Der Verrat ist keine Erfindung der Neuzeit und auch im politischen Geschehen spielte diese Form des Vertrauensbruchs schon seit der Antike eine wichtige Rolle. „Hochverrat gilt in allen Epochen und Staaten als ultimatives politisches Verbrechen und wird drakonisch bestraft“, sagt der Historiker André Johannes Krischer von der Universität Münster. „Gemessen daran ist das Phänomen erstaunlich wenig erforscht.“ Um dies zu ändern, tauschen sich Historiker am 23. und 24.September in einer internationalen Online-Tagung zu diesem Thema aus.
Krischer hat die wichtigsten Aspekte und Meilensteine der Geschichte des Verrats näher erforscht. „Verrat ist vielfältig: Der Judaskuss, der zur Kreuzigung Jesu führt, gilt als heilsnotwendiger Verrat. Der Hochverrat, etwa ein Königsmord, leitet einen gewaltsamen Umsturz ein. Whistleblowing wiederum gilt vielen als guter Verrat im Sinne der Aufklärung”, erläutert der Historiker. Zwar geht es bei Verrat letztlich immer um Vertrauensbruch und Loyalitätsverstoß, die Konnotationen waren aber je nach Zeit jeweils leicht unterschiedlich.
Straftatbestand und biblischer Urverrat
In der griechisch-römischen Antike war der Verrat bereits eine Kategorie des Strafrechts. Und schon damals wurde dies ausgenutzt, um politische Rivalen zu diskreditieren oder sie aus dem Weg zu räumen. „Er diente als Grund, den politischen Gegner auszuschalten. Denn der Verräter gilt als jemand, dem jedes Mittel recht ist, um sein Ziel durchzusetzen”, erklärt Krischer. Im Mittelalter kam dann eine religiöse Verknüpfung hinzu: Die in der Bibel erzählte Geschichte vom Verrat des Apostels Judas an Jesus durch seinen Judaskuss galt als Urverrat und als Legitimation, um auch den Verrat am vermeintlich richtigen Glauben zu verfolgen und zu bestrafen.
„Theologisch handelt es sich um einen heilsnotwendigen Verrat: Die Kreuzigung ermöglicht erst die Auferstehung und damit die Heilsgeschichte”, sagt Krischer. Historisch aber musste Judas oft als böser Verräter schlechthin herhalten – auch in Religionskonflikten: So warfen die Mörder der französischen Könige Heinrich III. im Jahr 1589 und Heinrich VI. 1610 den Herrschern ein zu laxes Vorgehen gegen die Protestanten und damit Verrat am katholischen Glauben vor. Dies war ihre Legitimation für die Taten. Doch später wurden dann die Mörder selbst als Verräter hingerichtet. „Das ist ein Beispiel dafür, dass der Verratsvorwurf in derselben Angelegenheit von beiden Seiten erhoben werden kann”, so Krischer.
Verknüpfung mit Verschwörungstheorien
Im 16. Jahrhundert wurde dann der Vorwurf des politischen Verrats zunehmend mit Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Verräter wurden meist nicht mehr als Einzeltäter betrachtet, sondern gerieten schnell in den Verdacht, Vollstrecker eines finsteren Komplotts zu sein. „Verräter agieren im Halbdunkel und verfolgen mit Hilfe mächtiger Unterstützer einen geheimen Plan”, erklärt Krischer die damalige Denkweise. „Dies förderte Verschwörungstheorien, was zu Hinrichtungen von Unschuldigen führte.“ Während der Regierung der englischen Königin Elisabeth I. beispielsweise reichte schon der Verdacht eines Verrats, um Beschuldigte hinrichten zu lassen.





