Das gesteigerte Interesse des Autors gilt vor allem jenen oft kruden Alltäglichkeiten und auch düsteren Seiten des seinerzeit glanzvollsten Hoflebens in Europa. Wie miserabel funktionierte das Heizungssystem, wenn es überhaupt existierte, wie groß waren die Brandrisiken, für deren Eingrenzung die technischen Mittel fehlten, und wie desaströs waren die hygienischen Verhältnisse jener Epoche, die den Gestank der Abtritte nur mit Wolken von Parfüm zu bekämpfen vermochte? Hier, bis in die Statistiken der Kindersterblichkeit, liefert der Autor exakte Details, die in ihrer Realistik beeindrucken.
Dem Autor stand nur sehr begrenzter Raum zur Verfü-gung, der zudem von dem klassischen Bildmaterial reichlich genutzt wird. Eine seltsame Versuchung hat ihn dennoch verleitet, sich über den Sonnenkönig hinaus auch seinen beiden Nachfolgern und sogar der Geschichte von Versailles bis zur Gegenwart zuzuwenden. Da bleibt für Marie Antoinette nur der banale Nebensatz, dass sie Ludwig XVI. „keine rechte Stütze war“.
Schließlich verliert sich Erbe in der komplizierten HalsbandAffäre und urteilt pauschal: „Letztere [das heißt König und Königin] waren völlig schuldlos, hatten am Ende jedoch das ganze Betrugswerk auszubaden.“ Das mag allenfalls im engeren juristischen Sinn richtig sein, aber Marie Antoinette war keineswegs schuldlos, da sie mit ihren horrenden Schmuckausgaben dem Ruf der Monarchie geschadet hatte, und ihr Gemahl war es auch nicht, da er die hochpolitische Affäre dilettantisch aus seiner Hand gleiten ließ. Fülle des Stoffes und Kürze der Darstellung fügen sich nur selten glücklich, aber es ist nicht ohne Verdienst, bis in die Küchen, Pferdeställe und Kloaken des Hofes von Versailles vorgedrungen zu sein und damit dessen Schattenseiten nüchtern und präzise protokolliert zu haben.
Rezension: Dr. Uwe Schultz





