Die Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt Segantini als Wegbereiter der Moderne. In der Nachbarschaft der Sammlungswerke van Goghs, Cézannes und Monets kann sein OEuvre mit den Augen des 21. Jahrhunderts und den Seherfahrungen der Moderne betrachtet und seine Position innerhalb der Kunst des Fin de Siècle neu verortet werden.
Zu Lebzeiten ein gefeierter Malerfürst, war Segantini in allen »Secessionen« von Wien über München bis Berlin vertreten wie auch auf der Pariser Weltausstellung (1889) und der ersten Biennale in Venedig (1895). Nach einer Retrospektive im Kunsthaus Zürich (1990) und einer Präsentation zu seinem 100. Todestag in St. Gallen 1999 soll nun ein frischer Blick auf den Maler der Bergwelt geworfen und so sein wertvoller Beitrag zur Entwicklung der modernen Kunst vergegenwärtigt werden.
Die Ausstellung umfasst rund 45 Gemälde und 30 Zeichnungen aus allen Schaffensphasen des Künstlers. Darunter sind viele selten oder bisher nie öffentlich gezeigte Werke. Sie berücksichtigt die Breite der Motivwelt, alle Bildgattungen und Techniken, die meisterhaften Zeichnungen ebenso wie die panoramaartigen Riesengemälde und nicht zuletzt auch eine Reihe ausdrucksstarker Selbstporträts des Künstlers.
Die offenen, lichtdurchfluteten Räume des Museumsbaus von Renzo Piano mit ihren Ausblicken in die reale Landschaft gestatten zudem, Segantinis Naturverehrung Rechnung zu tragen, die in vielerlei Facetten der heutigen Sehnsucht nach reinen »Natur-Räumen« entsprechen. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler setzt mit den beiden Werkgruppen seiner Jugendzeit ein, den während der Ausbildung an der Mailänder Kunstakademie Brera entstandenen Grossstadtszenen und Porträts. Von 1881 bis 1886 lebte Segantini mit seiner Lebensgefährtin Bice Bugatti – der Schwester seines Studienfreundes, des Möbeldesigners Carlo Bugatti – in der norditalienischen Seenlandschaft der Brianza. Hier schuf er in einem an Jean-François Millet geschulten Realismus seine ersten Meisterwerke, so das berühmte Gemälde Ave Maria a trasbordo Ave Maria bei der Überfahrt, 1886), in dem Religiosität und ländlicher Alltag in Einklang gebracht werden.
Die nächste Lebensetappe führte die Familie mit ihren gemeinsamen vier Kindern aus der Ebene in die Berge, nach Savognin (1886–1894), wo Segantini die Beschäftigung mit der Kultur des bäuerlichen Lebens weiterentwickelte. Dort entstanden auch die ersten in der Technik des Divisionismus geschaffenen großformatigen Gemälde der Schweizer Bergwelt. Diesen entscheidenden geografischen und künstlerischen Aufbruch belegt die Ausstellung anhand mehrerer Werke, etwa den Gemälden Ritorno dal bosco (Rückkehr aus dem Wald, 1890) und Mezzogiorno sulle Alpi (Mittag in den Alpen, 1891). In Savognin findet Segantini aus einem dunkeltonigen Frühwerk zur Farbe und durch Farbzerlegung von reinen, meist horizontal geschichteten, komplementären Farbstreifen zu einer ungeheuren Lichtintensität.





