger Schule sangen für sie. So übten die jungen Fürstinnen und Fürsten standesgemäßes Repräsentieren ein. Während des engen Zusammenlebens auf Burg Mildenstein knüpften sich Netze persönlicher Bindungen.
Bis zu ihrem 16. Lebensjahr verlebte Anna die meisten Sommer auf Mildenstein. In dem Alter war sie bereits seit zwei Jahren mit dem burgundischen Herzog Karl verlobt, der später unter dem Namen Karl der Kühne von Burgund berühmt wurde und der über sagenhafte Reichtümer verfügt haben soll. Ein Traumprinz? Die beiden dürften einander nicht persönlich gekannt haben, und die Verlobung wurde 1454 wieder aufgelöst, als es infolge des verheerenden Krieges zwischen Annas Vater und dessen Bruder Wilhelm III. zum Überfall einer burgundischen Gesandtschaft kam. Vielleicht hatte Anna bereits Französisch gelernt? Jahrzehnte später sorgte sie für die Zöglinge an ihrem Witwenhof im fränkischen Neustadt an der Aisch für deren standesgemäße Ausbildung, zu der auch Sprachen wie Italienisch und Französisch gehörten.
Zwischen höfischem Glanz und Kriegserfahrungen
Die Kurwürde hatte für die Wettiner den Aufstieg in die europäische Elite bedeutet. Sie öffnete die Tür zu den Königshäusern. Mit Anna und Karl von Burgund, der nach der französischen Krone strebte, wäre ein solcher Schritt möglich gewesen. Ein anderes probates Mittel, Macht und Herrschaft nicht nur zu erobern, sondern auch stetig auszubauen, war Krieg. Wie hatte Anna die mörderischen, brandschatzenden Söldnerzüge ihres Vaters und seines Bruders Wilhelm III. erlebt? Weite Teile Thüringens und Sachsens lagen wüst. Beide stritten nach der Teilung ihrer Besitzungen um die besten Stücke. Anna war zwölf Jahre, als die Fehden begannen. Ihre Brüder Ernst und Albrecht erfuhren es am eigenen Leib, als sie gekidnappt wurden. Der „Prinzenraub“ ging als populäre Anekdote in die sächsische Landesgeschichte ein, denn er ging glimpflich aus – nicht jedoch für die Entführer. Als die Brüder später selbst ihre Besitzungen teilten, verfolgte Albrecht die Strategie, sich eigene Gebiete im Friesländischen zu erobern.
Die Hochzeit Annas von Sachsen mit dem 23 Jahre älteren Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg wurde 1458 im mittelfränkischen Ansbach gefeiert. Als Tochter des sächsischen Kurfürstenpaares war Anna eine hervorragende Partie. Als der politisch und diplomatisch überaus agile Albrecht Achilles die brandenburgische Kurwürde übernahm, wurde Anna die zweite brandenburgische Kurfürstin aus der Dynastie der Wettiner. Für die gewachsene Großfamilie war Anna ein für alle Seiten wichtiger Knotenpunkt und Anlaufstelle in kritischen Situationen.
Innerhalb der autoritären Struktur einer Adelsfamilie spielte sie ihre Stellung und ihren Handlungsraum weitgehend aus. Wie alle Familienmitglieder ordnete sie sich dem Ehemann und Familienvater in Gehorsam unter. Davon zeugen überlieferte Dokumente, vor allem ihre Briefe. Albrecht Achilles war unmissverständlich der Hausvater, an dessen Seite Anna über familienpolitische Vorhaben wie Verheiratung, Erziehung und Laufbahn der Kinder mitentscheiden konnte. Eine wichtige Rolle spielte sie als Fürbittende, Nachrichtenüberbringerin und vor allem als Vermittlerin.
Dynastische Verantwortung und herausfordernde Mutterschaft
In den 28 Jahren ihrer Ehe brachte Anna 13 Kinder zur Welt, von denen sechs bereits im Kleinkindalter starben. Geburten waren bekanntermaßen eine heikle Angelegenheit und wirksamer göttlicher Beistand höchst erwünscht. Einige Male lieh sich Anna wirkmächtige Reliquien, die wie ein Wanderpokal innerhalb der Familie herumgereicht wurden. Tante Katharina bat sie um Becher, Gürtel und Löffel der Heiligen Elisabeth. Wir kennen auch das Dankesschreiben Albrechts, in dem er vom erfolgreichen Gebrauch berichtet: „glucksseliger sneller Geburt und deshalben viel weins in den kopf giessen lassen“.
Das Netzwerk funktionierte, denn es ging um nichts Geringeres als die dynastischen Ressourcen der Zollern. Die gemeinsame Sorge um den Nachwuchs zeigte sich auch, als Anna ihren Mann um einen Arzt für den neugeborenen Enkel bat: „Stete lieb mit ganzen trewen zuuor. Hochgeporner furst mein herzen aller liebster her vnd gemahel, ich lasz ewr lieb wissen, das mir die leinlewterin [Wärterin?] geschriben hat, wie das herlein an seine gemechtlein ein geprechen hab … vnd begert, das man meister kunrat in dy marck zu jm schick, wen jm noch wol zu helffen stet.“
Als Albrechts zweite Ehefrau war Anna zudem Stiefmutter von vier Kindern. Auch hier ist ihre Fürsorge vielfach zu greifen: Beim Vater setzte sie sich für Sohn Johann Cicero ein, lieh ihm Schmuck, nahm Tochter Elisabeth zeitweise an ihren Hof zurück, die in einer unglücklichen Eheverbindung gefangen war. Stellvertretend für die Kinder wandte sie sich an deren Vater.
Und wie verhielt sich Anna in politischen Angelegenheiten? Ihre Sorge um den Ehemann, der in den Krieg zog, ist leicht zu verstehen. Als es gegen den Burgunderherzog Karl den Kühnen ging, schrieb sie: „Ir ziehet hinnab gegein dem herzog von burgund, den zu bestreiten, des pin ick erschrocken, dan ich han alzeit hoffnung gehabt, es solt wendig worden sein. So es aber je nit anders sein mag, so bit ich got getrewlich vnd fleisziglich, er wol ewr gnaden beysten vnd parmherziglich mit wurken, das ir mit gluckselliger verwindung, als ich zu seiner almechtigkeit gutes getrawen han, frolich vnd gesunt schir wider kumpt … vnd schick ewr lieb hiemit ein puchlein, das hat mir ewr lieb zu behalten geben vor ein Jar, das hab ich in einer laden funden. Mich bedunckt, es gehort zu der wagenpurg, als ewr lieb bedorft, das irs het. Hiemit befilh ich euch dem almechtigen got, der behut ewr lieb vor leid.“
Wie Anna grundsätzlich zum Krieg stand, wissen wir nicht. Ganz Kind ihrer Zeit, überließ sie es der Gnade Gottes, die über Leben und Tod entschied, und tat das ihrige mit dem Senden Schutz versprechender Reliquien, durch fromme Stiftungen und Gebete.
Wie viele ihrer adligen Kolleginnen bahnte Anna Ehen an – und betrieb damit Heiratspolitik. An Albrechts Seite, der die Ehe zwischen dem reichen bayerischen Herzog und einer polnischen Prinzessin gestiftet hatte, trat sie 1475 mit dem größten Gefolge bei der berühmt gewordenen Landshuter Hochzeit auf. Albrecht Achilles war auch Stifter der Egerer Hochzeit. Hier verbanden sich die Wettiner mit dem böhmischen Königshaus – beide Eheschließungen waren von großer politischer Brisanz. Wenn Ehepläne scheiterten, vermittelte Anna auch Absagen. Für ihre jüngste Tochter Anastasia fanden Vorverhandlungen, die Hochzeit und das Beilager an ihrem späteren Witwenhof in Neustadt an der Aisch statt.
Anna und ihr Gatte pflegen ein vertrautes Miteinander
Wenn Anna diplomatisch handelte, blieb sie im Austausch mit ihrem Ehemann. Detailliert berichtete sie ihm, wie sie seine Nichte, die dänische Königin, empfing. Diese war über Leibgedinge-Angelegenheiten mit ihrem Onkel in Streit geraten. Anna beschwichtigte sie und schenkte ihr – ganz ladylike – den begehrten Kopfschmuck, den sie selbst trug. Geschenke für ihre Verwandten suchte Anna mit Bedacht aus: Heilmittel, Hauben, Jagdgeräte, aber auch Reliquien und Heiligenbilder. Ihrer Schwester Amalia schickte sie Samt und ihren Schneider, damit er ihr einen speziellen Kleiderschnitt fertigte.
Zahlreiche Briefe und wechselseitige Besuche belegen den engen Kontakt mit ihrer Herkunftsfamilie. Anna reiste allerdings nie ohne die Erlaubnis ihres Mannes. Auch mit ihm wechselte sie viele Briefe. Die beiden informierten einander über das Geschehen bei Hof, den Kriegsverlauf und überbrückten die Zeit bis zu ihrem Wiedersehen mit sexuellen Scherzen – teilweise in Knittelversen verfasst –, die laut in der Hofgesellschaft vorgelesen wurden. Als Liebhaberin der Jagd fragte sie ihn zudem, wann und wo sie jagen dürfe. Das Verhältnis beider scheint vertraut gewesen zu sein.
Schließlich bestand Albrecht Achilles darauf, eine Aufteilung der Territorien nach seinem Tod zu verhindern. Um seine Witwe gegenüber ihren Brüdern zu stärken, befasste er sich mehrfach mit der Wittumsverschreibung für Anna. Hätte Anna nach Albrechts Tod erneut geheiratet, so wäre ihr gesamtes Witwengut, einschließlich Schmuck und Kleider, an ihre Söhne gegangen. Ihr Einverständnis mit dem Regelwerk und damit, sich nicht erneut zu verheiraten, verteidigte sie ihren Brüdern gegenüber in einem Brief. Vor allem ihnen scheint das Misstrauen von Albrecht Achilles gegolten zu haben.
Anna war 51 Jahre alt, als ihr Mann starb. Gut ausgestattet bezog sie zusammen mit ihren jüngsten Töchtern den Witwensitz in Neustadt an der Aisch. Die fürstlichen Obrigkeitsrechte verblieben bei ihren Söhnen, wie Albrecht es festgelegt hatte, und Anna war ihnen zu Gehorsam verpflichtet. Sie nutzte ihren Spielraum aus, um weiter ihren Aufgaben nachzugehen. Anna war die Fürsorgende, Erziehende, Unterhaltende, vielfältig Inspirierende für ihre Großfamilie.
Zeitweise nahm sie zwei unversorgte Töchter aus missglückten Ehen wieder bei sich auf. Auch mehrere Enkel wurden zu ihr gesandt, darunter der spätere brandenburgische Kurfürst Joachim, der hier eine mehrjährige Erziehung genoss. Darüber hinaus fanden einige Familientreffen bei ihr statt. An Grenzen stieß sie, als ihre Söhne ihre Schwester Barbara, eine der wiederaufgenommenen Töchter, auf der Plassenburg einsperrten. Einnahmen gingen an ihre Söhne, die Anna auch um Silbergeschirr und ihren Schmuck für Repräsentationsanlässe bitten musste.
In ihren letzten Lebensjahren kümmerte sich Anna um die Memoria – das Netzwerk für die Ewigkeit. Sie legte testamentarisch fest, was nach ihrem Tod geschehen sollte. Als Anna am 31. Oktober 1512 starb, wurde sie in der Kirche von Neustadt aufgebahrt und anschließend im Kloster Heilsbronn beigesetzt. Beim Eintreffen des Leichnams sollten die Vigilien (Stundengebete) gesungen werden. Arme und Schüler sollten Spenden erhalten.
Botschaft für die Nachwelt: Annas letzte Ruhestätte
Anna wählte bewusst weder die Familiengrablege in Meißen noch die Familiengruft der Zollern für sich aus. Jahre vor ihrem Tod hatte sie bereits ihr Hochgrab fertigen lassen, dessen Grabfigur sie in Witwentracht zeigt. Im Wappenschmuck sind beide kurfürstlichen Dynastien in einem Allianzwappen der Wettiner und Zollern repräsentiert. An der Stirnseite ihres Sandsteingrabmals steht eine Figur der Heiligen Anna Selbdritt: Anna als Mutter von Maria, als Großmutter Jesu – die Stammmutter der Christen. Ob Anna einen Bezug zur Heiligen Anna herstellen wollte, der über den als Namenspatronin hinausging? Was für eine Botschaft weiblichen Selbstbewusstseins wäre das gewesen: Kurfürstin Anna als Stammmutter! Aber ist eine solche Selbstdarstellung zu Beginn des 16. Jahrhunderts denkbar?
Das Erinnern selbst ist Anna mit ihrem Grabmal gelungen. Zwar ist seit der Reformation das Gebetsgedenken außer Kraft gesetzt, mit dessen Hilfe die verstorbenen Verwandten aus dem Fegefeuer erlöst werden sollten. Aber bis heute erinnern die eindrucksvollen Grabmale und andere Relikte an historische Personen. Somit ist ihre Geschichte noch immer präsent.
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