Im August 2006, gegen Ende des zweiten „Jahrhundertsommers“ innerhalb von drei Jahren, machten Berichte über ein dänisches Agrarprogramm die Runde, das in einer für Bodenbau ungewöhnlichen Region angesiedelt war: Grönland. Im Zug der globalen Erwärmung werden dort, staatlich gefördert, Kartoffeln angebaut; mit anderen Feldfrüchten experimentiert man noch. Schafe und Rentierherden weiden seit über 80 Jahren im Süden der Insel. Dies gab es schon einmal: Im 10. Jahrhundert betrieben die Wikinger in den nordatlantischen Siedlungen eine auf Viehzucht und Fischerei beruhende Mischwirtschaft; mit dem Beginn der „Kleinen Eiszeit“ wurden die Dörfer aufgegeben. Heute hat nun nicht nur die Viehzucht, sondern auch der Bodenbau die extremklimatischen Randregionen unseres Planeten erreicht, und die lokale Bevölkerung erlebt den für die Geschichte des modernen Menschen so zentralen Übergang vom mobilen Jäger zum seßhaften Bauern – und zwar innerhalb weniger Jahrzehnte.
Wie aber war es überhaupt dazu gekommen, daß sich die Landwirtschaft von ihren Ursprungszentren aus verbreitete? Dies ist – neben ihrer eigentlichen Entstehung – der zweite faszinierende Aspekt der Neolithisierung. Mit der zunehmenden Erwärmung am Ende und nach der letzten Eiszeit hatten sich Menschen in vielen Regionen mit den lokalen Pflanzen beschäftigt. In einer ersten Experimentierphase wurden meist Wildgräser, aber auch Hülsenfrüchte oder Knollengewächse angebaut. Wo es Tierarten gab, die vom Menschen in Gruppen aufgezogen werden konnten, begann man, sie im Bereich der Siedlungen zu halten. Der Hund hatte sich bereits während der Eiszeit dem Menschen angepaßt, in der Alten Welt folgten Schaf, Ziege, Schwein und Rind, später das Huhn, in der Neuen Welt der Truthahn und das Lama. Weltweit geschah dieser Wirtschaftswandel aber weder plötzlich noch rasch, zudem nahm er regional ganz unterschiedliche Formen an und erfolgte zu unterschiedlichen Zeiten.
Für Europa ist dabei das westliche Eurasien interessant. Seit mehr als 100 Jahren hat sich die Forschung zu diesem Raum den Fragen zur Ausbreitung der Landwirtschaft gewidmet, neben Archäologen und Physischen Anthropologen in jüngerer Zeit zunehmend auch Sprachforscher und Genetiker; denn hier findet sich möglicherweise eine Erklärung der gene-tischen und kulturellen Zusammensetzung der heutigen Bevölkerung Europas und des Nahen Ostens. Trotz der langen Forschungsgeschichte hat man den Prozeß der neolithischen Ausbreitung aber bis heute nicht wirklich verstanden. Zunehmend zeigt sich, daß er nicht unilinear abgelaufen sein kann, sondern Europa zu unterschiedlichen Zeiten und über verschiedene Routen erreichte. Ferner wird deutlich, daß sich klimatische Veränderungen während der frühen und mittleren Nacheiszeit auf die Ausbreitung ausgewirkt haben müssen; allerdings ist gerade dieser Aspekt noch ungenügend erforscht. Wir sind weit davon entfernt, die Expansion der Landwirtschaft wirklich zu verstehen. Deutlich ist bislang nur, daß die Nacheiszeit in fast regelmäßigen Abständen von Phasen klimatischer Fluktuationen unterbrochen wurde, von denen zumindest einige mit den Ausbreitungsphasen der Landwirtschaft in Beziehung standen. Interessanterweise ist die Frage nach den Hintergründen der neolithischen Expansion erst relativ spät gestellt worden. Während sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts etwa Charles Darwin oder Edward Tylor darüber Gedanken machten, warum die Landwirtschaft entstand, fragten sich zunächst nur wenige Forscher, wieso es auch zu ihrer Ausbreitung kam. Dabei ist diese Frage ebenso faszinierend, denn in ihren frühen Phasen war die Landwirtschaft möglicherweise gar keine besonders erstrebenswerte Neuerung, ist sie doch mit wesentlich mehr Arbeitsaufwand verbunden als das Sammeln und die Jagd. Im 19. Jahrhundert berichteten viele Reisende von Völkern, denen Landwirtschaft nicht attraktiv erschien, selbst wenn sie die wiederkehrenden Hungerperioden vielleicht hätte mildern können. Erst die Studien des britisch-australischen Prähistorikers Vere Gordon Childe stellten die für die Menschheitsgeschichte zentrale Bedeutung der Landwirtschaft heraus: Er sah in der Migration bäuerlicher Völker die Grundlage für die abendländische Zivilisation. Childe schuf den Begriff „Neolithische Revolution“ – erst mit der Landwirtschaft seien die Grundlagen für die Entwicklung von Städten und Staaten gelegt worden…





