Nach Abschluss der Ausgrabungen in der Wikinger-Siedlung von L’Anse aux Mea-dows (im Folgenden als LAM bezeichnet) und nach Forschungen der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen, die sich fast ein halbes Jahrhundert hinzogen, kann nunmehr aber auch das sagenhafte Vinland identifiziert und lokalisiert werden.
Als man LAM entdeckte, wurde zunächst angenommen, dass diese Siedlung mit dem in den Sagas genannten Vinland identisch sei. Die intensiven Forschungen haben aber ergeben, dass LAM nicht Vinland ist, sondern in Vinland lag. Während die Grönländer-Saga nur eine Vinland-Siedlung erwähnt (Leifsbudir bedeutet Leifs Hütten), berichtet die Erik-Saga von zwei Örtlichkeiten: Straumfjord (Fjord der Strömungen) im Norden und Hóp (Strandsee, Gezeiten- Lagune) im Süden.
Inzwischen konnte nachgewiesen werden, dass Leifsbudir ganz offensichtlich eine Kombination von Straumfjord und Hóp ist: Nach der in der Erik-Saga überlieferten Schilderung entspricht Leifsbudir in der äußeren Erscheinung weitgehend Hóp: eine seichte, von Sandbänken geschützte Gezeiten-Lagune mit einem darin mündenden Fluss sowie mit Wein und Wäldern in der Umgebung. Hinsichtlich der Funktion als Basislager, von dem aus Fahrten in verschiedene Richtungen zur Erkundung und zum Einbringen der Naturschätze von Vinland unternommen wurden, und als Überwinterungsort hat Leifsbudir die Qualität von Straum‧fjord. Straumfjord aber ist mit LAM identisch.
Dafür spricht, dass die Errichtung einer solchen aus insgesamt acht Gebäuden bestehenden substantiellen Ansiedlung, die etwa sieben bis zehn Prozent der damaligen gesamten Wikinger-Bevölkerung von Grönland für einige Jahre gebunden hat, schon aus personellen Gründen nicht mehrmals verwirklicht werden konnte, handelte es sich bei diesen Personen doch um die jungen und damit arbeitsfähigsten Männer. Auch war LAM keineswegs eine unbekannte und namenlos gebliebene Wikinger-Siedlung. Es ist nämlich höchst unwahrscheinlich, dass ein materiell wie personell derart bedeutsames Werk wie Straumfjord-LAM in den Sagas unerwähnt geblieben sein sollte.
Nach den Sagas haben die Wikinger Fahrten auch in den Süden von Vinland unternommen. Dort befand sich das Sommerlager Hóp. Dass auch diese Fahrten entlang der nordamerikanischen Ostküste tatsächlich stattgefunden haben, konnte durch an sich völlig unspektakuläre Fundobjekte in LAM nachgewiesen werden. Bei diesen Objekten handelt es sich um die Früchte (butternuts) des nordamerika‧nischen Weißen Walnussbaums (Juglans cinerea). Diese Baumart gab und gibt es aber nicht in Neufundland. Ihre nördliche Verbreitungsgrenze ist der 47. Breitengrad im Tal des St.-Lorenz-Stroms im Nordosten der heutigen kanadischen Atlantikprovinz New Brunswick.
Außerdem wurde in LAM ein mit einem eisernen Messer etwas bearbeitetes, aber dann weggeworfenes Astknotenstück von einem Weißen Walnussbaum ausgegraben. Eisen besaßen damals aber die Ureinwohner in dieser Gegend Nordamerikas nicht, wohl aber die Wikinger. Die Wikinger müssen daher zumindest die erwähnte Atlantikküstenregion aufgesucht haben.





