Vorwort von Heinrich VIII. selbst geschrieben
Die im Lambeth House in London aufbewahrte lateinische Bibel gehörte einst dem englischen König Henry VIII., dem Herrscher, der sich 1534 von der katholischen Kirche lossagte und in seinem Land die anglikanische Kirche einführte. Dieser Schritt veränderte die religiöse und politische Landschaft Englands und Europas nachhaltig. Die Bibel, deren Vorwort Heinrich VIII. selbst schrieb, ist nur eine von sieben erhaltenen Kopien.
“Wir wussten so gut wie nichts über diese einzigartige Bibel”, berichtet Eyal Poleg von der Queen Mary University of London. “Zuerst erschien dieser Bibeldruck völlig sauber, aber bei näherer Untersuchung bemerkte ich, dass ein dickes Papier über einige leere Stellen im Buch geklebt worden war.” Diese Überklebungen ließen sich jedoch nicht entfernen, ohne das kostbare Buch zu beschädigen.
Handschriftliche Notizen auf überklebter Seite
Hilfe fand Poleg bei Graham Davis, einem Spezialisten für 3D-Röntgenuntersuchungen. Gemeinsam erstellten die Forscher mehrere Langzeit-Aufnahmen mit und ohne Leuchtunterlage. Die Durchleuchtung machte unter dem Deckpapier verborgene handschriftliche Anmerkungen sichtbar. Eine Software half dabei, den gedruckten Text aus dem digitalen Bild zu entfernen, so dass diese Notizen lesbar wurden.
Nähere Untersuchungen ergaben, dass die Notizen wahrscheinlich zwischen 1539 und 1549 geschrieben wurden – und damit mitten in der turbulentesten Phase der Herrschaft Heinrichs VIII. In dieser Zeit ereignete sich die Abkehr von Rom, Heinrich setzte sich mit dem Act of Supremacy als Kirchenführer ein, viele Klöster wurden geschlossen und Anne Boleyn sowie der ehemalige Vertraute des Königs, der Katholik Thomas Moore, wurden hingerichtet.
Reformatorische Kommentare
Die jetzt entdeckten Anmerkungen spiegeln diese Übergangszeit und die mit ihr verbundenen Widersprüche deutlich wider. Denn die Notizen erwiesen sich als kopierte englischsprachige Textpassagen aus der berühmten “Great Bible”. “Bis vor kurzem nahm man an, dass die englische Reformation einen kompletten Bruch verursachte, einen Rubikon, nach dem Heilige abgelehnt und die lateinische Sprache durch englisch ersetzt wurde”, sagt Poleg.
Doch die englischen, reformatorischen Notizen in einer lateinischen Bibel belegen nun, dass dieser Bruch weit weniger abrupt war als genommen. “Das Buch ist Zeuge einer Zeit, in der konservatives Latein und reformatorisches Englisch gemeinsam genutzt wurden”, erklärt Poleg. “Es zeigt, dass die Reformation ein langsamer, komplexer und gradueller Prozess war.” Die Bibel spiegelt diesen Übergang zwischen Englisch und Latein in dieser Periode zwischen 1539 und 1549 wider.





