Sind die Visionen nur Ausdruck einer „Unordnung der Säfte“?
Schonath galt als Mystikerin, da ihr eine besondere Gottesbeziehung zugeschrieben wurde, und sie wurde sowohl von ihren Mitschwestern als auch von zahlreichen Gläubigen als Heilige verehrt. Demgegenüber lehnten Adam Friedrich von Seinsheim, der für sie zuständige Bamberger Fürstbischof, sowie die Beichtväter und die Oberen des Dominikanerordens eine solche Deutung ab. Sie ließen den Fall jedoch eingehend untersuchen. Letztlich wurden die Stigmata, Visionen und weitere spektakuläre übernatürliche Erscheinungen von der Obrigkeit als Ausdruck übersteigerter weiblicher Frömmigkeit und einer „Unordnung der Säfte“ gedeutet, also als physische Ursachen interpretiert.
Dennoch tat die Ablehnung der Obrigkeit der Verehrung Schonaths keinen Abbruch. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1787 strömten Menschen immer wieder zur Klosterpforte, um die wundersame Nonne zu sehen. Auch überregional, bis nach Köln, Westfalen oder Prag, tauschten sich Ordensleute über sie aus, stets in der Überzeugung, sie sei eine Heilige.
All dies geschah, obwohl eine solche Form der Verehrung eigentlich nicht vorgesehen war: Nach katholischer Tradition mussten Heilige bereits verstorben sein, und erst ein Kanonisationsverfahren verlieh ihrem Kult offizielle Anerkennung. Die Historikerin Gabriella Zarri prägte für solche über die Jahrhunderte hinweg auftretenden Personen den Begriff der „lebenden Heiligen“. Im Fall Schonath hielt die Verehrung weit über die Auflösung des Klosters 1806 hinaus an, setzte sich nach seiner Wiedergründung 1926 fort und führte schließlich 1999 zur Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens.
Der Fall Schonath ist nicht nur interessant, weil er in einer Epoche liegt, die gemeinhin als aufgeklärt gilt und heute kaum noch mit Mystik assoziiert wird. Dies ist ein Trugschluss, denn die Verehrung solcher Frauen lässt sich vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nachweisen, auch wenn heute vor allem die großen Mystikerinnen des Mittelalters bekannt sind.
Ihre Geschichte und die ihr innewohnenden Logiken sind dabei nicht als Rückständigkeit innerhalb des Zeitalters der Aufklärung zu bewerten, sondern belegen vielmehr die Vielfalt und Vielschichtigkeit dieser Epoche. Noch bedeutsamer ist Schonath aber, weil ihr Beispiel über den Einzelfall hinaus verdeutlicht, wie Menschen in der Frühen Neuzeit Sicherheit über das kaum Erforschbare, das Transzendente, gewinnen wollten. Was uns heute irrelevant erscheinen mag, war aus zeitgenössischer Perspektive existentiell. Schließlich galt die irdische Welt als von übernatürlichen Kräften bevölkert.





