Die versunkenen Siedlungen befinden sich im Weinviertel, nahe Enzersdorf im Thale. Ihre Entstehung vor rund 900 bis 1000 Jahren geht auf die Zeit zurück, in der diese Region noch zu Bayern gehörte. Von dort aus wurde das damals wenig erschlossene Gebiet gezielt besiedelt. Heute verdeutlichen noch die Ähnlichkeiten des bayrischen und österreichischen Dialekts die historische Verbindung.
Besiedlung von Bayern aus
Die Siedler begleiteten damals Beamte, die für den Bau, die Verwaltung und Sicherung der geplanten Dörfer verantwortlich waren. „Hier war damals der Wilde Osten”, sagt Gerhard Hasenhündl von der Archäologischen Abteilung des Museumsvereins Hollabrunn. Allerdings gingen bekanntermaßen im 13. und 15. Jahrhundert viele der Orte wieder verloren: Missernten, Hungersnöte, zu nasse Lagen, Seuchen und Kriege haben wahrscheinlich zum Verlassen geführt. Anschließend überwucherte der Wald die Überreste und die Lage der einstigen Orte gelangte schließlich in Vergessenheit.
Hasenhündl und seine Kollegen haben nun die Spuren von fünf solcher versunkenen Orte auf Laserscan-Luftaufnahmen des Landes Niederösterreich wieder ausfindig gemacht. Auf diesen Bildern wird nur die Erdoberfläche sichtbar – der Pflanzenbewuchs ist ausgeblendet. So zeichneten sich die Ortsstrukturen ab. Die einstigen Dorfareale, die sogenannten Ortswüstungen, sind noch erkennbar, da nach der Verödung der Orte dort keine Äcker angelegt und diese Flächen nie eingeebnet wurden.
Hochmittelalterliche Erdburganlage
„Die Ortswüstungen Krales und Unter-Abtsdorf sind besonders schön und komplett erhalten”, freut sich Hasenhündl. Die Ortswüstung von Unter-Abtsdorf liegt im Enzersdorfer Wald und weist einen Herrensitz mit einer Böschung-Wall-Anlage auf. Das ganze Dorf war auch von einer Wehranlage umschlossen. Nordwestlich des Ortes sind die Terrassen seines einstigen Weinberges erkennbar. Das benachbarte Krales war ähnlich ausgebaut und besaß sogar eine Erdhügelburg, berichten die Archäologen. Die Anlage ist mit steilen Gräben, einem 450 Quadratmeter großen Kernburg-Plateau und einer etwa 150 Quadratmeter großen Vorburg gut erkennbar. Geschützt war die Burg wohl zusätzlich durch Holzpalisaden. „Das Dorf hatte 30 bis 40 Häuser und 200 bis 250 Bewohner. Das war für damalige Verhältnisse relativ viel”, erklärt Hasenhündl. Die Gebäude, die damals allesamt aus Holz und Lehm errichtet wurden, verrotteten schnell. Die Grundmauern, die aus Steinen gebaut waren, blieben unter dem Waldboden jedoch erhalten.
Spuren von Hochwasserschutz-Anlagen
Die Forscher haben auch Hinweise auf mittelalterlichen Hochwasserschutz entdeckt: „Die Graben-Wall-Anlagen rund um die mittelalterlichen Dörfer dienten nicht allein der Verteidigung gegen Plünderer und wilde Tiere”, sagt der Historiker Heinz Bidner. Zwar dienten die auf den Wall aufgesetzten Palisaden dieser Funktion, aber wohl kaum der Rest des Konzepts, meint Bidner: „Die Gräben um die Dörfer waren nur ein bis zwei Meter tief, aber mit vier bis sechs Metern ungewöhnlich breit. Sie dienten vornehmlich dem Schutz vor Überflutungen durch angeschwollene Bäche oder durch das Hangwasser bei Starkregen”, ist er überzeugt. Gelände- und Hangwasserkarten belegten zudem: „Die Regenwasserbäche fließen noch heute in die übrig gebliebenen überbreiten Gräben. Diese verlaufen wiederum leicht abfallend und lassen das Wasser erst am Dorfende in tiefere Lagen frei abfließen”, sagt Bidner. Es handelte sich demnach um einen clevereren Überflutungs-Schutz vor rund 1000 Jahren, resümiert der Historiker.





