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Verschollen im Outback
Ludwig Leichhardt ist in Australien eine Legende. Der im preußischen Trebatsch geborene Abenteurer erforschte Mitte des 19. Jahrhunderts den noch weitgehend unbekannten Kontinent. Doch der Versuch, die Landmasse von Osten nach Westen zu durchqueren, endete im Desaster – von der Expedition fehlt bis heute fast jede…
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Ein einziger kleiner Gegenstand bündelt den Mythos von Ludwig Leichhardt. Es ist die Messingplakette mit seinem Namen, die einst an seinem Gewehr angebracht war. Mehr hat man von ihm und seinen sechs Begleitern nicht gefunden, seit der Expeditionstrupp 1848 in den Weiten Zentralaustraliens verschollen ist.
Die Ausstellungskuratorin Heike Hartmann hat eine Liste zusammengestellt, was Leichhardt neben den sieben Pferden, 20 Maultieren und 50 Ochsen, von denen wir gesichert wissen, wohl noch dabei hatte: „Notizbücher und Schreibzeug, Chronometer und Teleskop, Töpfe und Pfannen, Teller, Becher und Besteck, Äxte, Schuhwerk, Hufeisen und Nägel, Reit- und Packsättel, Pferdegeschirr, Ochsenglocken, Waffen, Munition und Werkzeug.“
Diese Menge an potentiellen Fundstücken macht das vollständige materielle Verschwinden der Expedition bis heute zu einem Faszinosum. 14 Expeditionen suchten zwischen 1851 und dem frühen 20. Jahrhundert nach dem Verschollenen. So blieb in Australien auch die Erinnerung an sein Schicksal wach – immer mehr wurde Leichhardt zu einer legendenhaften Figur.
Das Talent des Sohns eines preußischen Torfstechers wird früh bemerkt
Ludwig Leichhardt, geboren 1813, stammte aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater, Christian Leichhardt, war Torfstecher und lebte mit seiner Frau Charlotte in Trebatsch (heute ein Ortsteil der Gemeinde Tauche in Brandenburg). Da seinem Taufpaten die schnelle Auffassungsgabe Ludwigs aufgefallen war, setzte er sich dafür ein, dass der Junge das Gymnasium in Cottbus besuchen konnte. Zum Studium zog es Leichhardt 1831 zunächst nach Berlin, später wechselte er an die Universität in Göttingen.
Dort lernte Leichhardt den englischen Mitstudenten William Nicholson kennen. Diese Begegnung sollte sein Leben verändern. Die beiden Studenten teilten die Leidenschaft für die Erkundung der Natur. Leichhardt gab das Fach Philosophie auf und wechselte zur Medizin und den Naturwissenschaften.
Übrigens erweist sich der Doktortitel, der in Australien bis heute dem Namen Leichhardt vorangestellt wird, bei genauerer Betrachtung als Ehrentitel. Leichhardt konnte in keinem seiner Studienfächer einen Abschluss vorweisen.
Leichhardt besuchte die wohlhabenden Nicholsons in Bristol und wurde dort wie ein Sohn aufgenommen. Ende 1837 schrieb er seinen Eltern über die Reisepläne mit William. Zuerst sollte es nach Paris gehen, danach ans Mittelmeer. All dies seien aber nur die Vorbereitungen für Größeres: „So viel ist schon jetzt gewiss, dass uns Europa alleine nicht genügen wird … Wir planen später nach Ostindien oder Australien zu gehen.“
Zunächst einmal riss die preußische Verwaltung den jungen Mann aus allen Träumen. Als er im Mai 1838 einen Reisepass beantragte, wurde ihm dieser verweigert: Leichhardt müsse erst seinen Militärdienst in Preußen antreten. Leichhardt bat um Aufschub. Dieser wurde ihm tatsächlich gewährt; sollte er allerdings nicht bis spätestens 1. Oktober 1840 zur Musterung erscheinen, gelte er als fahnenflüchtig. Leichhardt kehrte jedoch weder 1840 noch später in seine Heimat zurück.
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Das Problem mit dem Pass hatte sich auf andere Weise gelöst: Die Familie seines Freundes besorgte ihm ein britisches Ausweisdokument. Somit stand dem Aufbruch – zunächst nach Paris – nichts im Weg. Gemeinsam mit Nicholson bereiste er in den folgenden 18 Monaten neben Frankreich auch Italien und die Schweiz.
Zurück in England, fasste Leichhardt ein ferneres Ziel ins Auge: Gemeinsam mit William sollte es nach Australien gehen. In einem Brief an die Heimat schrieb er im September 1841: „Das Innere, das Herz dieses dunklen Kontinents ist mein Ziel, und ich werde die Suche danach nie aufgeben, bis ich es erreicht habe.“ Die Planungen waren recht konkret; so sollte William das Geld seiner Familie in eine Schaffarm investieren: „Von diesem Ertrag können wir dann gemeinsam … unsere Reise kreuz und quer durch Australien finanzieren“, schrieb Leichhardt.
Nicholson machte jedoch im letzten Moment einen Rückzieher. Den deutschen Freund ließ er aber nicht im Stich: Er bezahlte Leichhardt die Überfahrt nach Sydney und gab ihm noch eine stattliche Summe für den Start in Australien mit. Nach viereinhalb Monaten auf See kam Leichhardt Mitte Februar 1842 in Sydney an.
Die Zielstrebigkeit des damals 28-Jährigen ist beeindruckend. Nach der Ankunft eignete er sich in den folgenden zwei Jahren alles an, was man für ein Überleben im „Busch“ brauchte. Er suchte auch die Aborigines, die australischen Ureinwohner, auf, um sich mit ihrer Lebensweise in einer zum Teil lebensfeindlichen Umgebung vertraut zu machen.
Am Ende seiner „Lehrzeit“ fühlte er sich als richtiger Buschläufer (bushwalker). So nannte man in Australien die Männer, die sich in der Wildnis auskannten. Eine Auszeichnung war der Begriff nicht, da er eigentlich auf flüchtige Gefangene gemünzt war. Schließlich war Australien lange nicht viel mehr als eine britische Strafkolonie gewesen.
Eine Zeitlang machte Leichhardt ganz alleine seine Erkundungen. Er zog durch das Gebiet westlich der bereits erschlossenen Regionen an der Ostküste. Doch das genügte ihm nicht: „Je mehr Erfahrungen ich auf meinen Forschungsritten an die Grenzen des Unbekannten sammelte, desto stärker wuchs mein Wunsch, die ganz grosse, die wirkliche Forschungsreise vom Süden der Moreton-Bay bis an die Nordküste Australiens zu unternehmen.“
Der fast mittellose Leichhardt war stets auf der Suche nach Sponsoren, die seine Unternehmungen finanzieren würden. Er war sich zudem bewusst, dass sein Forscherdrang mit großen Gefahren verbunden war. 1844 schrieb er in einem Brief: „Gut möglich, dass meine Knochen für immer auf den Ebenen dieser Kolonie bleichen werden“.
„Prinz der Entdecker“: Auf dem Höhepunkt des Erfolgs
Doch Leichhardts Entdecker-Karriere begann mit einem Erfolg. 1844/45 gelang es ihm, von den Darling Downs in Queensland bis nach Port Essington an der Nordspitze des Kontinents vorzustoßen. Die Expedition durch das für Europäer unbekannte Landesinnere war über 15 Monate unterwegs.
In Sydney, wo man kaum noch auf ein Lebenszeichen gehofft hatte, wurde der Deutsche nach seiner Rückkehr als Held gefeiert. Die australische Presse nannte ihn „Prinz der Entdecker“. Sein Reisebericht erschien 1847.
Dass auch in Australien Expeditionen immer mit kolonialistischen Interessen verbunden waren, wird aus einer Laudatio deutlich, mit der Leichhardt laut einem Bericht des „Sydney-Herald“ vom 22. September 1846 bei der Eröffnung einer nach ihm benannten Sammlung bedacht wurde. „In sozialer wie in politischer Hinsicht ist es schwer, ja unmöglich, die Wichtigkeit der kürzlich gemachten Entdeckungen jener unbegrenzten fruchtbaren Länderstriche zu überschätzen, welche sich gegen Norden ausdehnen und bald, mit unzähligen Herden bedeckt, als Wohnplatz des zivilisierten Mannes gesucht sein werden.“
Leichhardts Erkundungen in Australien fanden weltweit Anerkennung. 1847 wurde er sowohl von der Société de géographie in Paris als auch von der Royal Geographical Society in London mit einem Preis und einer Medaille ausgezeichnet.
Heutige Wissenschaftler versuchen nachzuvollziehen, welche Bedeutung Leichhardts Forschungen tatsächlich hatten. Denn sein früher Tod hatte verhindert, dass der gebürtige Preuße die Ergebnisse seiner Reisen aufarbeiten konnte. Alexander von Humboldt etwa hatte Jahrzehnte benötigt, um die vielfältigen Erkenntnisse seiner Reise durch Südamerika zu publizieren.
Leichhardt hatte bei der Expedition von 1844/45 zudem das Pech, dass er seine gesamte botanische Sammlung aufgeben musste, um überhaupt lebend ans Ziel zu kommen. 2006 kam eine Gruppe von australischen Wissenschaftlern zu dem Ergebnis, dass Leichhardts Sammlung von enormem wissenschaftlichem Wert gewesen wäre, und man würde ihn heute wohl zu den bedeutendsten Botanikern Australiens zählen, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, darüber zu publizieren.
Doch trotz seiner unzweifelhaften Leistungen schieden sich an Leichhardt die Geister. Anlass für negative Äußerungen gab etwa seine gescheiterte Expedition 1847, als er den ersten Versuch, den Kontinent von Ost nach West zu durchqueren, bereits nach sieben Wochen abbrechen musste. Ständiger Regen und der Ausbruch eines Fiebers unter den Männern hatten eine Fortsetzung unmöglich gemacht.
In einem Brief von 1847, der erst in den 1860er Jahren veröffentlich wurde, hatte Leichhardt seinen Mitstreitern die Schuld an dem Fehlschlag gegeben. John F. Mann, einst neben Leichhardt der zweite Leiter der Reise, ließ diese Vorwürfe nicht auf sich sitzen. Er konterte, Leichhardt habe es an Kameradschaft gefehlt, und er habe oft die falschen Entscheidungen getroffen. John F. Mann kritisierte den damals bereits gefestigten heroischen Status von Leichhardt in Australien als eine „Art von Heldenverehrung, die sich keinen Makel in ihrem Gegenstand vorzustellen vermag“.
In Beschreibungen der Persönlichkeit des Preußen tauchen immer wieder Begriffe wie „tollkühn“, „egoistisch“ und „größenwahnsinnig“ auf. Wobei man sich rückblickend fragen muss, ob dies nicht generell charakterliche Grundvoraussetzungen waren für Menschen, die als Erste einen Kontinent durchqueren wollten.
Leichhardts Traum: Die Querung Australiens von Ost nach West
Nach dem Reinfall von 1847 wollte Leichhardt sich möglichst schnell rehabilitieren. Bis Anfang 1848 hatte er die Mittel für eine weitere Expedition beieinander. Erneut sollten die Darling Downs der Ausgangspunkt sein: Hier wurde er bei Mount Abundance am 3. April 1848 zuletzt gesehen.
Von dort stammt auch ein Brief, der an seine Verwandten in Deutschland gerichtet war. Er enthält durchaus nachdenkliche Passagen: „Seit dem letzten Jahr kam ein seltsamer Wechsel über meinen Geist. Ich litt an starken Anfällen von Melancholie. Darum brauche ich wohl die Aufregung, die die große Unternehmung begleitet, um mich von dieser zu befreien.“
Er beendete den Brief mit einem optimistischen Blick auf die anstehende Forschungsreise: „… so bin ich voll Hoffnung erfüllt, daß mein allmächtiger Beschützer mir gestatten wird, meinen Lieblingsplan zu einem erfolgreichen Ende zu führen.“ Es kam anders: Seit diesen Zeilen fehlt jedes Lebenszeichen von Leichhardt.
Als auch nach drei Jahren keine Nachricht vom Verbleib der Expedition zu hören war, musste man sich mit dem Gedanken beschäftigten, dass etwas schiefgegangen war. Bald rankten sich zahlreiche Gerüchte um das Schicksal des Deutschen. Ein Überfall von Indigenen auf die Teilnehmer war von Beginn an eine der am häufigsten genannten Versionen.
Angesichts der endlosen Wüsten im Zentrum Australiens wurde natürlich auch spekuliert, die Männer seien schlicht verdurstet oder – so eine weitere Theorie – in einem der zahlreichen Trockentäler nach einem Starkregen von einer plötzlichen Flut verschlungen worden.
Die Grundfrage bei der Suche nach Leichhardt war: Welche Route hat er genommen? Neben der direkten Variante quer durch das südliche Australien sahen viele die nördliche Route als wahrscheinlicher an. Hier hätte er von den Erkenntnissen seiner erfolgreichen Expedition von 1844/45 profitieren können und wäre zumindest anfangs in „bekanntem“ Terrain unterwegs gewesen.
Andererseits könnte Leichhardt der extrem regenreiche Jahresbeginn 1848 dazu verleitet haben, den nun wasserführenden Flüssen direkt nach Westen in die Wüste zu folgen. Dazu würde passen, dass es seit den 1860er Jahren aus der Region um den Cooper Creek (im westlichen Queensland) – inzwischen waren die ersten Siedler bis dorthin vorgedrungen – Berichte gab, Eingeborene hätten von weißen Männern erzählt, die vor Jahren durchgezogen seien.
Im Jahr 1860 endete eine der aufwendigsten Suchaktionen in einer Katastrophe. Die von Heinrich Burke und John Wills angeführte Expedition blieb ebenfalls im Outback verschollen.
Der genaue Weg der Expedition bleibt ein Rätsel
Die eingangs beschriebene Messingplakette wurde um 1900 von einem Aborigine namens Jackie in einem Affenbrotbaum in der Nähe von Sturt Creek im heutigen Bundesterritorium Western Australia unweit der Grenze zum Northern Territory gefunden. In den Baum war zudem ein „L“ eingeritzt. Leichhardt war bekannt dafür, solche Markierungen zu hinterlassen.
Nachdem sie mehrere Besitzer hatte, gelangte die Messingplatte schließlich 2006 in die Sammlung des National Museum of Australia. Intensive Materialprüfungen kamen zum Ergebnis, dass die Plakette tatsächlich von der Waffe Leichhardts stammt.
Der Autor Darrell Lewis, der für sein Buch „Where is Dr Leichhardt?“ (2013) noch einmal alle Versuche, Spuren des Forschers zu finden, rekapitulierte, fasste seine Recherche mit folgenden Worten zusammen: „… letztendlich gibt es noch keinen Hinweis darauf, welche Route die Expedition genommen hat oder wo und wie sie ihr Ende fand.“ Man müsse darauf hoffen, dass vielleicht eines Tages Leichhardts Tagebücher gefunden würden, sollten diese erhalten geblieben sein.
Der Fundort des Namensschilds stützt für Lewis allerdings die These, dass Leichhardt von den Darling Downs nicht direkt nach Westen gegangen ist, sondern eher in einem nach Norden verschobenen Bogen Richtung Tanami- und Große Sandwüste.
In Australien ist der Name Leichhardt gleich mehrfach verewigt: Ein Gebirgszug, Stadtteile in Sydney und Brisbane sowie mehrere Flüsse und Gehöfte sind nach ihm benannt. Leichhardt bot sogar Inspiration für bedeutende Literatur. Der australische Literaturnobelpreisträger Patrick White (1912–1990) nahm den deutschen Forscher als Vorlage für die Hauptfigur seines Romans „Voss“ (1957).
In Deutschland ist Leichhardt dagegen wenig bekannt. In seinem Heimatort Trebatsch erinnert inzwischen ein Museum an den Forscher, dort ist auch eine von nur zwei Abgüssen einer Leichhardt-Bronzebüste des Künstlers Lutz Hähnel zu sehen – die andere befindet sich im Foyer des australischen Parlaments in Canberra.
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