Doch die „Bauernanatomie“ ist nicht nur ein Zeugnis der Frustration, die Schrift, sachkundig herausgegeben und kommentiert von dem in Frankfurt lehrenden Historiker Jürgen Müller (CoCon Verlag, Hanau 2010), gewährt spannende Einblicke in die dörfliche Welt des 17. Jahrhunderts, in eine Zeit, die noch zutiefst geprägt war von den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. So schreibt Henning, die Bauern seien in ihren Sitten verwildert und benähmen sich inzwischen genauso „schlimm“, wie es die Soldaten getan hätten. Diebstahl, unmäßiges „Tabakschlürfen“ schon bei Kindern, Fluchen und Rachsucht seien an der Tagesordnung. Hilfsbereitschaft fände man gar nicht mehr, denn es herrsche die Angst, die Hilfeleistung werde später als „Gewohnheit“ immer wieder eingefordert.
Das trotz des gescheiterten Bauernkriegs noch immer vorhandene Selbstbewusstsein der Bauern, das der Autor allerdings als Lüge und Betrug interpretiert, kann man aus dem Kapitel „Wie sich die Bauern allgemein so arm stellen“ lesen. Dort heißt es: „Neulich hörte ich, dass eine Bauerngemeinde eine ganz bekannte und richtige Schuld in Grund und Boden geleugnet hat und vor die Obrigkeit gegangen ist und sich vor Schuld und Zahlung gänzlich drücken wollte“.





