Nachdem die Ergebnisse der Volksabstimmung am Quai d’Orsay eingelaufen waren, rief der französische Außenminister Antoine Pinay unverzüglich Bundeskanzler Konrad Adenauer an: Seine Regierung akzeptiere die Ablehnung durch die Saarländer und biete der Bundesrepublik Verhandlungen über eine endgültige Regelung des Problems an – sprich: über die Ein‧gliederung der Saar in die Bundesrepublik. Diese erfolgte am 1. Januar 1957 politisch und am 6. Juli 1959 wirtschaftlich.
Das war aber gar nicht der amtliche Gegenstand dieser nach der Bildung Baden-Württembergs zweiten in Deutschland seit Kriegsende durchgeführten Volksabstimmung gewesen, in der die saarländischen Wahlberechtigten zur Überraschung der Regierungen in Paris und Bonn zu 67,7 Prozent mit „Nein“ gestimmt hatten. Vielmehr hatten sie ein von diesen Regierungen vorgeschlagenes Europa-Statut abgelehnt, welches das kleine Land zum ersten europäisierten Territorium Europas gemacht hätte. Versprochen hatte man ihnen dafür nicht zuletzt die Ansiedlung europäischer Institutionen wie der Hohen Behörde der Montan-Union. Von einer „Rückkehr“ zur Bundesrepublik war in der Abstimmungsvorlage keine Rede gewesen. Was war geschehen?
1945 galt in weiten Teilen der französischen Öffentlichkeit und bis in die Reihen der Parla‧mentsabgeordneten hinein eine Annexion der Saar als Reparation für die Ausbeutung der französischen Wirtschaft zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft und für die Leiden der Bevölkerung während der Besatzungsjahre als selbstverständlich. Der Chef der Provisorischen Regierung, General Charles de Gaulle, rückte davon allerdings rasch ab, wandte sich öffentlich und intern klar gegen jegliche Annexionen und setzte bereits in seiner ersten geheimen Saar-Direktive am 25. August 1945 auf eine Politik der Assimilation, welche die Saarländer langfristig aufgrund eigener Entscheidung für Frankreich gewinnen sollte. Wichtiger als das politische Statut war für Frankreich ohnehin die Nutzung der saarländischen Gruben und der Schwerindustrie für den franzö‧sischen Wiederaufbau.
Nach drei Kriegen in drei Generationen entwickelte man auf französischer Führungsebene neue Sicherheitskonzepte, die nun nicht mehr – wie 1919 – vorrangig auf militärischer und wirtschaftlicher Kontrolle gründeten, sondern den Wiederaufbau eines parlamentarisch-demokratischen politischen Systems und die Stabilisierung einer demokratischen Grundsätzen verpflichteten Gesellschaft in Deutschland als dritte Sicherheitssäule verstanden. Sicherheit durch Integration war auch der Kern der bald sehr aktiven französischen Europa-Politik.
Die Demokratisierung stand bei allen Besatzungsmächten aber zugleich unter der Vorgabe strikter Kontrolle, um nicht totalitäre politische Kräfte wieder hochkommen zu lassen. Die fran‧zösische Regierung betrieb darüber hinaus eine Dezentralisierung Deutschlands, die jedoch – entgegen einem verbreiteten Irrtum – nicht Deutschland zerstückeln wollte (solche Pläne gab es in der Kriegszeit vor allem von amerikanischer Seite), denn auf die Wirtschaftseinheit war die kleine und wirtschaftlich schwache französische Zone im Südwesten am meisten angewiesen. Man wollte allerdings nicht wieder einen starken Zentralstaat wie im Nationalsozialismus entstehen lassen und scheute daher davor zurück, politische Zentralinstitutionen in die alleinige deutsche Zuständigkeit zurückzugeben.





