Nur auf den ersten Blick typisch
Entdeckt wurden die 15 Mumienporträts bereits zwischen 1899 und 1900 bei Ausgrabungen in Tebtunis in der Fayum-Region Ägyptens. Die aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammenden Gemälde stellen hochrangige Tote dar, die dort als Mumien beigesetzt worden waren. Typischerweise werden solche Porträts bei der Mumifizierung mit in die Hülle der Leichname eingewickelt, oft so, dass sie auf dem Gesicht der Mumie liegen.
Wie für die römische Zeit Ägyptens typisch, sind die Mumienporträts vorwiegend in gelber, roter, weißer und schwarzer Farbe ausgeführt. Damit ahmten die ägyptischen Künstler den damals als überlegen geltenden griechischen Stil nach. Das jahrhundertelang in Ägypten übliche blaue Pigment, das Ägyptisch Blau, wurde dagegen nicht mehr verwendet – dachte man jedenfalls.
Verstecktes Blau
Doch als Marc Walton von der Northwestern University und seine Kollegen die inzwischen im Phoebe Hearst Museum of Anthropology aufbewahrten Mumienbilder nun genauer analysierten, erlebten sie eine Überraschung. “Wenn man die Tebtunis-Porträts anschaut, sieht man nur die typischen vier Farben”, erklärt Walton. “Aber als wir mit unserer Analyse der Pigmente begannen, fanden wir plötzlich Spuren des blauen Pigments.”
Wie sich zeigte, hatten die ägyptischen Künstler in sechs der 15 Bilder das Ägyptisch Blau eingesetzt, aber nur für Vorzeichnungen und um die Farbtöne der sichtbaren Farben abzuwandeln. Eine solche versteckte Verwendung des Ägyptisch Blau aber war bisher unbekannt. “Das widerspricht all unseren Erwartungen darüber, wie das Ägyptisch Blau eingesetzt wurde”, sagt Walton.
Für das gewisse Schimmern
Die Forscher vermuten, dass die ägyptischen Künstler das kostbare Blau verwendeten, weil es den anderen Farbtönen einen schöneren Glanz verlieh. Das Ägyptisch Blau erzeugte wahrscheinlich ein spezielles Schimmern, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel darauf fällt. “Die Künstler könnten diesen nicht auf den ersten Blick sichtbaren Nebeneffekt der blauen Farbe bewusst ausgenutzt haben”, meint Walton. Zudem half die subtile Beimischung des Blaus wahrscheinlich dabei, zusätzliche Farbabstufungen der vier Grundfarben herzustellen.
Dies ist nicht nur das erste Mal, dass Forscher einen solchen versteckten Einsatz des Ägyptisch Blau feststellen. Die Entdeckung wirft auch ein neues Licht darauf, wie Künstler im 2. Jahrhundert nach Christus dieses Pigment nutzten. “Unser Fund bestätigt den Unterschied zwischen der visuellen und physikalischen Seite eines Artefakts”, sagt Jane Williams, Konservatorin am Hearst Museum. “Wenn man beginnt, ein Kunstwerk zu analysieren, sollte man immer das Unerwartete erwarten.”





