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Vom Marktflecken zur Metropole
Lange bestimmten die bayerischen Herrscher die Geschicke der Stadt. Erst nach dem Thronverzicht König Ludwigs I. 1848 konnte das Bürgertum seinen eigenen Gestaltungswillen entfalten. Begleitet vom Zuzug vieler Künstler und ländlicher Arbeitssuchender, war München um 1900 ein Hort der Kreativität in Kunst und Wissenschaft, aber auch eine Stadt der kleinen Leute und der Armen.
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Heutige Besucher Münchens bringen die Stadt hauptsächlich mit den Wittelsbachern in Verbindung. Das mag kaum überraschen, denn seit 1180, als Otto von Wittelsbach von Friedrich Barbarossa mit dem Herzogtum Bayern belehnt wurde, gehörte München zum wittelsbachischen Territorium und wurde zum Herzogssitz der Wittelsbacher. Tatsächlich aber verdankt jene Siedlung, die 782 als ein an das Kloster Schäftlarn übertragener Besitz erstmals urkundlich erwähnt wurde, ihren Aufstieg Heinrich dem Löwen. 1158 verlieh der Welfe, gleichzeitig Herzog von Sachsen und von Bayern, dem Ort Munichen das Markt- und das Münzregal. Auf diese Weise gelang es dem Herzog, konkurrierende Machtansprüche des Freisinger Bischofs Otto I. auszuschalten.
Zur selben Zeit ließ Heinrich der Löwe die Siedlung Veringen/Föhring, wo man für Otto I. nur wenige Kilometer von Munichen entfernt Münzen schlug und wo der Salzhandel florierte, samt Zollbrücke über die Isar zerstören. Ein kaiserlicher Schiedsspruch legte anschließend fest, dass von den Einnahmen, die von nun an in München erzielt wurden, ein Drittel dem Freisinger Bischof, zwei Drittel dem Herzog zustehen sollten.
Die Tatsache, dass sich beide Parteien diesem Spruch beugten, kam dem Aufblühen Münchens zugute. Die Gewalttat des Welfen erwies sich als erfolgreich, denn von nun an profitierte München anstelle von Föhring vom Salzhandel sowie von der auf der Isar betriebenen Flößerei.
Wittelsbacher machen die Stadt zum Sitz der herzoglichen Regierung
Will man die weitere Entwicklung der Stadt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts äußerst knapp zusammenfassen, dann ist darauf hinzuweisen, dass dem neuen Handelsort an der Isar rasch der Rechtsstatus einer Stadt verliehen wurde. Heute geht man davon aus, dass dies um etwa 1210 geschehen sein dürfte. Ähnlich verhält es sich mit dem ersten Münchner Stadtsiegel – dargestellt ist ein kapuzenbedeckter Mönchskopf. Dessen Gebrauch ist erstmals für 1239 nachweisbar.
Der Wittelsbacher Ludwig II. bestimmte die Stadt – nach einer ersten bayerischen Landesteilung 1255 – zum Sitz seiner herzoglichen Regierung, er vergrößerte das Stadtgebiet und umschloss es mit einer neuen Befestigungsanlage. Für das städtische Regiment ist wiederum das Jahr 1318 von Bedeutung, als zum ersten Mal ein „Äußerer Rat“ erwähnt wurde, der Mitgliedern der Kaufmannschaft und des Gewerbes die Möglichkeit eröffnete, neben den Vertretern der alten patrizischen Familien die Geschicke Münchens mitzubestimmen. Anschließend verlieh Ludwig der Bayer der Stadt 1332 das Privileg, den gesamten Salzhandel zwischen Landshut und den Alpen abzuwickeln.
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Das 15. Jahrhundert bescherte München eine Zeit der wirtschaftlichen Prosperität, die vor allem dem Salzhandel und dem Warenaustausch mit Italien zu verdanken war. Trotz Missernten, Hungersnöten und großer Epidemien zwischen 1462/63 und 1498/99 wuchs die Bevölkerung der Stadt bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts auf etwa 15 000 Menschen an. 1468 konnte der Grundstein der Münchner Frauenkirche, dieser mächtigen spätgotischen Hallenkirche, gelegt werden. Mit der endgültigen Wiedervereinigung der bayerischen Teilherzogtümer 1505 unter der wittelsbachischen Linie Bayern-München war München die Stellung als gesamtbayerische Residenzstadt und damit auch als Behördenzentrale nicht mehr zu nehmen.
Prägendes katholisches Element im „Deutschen Rom“
Mit der Reformation und der Entscheidung des Hauses Wittelsbach 1522, bei der alten Lehre zu bleiben, erwarb sich München den Ruf, ein „Deutsches Rom“ zu sein. Verstärkt wurde das katholische Element mit dem Einzug der Jesuiten 1559, die Herzog Albrecht V. bereits 1548 an die in Ingolstadt beheimatete bayerische Landesuniversität gerufen hatte.
Seinem Sohn und Nachfolger Wilhelm V. gelang es, die bayerische Residenzstadt im Zuge des Absolutismus weitgehend dem fürstlichen Willen zu unterwerfen. Und 1587 verwandelte der Herzog das städtische in ein herzogliches Salzmonopol. Auch ein erstes Hofbräuhaus wurde 1589 in München errichtet.
Der herzogliche, dann kurfürstliche Hof sollte von nun an für lange Zeit den unumschränkten politischen und kulturellen Mittelpunkt der Stadt darstellen. Vor allem das Wirken von Kurfürst Maximilian I. sticht hervor. Er begann sofort nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges mit der Erneuerung der Befestigungsanlagen, was freilich nicht verhindern konnte, dass der schwedische König Gustav Adolf 1632 die Stadt einnahm. Außerdem ließ Maximilian I. auf dem heutigen Marienplatz als sichtbares Zeichen der Zugehörigkeit Bayerns zur katholischen Lehre eine Mariensäule errichten, und er widmete sich dem Bau einer neuen Residenz im Bereich der sogenannten Neuveste, die nach unzähligen weiteren Umbauten und Erweiterungen bis heute eines der Herzstücke der Stadt darstellt.
Die folgenden wittelsbachischen Herrscher prägten die Stadt auf unterschiedliche Weise. Mit Kurfürst Ferdinand Maria und seiner Gemahlin Henriette Adelheid, die sowohl die Theatinerkirche als auch Schloss Nymphenburg bauten, hielt der Barock Einzug in München. Deren Sohn Max Emanuel und deren Enkel Karl Albrecht verfolgten andere Ziele: die Erlangung der Königs- bzw. der Kaiserwürde. Beide Unternehmungen sollten sich nicht nur finanziell desaströs für Bayern auswirken. Max Emanuels Entschluss, sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts gegen den Kaiser zu stellen, trug ihm die Reichsacht und Bayern die Besetzung durch kaiserliche Truppen ein.
Im Winter 1705 verleitete das harte Regiment der Kaiserlichen schließlich nieder- und oberbayerische Bauern dazu, sich zur Wehr zu setzen. Der Widerstand wurde jedoch blutig niedergeschlagen, am 24. Dezember vor den Toren Münchens (sogenannte Sendlinger Mordweihnacht) und am 8. Januar 1706 bei Aidenbach in Niederbayern. Die Erinnerung an den missglückten Aufstand, vor allem diejenige an die erfundene Figur des heldenhaften Schmieds von Kochel, ist bis heute im Münchner Erinnerungskalender fest verankert.
Karl Albrechts Nachfolger, Kurfürst Max III. Joseph, musste sich angesichts der von seinen Vorfahren verursachten finanziellen Verhältnisse in Bescheidenheit üben. Dennoch geht auf ihn das prächtige Cuvilliés-Theater zurück. Außerdem gründete dieser letzte Kurfürst aus der altbayerischen Linie der Wittelsbacher als dezidierter Aufklärer 1759 in seiner Residenzstadt die Bayerische Akademie der Wissenschaften. Bereits 1752 hatte Max III. Joseph eine Porzellanmanufaktur ins Leben gerufen, die 1761 nach Nymphenburg verlagert wurde.
Das Jahr 1777 bedeutete einen tiefen Einschnitt nicht nur für Bayern, sondern auch für München. Denn in diesem Jahr starb der letzte altbayerische Wittelsbacher ohne eigenen Erben. Daher folgte Max III. Joseph – gemäß wittelsbachischer Hausverträge – Kurfürst Karl Theodor aus einer der pfälzischen Linien der Dynastie nach. Er sollte sich in Bayern und in München jedoch aufgrund seiner territorialen Tauschpläne rasch äußerst unbeliebt machen: Wien sollte das Kurfürstentum Bayern erhalten, während Karl Theodor hoffte, im Gegenzug seine pfälzischen Territorien um die Österreichischen Niederlande erweitern zu können.
So gut wie alle Regierungsmaßnahmen des neuen Kurfürsten wurden daraufhin mit Blick auf diese Tauschpläne von der Münchner Bürgerschaft abgelehnt. Kritisch beurteilte man etwa die Initiative des neuen Herrschers, die Stadt aus ihren jegliches Wachstum hindernden Befestigungsanlagen zu befreien. Neuer Wohnraum entstand auf diese Weise seit 1791 zum Beispiel vor dem Karlstor. Außerdem sollte ein forcierter Straßenbau die Stadt wirtschaftlich voranbringen. Und da Karl Theodor es als Mangel empfand, dass man nirgends in München flanieren konnte, schenkte er den Einwohnern eine Art Naherholungsgebiet: Er ließ unter der Regie von Benjamin Thompson, dem späteren Grafen Rumford, den Englischen Garten als Volksgarten anlegen, der seit 1793 der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stand. Zu erwähnen sind auch jene Maßnahmen, die darauf zielten, die vielen Armen und Bettler, die München damals bevölkerten, in Brot und Arbeit zu bringen.
Hauptstadt Bayerns im Geist der Aufklärung
Die Entfestigung der bayerischen Haupt- und Residenzstadt wurde nach Karl Theodors Tod 1799 von seinem Nachfolger Kurfürst Max IV. Joseph weitergeführt, der aus der wittelsbachischen Linie Pfalz-Zweibrücken stammte. Während seiner Herrschaft sollte Münchens Etikettierung als „Deutsches Rom“ obsolet werden. Denn mit dem neuen Herrscher kamen – ausgelöst durch die Französische Revolution und die Revolutionskriege – evangelische Untertanen nach München: einerseits pfälzische Flüchtlinge, andererseits seine zweite Gemahlin, eine badische Prinzessin, deren Hofprediger, einige Hofdamen sowie eine ganze Anzahl von Beamten und weitere Bedienstete aus der Pfalz.
Anfangs glaubte der Münchner Magistrat, die Ansiedlung evangelischer Neuankömmlinge verhindern, ihnen vor allem das Bürgerrecht verweigern zu können. Doch als sich Max IV. Joseph 1801 in eine Streitigkeit zugunsten eines aus Mannheim stammenden Weinwirts höchstpersönlich einschaltete, musste der Magistrat nachgeben. Auch siedelten sich allmählich erneut Juden an, die man im Mittelalter gewaltsam vertrieben hatte. Seit 1826 gab es wieder eine Synagoge in München, die etwa 60 Jahre später von einem größeren Bau nördlich der Neuhauser Straße abgelöst wurde.
An der Seite des Kurfürsten Max IV. Joseph war 1799 zudem ein dezidierter Aufklärer in München eingezogen: Maximilian von Montgelas, von 1799 bis 1817 der starke Mann des kurfürstlichen Ministeriums. Die politischen und territorialen Umwälzungen im Gefolge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege wurden – soweit sie Bayern betrafen – einerseits glänzend von Montgelas bewältigt, andererseits gaben ihm diese Veränderungen die Möglichkeit, Bayern von Grund auf zu reformieren. So wurde Bayern nach 1816 um fränkische, schwäbische und pfälzische Gebiete vergrößert, und das Münchner Ministerium unternahm alles, um Alt- und Neubayern zu integrieren sowie zentral und einheitlich von München aus zu regieren.
Zu den besonders tiefgreifenden Veränderungen gehörte 1802/03 die Auflösung der bayerischen Klöster; in München traf das ganz besonders die Niederlassungen der Bettelorden – etwa der Franziskaner und der Kapuziner. Auf diese Weise waren plötzlich wertvolle innerstädtische Bauplätze verfügbar, was Max Joseph unter anderem dazu nutzte, ein Nationaltheater in direkter Nachbarschaft zur Residenz zu errichten. Der Bau war 1818 abgeschlossen, brannte 1823 ab und konnte 1825 wiedereröffnet werden.
Bereits 1808 war die Münchner Akademie der Künste gegründet worden. Darüber hinaus erhielt München während Max Josephs Regierungszeit einen großen öffentlichen Markt, den sogenannten Viktualienmarkt. Zudem entstanden neue städtische Quartiere wie die Maxvorstadt. Und auf jener Wiese beim Dorf Sendling, auf der man 1810 mit der Bevölkerung die Hochzeit des Thronfolgers Ludwig gefeiert hatte (benannt nach Ludwigs Frau Therese), sollte von da an Jahr für Jahr ein großes Volksfest, häufig mit einer Landwirtschaftsschau verknüpft, zelebriert werden.
Montgelas’ innenpolitische Reformen beinhalteten eine bittere Pille für den Münchner Magistrat: 1802 verlor die Stadt ihre Gerichts- und Polizeihoheit, 1804 wurde die alte städtische Vertretung entmachtet, 1806 legte der Staat seine Hand auf das Gemeindevermögen. 1808 wurde München schließlich – wie alle bayerischen Städte – unter staatliche Kuratel gestellt, womit jeglicher kommunaler Eigeninitiative der Boden entzogen war. In diesem Zusammenhang wurde sogar das alte städtische Siegel abgeschafft. Die meisten dieser Maßnahmen sollten allerdings kurze Zeit nach Montgelas’ Entlassung 1817 wieder rückgängig gemacht werden.
Konkurrenz zu Wien und Berlin: München wird zum „Isar-Athen“
Bayerns Aufstieg vom Kurfürstentum zum Königreich 1806, den die Wittelsbacher den außenpolitischen Machtverhältnissen während der napoleonischen Zeit verdankten, sollte sich erst unter der Herrschaft Ludwigs I. unübersehbar im Münchner Stadtbild niederschlagen. Der unbändige Gestaltungswille des zweiten bayerischen Königs bescherte München den Namen „Isar-Athen“. Dieser Name bezog sich auf die Verehrung des Königs für die Antike, besonders für das alte Griechenland. Der Königsplatz mit der Glypthotek, der Antikensammlung und den einem griechischen Stadttor nachgebildeten Propyläen zeugen bis heute davon.
Ludwig I. sah es als ureigenste Aufgabe an, Münchens kulturelles Niveau dem Glanz Wiens und Berlins anzugleichen. So hoffte er, die staatliche Souveränität Bayerns dauerhaft bewahren zu können, auch angesichts des immer lauter werdenden Rufes nach einem deutschen Nationalstaat. Die Münchner Bürger quittierten die königlichen Bauten, die der Monarch vielfach aus seiner Privatschatulle finanzierte, eher mit Skepsis, während dieser nicht gewillt war, sich von irgendjemandem in seine Pläne hineinreden zu lassen.
Tatsächlich veränderte sich die Stadt bis 1848 erheblich. Das Neubauquartier der Maxvorstadt wurde nordwestlich des Schwabinger Tores vollendet und eine neuerliche Erweiterung der Stadt in Richtung des Dorfes Schwabing auf den Weg gebracht. Bereits als Kronprinz hatte Ludwig mit dem Bau eines Boulevards begonnen, dessen Architekturstil an die italienische Renaissance erinnerte. Als König konnte er die Ludwigstraße vollenden, die mit Odeonsplatz, Feldherrnhalle und Siegestor einen besonderen Akzent in der Stadt setzt. Zu Ludwigs Bauten, die der Kulturpflege verpflichtet sind, gehören außerdem die Alte und die Neue Pinakothek (jeweils mit bedeutenden Gemäldesammlungen bestückt), die Staatsbibliothek und – nachdem der König 1826 die bayerische Landesuniversität nach München geholt hatte – das Universitätsgebäude in der Ludwigstraße. Außerdem ließ Ludwig I. neue Kirchen errichten, so die Ludwigs-, die Allerheiligenhof-, die Mariahilfkirche in der Au sowie die Matthäuskirche als einzige evangelische Kirche.
Selbst mit Denkmälern stattete der König seine Residenzstadt aus, zum Beispiel mit der bayerischen Ruhmeshalle samt Bavaria, mit dem Obelisk am Karolinenplatz für die in Russland 1812 Gefallenen sowie mit einer Zahl von Einzelmonumenten: etwa für Kurfürst Maximilian I., für König Max I. Joseph, aber auch für die Komponisten Orlando di Lasso und Christoph Willibald Gluck, den Historiker Lorenz von Westenrieder oder den Dichter Friedrich Schiller.
Mit Ludwigs Nachfolger, seinem Sohn Max II., gewannen die Münchner Bürger wieder mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Max II. hatte 1848 den bayerischen Thron bestiegen, nachdem sein Vater, im Zuge der Liaison mit der angeblich spanischen Tänzerin Lola Montez und konfrontiert mit weitreichenden Forderungen der Bürger nach mehr politischer Mitbestimmung im Königreich, freiwillig auf die Krone verzichtet hatte. Einerseits war Max II. kein eingefleischter Autokrat wie sein Vater, andererseits verfügte er auch über deutlich weniger private Mittel, um München ähnlich stark zu prägen wie zuvor Ludwig I. Gleichwohl baute sich auch Max II. einen eigenen Boulevard, die Maximilianstraße.
Ihren Abschluss fand diese neogotisch anmutende Straße im Maximilianeum, wo der König besonders begabte bayerische Abiturienten unterbrachte, die nach einem Studium in München dem Staat als Spitzenbeamte dienen sollten. Darüber hinaus förderte dieser bayerische König vor allem die Wissenschaften, was einen Zuzug von „Nordlichtern“, die den Einheimischen vielfach ein Dorn im Auge waren, nach sich zog.
Mit Ludwig II. endet die Baueuphorie in der Residenzstadt
Mit Ludwig II. sollte die bauliche Prägung Münchens seitens des Herrscherhauses abbrechen. Der 1864 im Alter von knapp 19 Jahren auf den Thron gekommene Monarch wollte zwar seinem Vater und seinem Großvater nacheifern, doch dann vereitelten Proteste gegen die Anwesenheit Richard Wagners den königlichen Plan, für den Komponisten ein eigenes Festspielhaus in München zu errichten. Anschließend konzentrierte sich Ludwig II. völlig auf seine Schlossbauten weitab der bayerischen Haupt- und Residenzstadt, über die er folgendes geäußert haben soll: „Wenn man das verfluchte Nest doch nur an allen Ecken anzünden könnte!“
Dem Prinzregenten Luitpold, der seit 1886 zuerst für den abgesetzten Ludwig II., dann für dessen regierungsunfähigen Bruder Otto das Amt des Verwesers des Königreichs Bayern übernommen hatte, fehlten für städtebauliche Initiativen sowohl die nötigen finanziellen Mittel als auch der gestalterische Wille. Der letzte bayerische König, Ludwig III., war schließlich weder daran interessiert, eigenes Geld in derartige Projekte zu stecken, noch verblieben ihm während seiner Herrschaft ausreichend Friedensjahre. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges sollte eine vom König ausgehende Baueuphorie, wie sie unter Ludwig I. zu beobachten gewesen war, unmöglich machen. Außerdem hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Münchner Bürgerschaft längst schon als diejenige Gesellschaftsschicht etabliert, die anstelle des Monarchen das Bild der eigenen Stadt prägen wollte und konnte.
Ermöglicht wurde die Emanzipation des Bürgertums durch die Gemeindeordnung von 1869. Da man sich das Wahlrecht zum Münchner Magistrat jedoch teuer erkaufen musste, blieb die Zahl der Münchner, die auf Gemeindeebene politisch mitreden durften, auf die wirklich Wohlhabenden, das Besitzbürgertum, beschränkt. Lange Jahre besaßen die Liberalen die Mehrheit in der Vertretung der Münchner Bürger. Fortan dirigierte die Stadtverwaltung selbst die fortschreitende Erweiterung Münchens. In den 1840er und 1850er Jahren waren weitere Teile der alten Stadtmauer rigoros beseitigt worden. Ludwig I., der stärker denkmalschützerisch dachte, ließ – gegen den Willen der Münchner – zumindest das Isartor retten. Umliegende Dörfer wurden eingemeindet, seit den 1860er Jahren entstand etwa das Gärtnerplatzviertel.
Die Errichtung neuer Stadtteile und die Eingemeindungen machten dann auch den Bau neuer Straßen und neuer Brücken über die Isar nötig. Verantwortlich für die Vergrößerung Münchens war vor allem das Münchner Stadterweiterungsbüro unter dem Architekten Theodor Fischer. Seine „Staffelbauordnung“ von 1904 sorgte dafür, dass sich baulich verdichtete und aufgelockerte Viertel ablösten und auf diese Art Monotonie vermieden wurde.
Messe- und Industriestandort: München wächst unaufhörlich
Seit etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts siedelten sich in der Münchner Altstadt mehr und mehr Banken, Kaufhäuser und Bierhallen an, während viele der vormaligen Bewohner in die Vorstädte abwanderten. Etwa zur selben Zeit begann Münchens Aufstieg zum Gewerbestandort, wozu seit 1840 der Eisenbahnbau einen erheblichen Beitrag leistete. Von 1847 bis 1849 wurde ein repräsentativer Kopfbahnhof errichtet, dessen Empfangshalle wie eine frühchristliche Basilika gestaltet war; der Architekt war Friedrich Bürklein. Das Viertel rund um den Bahnhof entwickelte sich rasch zu einem vom Gewerbe bevorzugten Quartier.
Handwerk, Handel und Exportgewerbe waren in München vorrangig vertreten, vor allem Bierbrauereien sowie der Instrumenten-, Maschinen- und Lokomotivbau (Firma Maffei).
Mit der Entwicklung zum Industriestandort wurde München gleichzeitig zur Messestadt. In diesem Zusammenhang entstand 1854 der sogenannte Glaspalast an der Stelle des alten Botanischen Gartens, eine moderne Glas-Eisen-Konstruktion, die bis 1931 genutzt wurde, als sie einem Brand zum Opfer fiel. 1908 kam noch das Messegelände auf der Theresienhöhe hinzu.
Das Angebot neuer Arbeitsplätze ließ Münchens Bevölkerung weiter anwachsen. Hatte die Einwohnerzahl 1871 noch 170 000 betragen, so zählte man um 1900 bereits 500 000 und zehn Jahre später 600 000 Einwohner. Münchens Entwicklung zum Industriestandort hatte zwar verspätet eingesetzt, und die Stadt sollte nie derart industriell geprägt sein wie etwa die Städte im Ruhrgebiet. Und doch verursachte der beträchtliche Zuzug Arbeitssuchender, die zumeist aus der ländlichen Unterschicht der Dörfer Ober- und Niederbayerns sowie der Oberpfalz stammten, bald auch soziale Not und Wohnungsknappheit. Elendsquartiere gab es, wie anderswo in den größeren Städten, auch in München, etwa in der Au, in Giesing und in Haidhausen.
In den zu Anfang noch eher ländlich geprägten Vororten entstanden zwar zahlreiche Mietshäuser, die sogenannten Zinskasernen, aber diese reichten nicht aus. So wurden Wohnungen mit 20 Quadratmetern Wohnfläche nicht selten von Familien bewohnt, die bis zu zehn Köpfe zählten.
Es gab viele Tagelöhner und Arbeiter, die sich nur für Stunden ein Bett mieten konnten, das anschließend von einem weiteren Benutzer in Beschlag genommen wurde. Frauen waren darüber hinaus vielfach gezwungen, der Prostitution nachzugehen. Besser hatten es diejenigen, die sich als Dienstboten der höheren Gesellschaftsschichten verdingen konnten – dort erhielt man neben dem Lohn zumeist auch Kost und Logis.
Die Stadt versuchte, mit Suppenküchen und Armenwerkstätten gegenzusteuern. Festzuhalten bleibt gleichwohl, dass die Armut selbst am Ende des 19. Jahrhunderts in der bayerischen Haupt- und Residenzstadt weniger ausgeprägt war als in anderen Industriestädten des Deutschen Reiches. Das bestätigte sogar Georg von Vollmar, der Führer der bayerischen Sozialdemokratie: „Es existieren erheblich geringere Einkommensunterschiede als anderwärts, weniger Luxus, weniger Bettelarmut. Kurz, die Verhältnisse sind einfacher, und nicht so ins Extrem getrieben.“
Ein Grund für diese Besonderheit mag darin liegen, dass die gesellschaftlichen Schichten in München weniger strikt getrennt waren als anderswo. So konnte es passieren, dass sich Bürger und Arbeiter am Sonntag im selben Biergarten außerhalb der Stadt trafen. Man trank sein Bier zwar nicht miteinander, aber doch einträchtig nebeneinander. Unter Umständen wurzelt hier jenes Urteil, wonach München die Stadt „der Gemütlichkeit“ sei. Noch einmal Georg von Vollmar: „In Folge dessen [der fehlenden gesellschaftlichen Extreme] und in Folge des ausgeprägten demokratischen Gefühls ist geringerer Klassenhass, weniger gegenseitige Absperrung und Überhebung, aber Verkehr auf gleichem Fuße vorhanden. Hiermit hängen Charaktereigenschaften der Bajuwaren zusammen, bei ungebrochener Volkskraft, Starrsinn, Steifnackigkeit, wenig Unternehmungsgeist und Profitgier, keine Spur von Unterwürfigkeit, Genussfreudigkeit, mäßige Arbeitslust.“
München entwickelte sich auch zu einer Stadt der Wissenschaft und der wissenschaftlichen Erfindungen, was gleichermaßen dem Gewerbe- und Industriestandort zugute kam. 1852 war noch unter König Max II. der Chemiker Justus von Liebig an die Münchner Universität geholt worden, sein Nachfolger war Adolf von Baeyer, dessen Name für den Aufschwung der chemischen Farbenindustrie steht. 1873 erfand Carl von Linde in München die erste Eismaschine, 1899 holte man Conrad von Röntgen nach München – wobei dieser die nach ihm benannten Strahlen schon zuvor, in Würzburg, entdeckt hatte.
1868 wurde zudem die „Königlich polytechnische Schule“ in München ins Leben gerufen, aus der die heutige Technische Universität erwachsen sollte. Und um all den naturwissenschaftlichen Leistungen gleichsam die angemessene Würdigung widerfahren zu lassen, gründete der Ingenieur Oskar von Miller 1903 in München das dem technischen Fortschritt gewidmete Deutsche Museum (erbaut 1906 bis 1925).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühte man sich außerdem, die Stadt in hygienischer Hinsicht zu modernisieren; noch 1854 fiel Königin Therese, die Gemahlin Ludwigs I., einer Choleraepidemie zum Opfer. Max von Pettenkofer baute anschließend eine moderne Kanalisation, und 1883 gelang es, die Frischwasserversorgung der Stadt mit öffentlichen Brunnen und öffentlichen Bädern zu vollenden. 1891 führte man eine „Hausunratsbeseitigung“ ein – die Geburtsstunde der städtischen Müllabfuhr.
Gebaut wurden in diesen Jahren zudem Schulen, moderne Krankenhäuser und große neue Friedhöfe in den damaligen Außenbezirken. Auch der Bau neuer und die Instandsetzung alter Isarbrücken kamen voran, ebenso war es mit der schrittweisen Regulierung der Isar, um das Überschwemmungsrisiko einzudämmen. Die Münchner Straßen wurden gepflastert. Es gab inzwischen auch längst eine Art von innerstädtischem Nahverkehr: seit dem Jahr 1876 eine zuerst noch private Pferdetrambahn. 1895 führte man schrittweise die elektrische Trambahn ein, 1907 wurde diese in städtische Regie übernommen. Die allmähliche Elektrifizierung Münchens machte die 1850 gegründete private Gasanstalt, die 1899 von der Stadt übernommen wurde, jedoch noch lange nicht überflüssig.
Ein Sinnbild des inzwischen stark gewachsenen bürgerlichen Selbstbewusstseins war schließlich der Bau des Neuen Rathauses am Münchner Marienplatz seit 1867 im Stil der Neugotik. Das von Karl von Piloty für den dortigen Saal der Gemeindebevollmächtigten geschaffene Gemälde, das 700 Jahre Stadtgeschichte feierte, stellte 1880 keinen wittelsbachischen Herrscher, sondern die Figur der „Monachia“ (lateinischer Name Münchens und Personifikation der Stadt) in den Mittelpunkt, was das Missfallen Ludwigs II. erregte. Das Bild wurde dennoch im Sitzungssaal aufgehängt. Besonders vorangebracht wurde München während der Prinzregentenzeit von Wilhelm von Borscht, Zweiter Bürgermeister von 1888 bis 1893, anschließend Erster Bürgermeister von 1893 bis 1918.
Das Ende der guten alten Zeit? Die alten Narrative sind langlebig
Am nachhaltigsten wirkte sich Münchens Ruf als Kunst- und Künstlermetropole aus. Berühmt geworden war München dank der hier ansässigen Malerfürsten Wilhelm von Kaulbach, Franz von Lenbach und Franz von Stuck. Legendär waren gleichsam die in München stattfindenden Künstlerfeste, die vor allem während der Prinzregentenzeit für Furore sorgten. Und auch die „Münchner Secession“ von 1892 sowie die „Neue Secession“ von 1913 dürfen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Allerdings zog es die Mitglieder der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ bald aus der Stadt hinaus, wo man zum Beispiel die Gegend um Murnau als neue Inspirationsquelle entdeckte. Bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts präsentierte sich München mehr als Stadt eines gut zu vermarktenden Kunstgewerbes, denn als Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde.
Das bevorzugte Wohnquartier vieler Künstler und der Münchner Bohème war Schwabing, wo sich auch etliche Dichter und Schriftsteller – und solche, die es werden wollten – niederließen. Franziska zu Reventlow hat Schwabing nicht ohne Grund den Spitznamen „Wahnmoching“ verliehen. Tatsächlich versammelte der Münchner Literaturbetrieb nach einer ersten Blüte unter König Max II. mit Emanuel Geibel und Paul Heyse um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert viele Berühmtheiten. Zu ihnen gehörten die Brüder Mann, Rainer Maria Rilke, Franz Wedekind und Lion Feuchtwanger.
Darüber hinaus glänzte München als Aufführungsort von Wagner-Opern, und es gab eine lebendige Satireszene. Die Zeitschrift „Simplicissimus“ ist hierfür das beste Beispiel. Außerdem wurde in München die Zeitschrift „Jugend“ verlegt, die dann einer ganzen Kunstepoche, dem Jugendstil, ihren Namen verleihen sollte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 sollte sich die vordergründige Münchner Idylle rasch verfinstern. Auch in der bayerischen Haupt- und Residenzstadt zogen Hunger, Elend und rasch eine unbändige Friedenssehnsucht ein. Gerade die Hoffnung, auf diese Weise den Krieg beenden zu können, verhalf Kurt Eisners Revolution zum Erfolg. In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 wurde in München die Republik ausgerufen, während der letzte bayerische König floh. Nach der Revolution, den Wirren der Rätezeit und deren blutiger Niederschlagung war die Stadt freilich eine andere als zuvor.
Der wehmütige Rückblick auf die scheinbar so gute alte Zeit vor 1914 ließ viele München-Bilder, die bereits um 1900 mehr kitschigen Klischees als der Realität ähnelten, in den Köpfen von Fremden und Einheimischen lebendig bleiben: das Bild vom gemütlichen München der behäbigen Bürger und der vollen Biergärten, das Bild des volkstümlichen Oktoberfestes, das Bild der Stadt der Maler, Dichter, Schriftsteller und Lebenskünstler. Ja nicht einmal die Jahre des „Dritten Reiches“, als München zur „Hauptstadt der Bewegung“ mutierte, haben es vermocht, diese alten Bilder komplett zu überschreiben. „Isar-Athen“ ebenso wie die „Stadt der Gemütlichkeit“ erweisen sich als erstaunlich zähe Narrative.
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