Der Theologe August Hermann Francke reformierte das Universitätsstudium im Hinblick auf die Ausbildung der Studierenden in praktischer Theologie. Sie brachten die Lutherische Kirche in die entferntesten Regionen der Welt, nach Sibirien, Nordamerika und Südindien. Die erste protestantische Mission in der Geschichte, die Dänisch-Hallesche Mission, wurde von Francke geistlich betreut. Aus ihr ging 1919 die Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC) hervor. In Nordamerika legte Heinrich Melchior Mühlenberg nach seiner Entsendung 1741 aus Halle in Pennsylvania den Grundstein für die Evangelical Lutheran Church in America (ELCA).
Als Pädagoge wandte sich Francke dem Kind als Individuum mit eigenen, ganz speziellen Bedürfnissen zu. Er gründete das erste Lehrerbildungsseminar Deutschlands, rückte die Bildungsbiographie jedes einzelnen Kindes in den Mittelpunkt und baute mit einem durchlässigen Schulsystem und der öffentliche Bibliothek, deren Bestand weitaus größer war als der zeitgenössischer Universitätsbibliotheken, Bildungsschranken ab. Das erste Kinderkrankenhaus Deutschlands, der erste Schulgarten und mit dem durchgängig praktizierten Anschauungsunterricht auch die Realschule nahmen hier ihren Ausgangspunkt.
Am 13. Juli 1698 legte August Hermann Francke den Grundstein für das Hallesche Waisenhaus, das weltweit zu einem Symbol wurde für eine moderne Waisen- und Armenfürsorge. Neben der geistigen und geistlichen Versorgung der Kinder entwickelte Francke eine Almosenordnung, die wegweisend wurde für das preußische Sozialwesen. Die Spenden wurden öffentlich verwaltet und für die Bekämpfung der Ursache von Armut eingesetzt, neben der gesundheitlichen Wiederherstellung der Patienten „daß sie ihre Handthierung fortsetzen und sich ehrlich ernehren können“. Franckes Wirken war Vorbild für die bekannten Rettungshäuser des 19. Jh. von Johannes Daniel Falk (1768-1826) in Weimar bis zum ‚Rauhen Haus‘ von Johann Hinrich Wichern (1808-1881) in Hamburg.
Die Wissenschaft profitierte von Franckes Forderung nach einer anwendungsorientierten Naturwissenschaft und Theologie. Mit dieser positiven Einstellung gegenüber den Naturwissenschaften ragte Francke unter den Theologen seiner Zeit heraus. Seine Aufwertung der Naturwissenschaften als gottgefällig löste sie aus ihrer Unterordnung unter die Theologie und entfesselte den Fortschritt der Moderne durch die „Entzauberung der Welt“ (Max Weber), die bis in die Gegenwart hineinreicht.
International knüpft Francke enge Kontakte zu den großen Herrscherhäusern der Zeit. Der preußische Hof, das dänische Königshaus, der Zar in St. Petersburg und die englische Königin in London: die führenden europäischen Mächte hatten die Strahlkraft der Reformideen Franckes erkannt. Er empfing die Berater Peters des Großen (1672-1725) für Bildungsfragen in Halle, bildete mit Unterstützung der Königin Anne (1665-1714) aus dem Hause der Stuarts englische Zöglinge am Königlichen Pädagogium aus, wurde erstes ausländischen Mitglied der einflussreichen Society for Promoting Christian Knowledge (SPCK) und erwirkte im Heereslager des schwedischen Königs Karl XII. (1682-1718) bei Altranstädt den Bau der Gnadenkirchen für die verfolgten Protestanten in Schlesien.





