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Von der Frage nach der richtigen Heiligkeit
Geschichte & Archäologie

Von der Frage nach der richtigen Heiligkeit

Im Dominikanerinnenkloster Heilig Grab in Bamberg kam es seit 1763 zu erheblichem Aufsehen um die Ordensfrau Maria Columba Schonath (1730–1787). Sie soll an Händen und Füßen Stigmata getragen haben. Auch Berichte über Visionen und Ekstasen häuften sich. Außerdem wurden ihr Kontakte zu „Armen Seelen“, den Seelen…
Autor
Redaktion
15. Mai 2026
Lesezeit
5 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie
Die Prüfung des Übernatürlichen war in der Frühen Neuzeit eine zentrale Herausforderung. Dies zeigt sich auch im Fall der als heilig geltenden Nonne Maria Columba Schonath.

Sind die Visionen nur Ausdruck einer „Unordnung der Säfte“?

Schonath galt als Mystikerin, da ihr eine besondere Gottesbeziehung zugeschrieben wurde, und sie wurde sowohl von ihren Mitschwestern als auch von zahlreichen Gläubigen als Heilige verehrt. Demgegenüber lehnten Adam Friedrich von Seinsheim, der für sie zuständige Bamberger Fürstbischof, sowie die Beichtväter und die Oberen des Dominikanerordens eine solche Deutung ab. Sie ließen den Fall jedoch eingehend untersuchen. Letztlich wurden die Stigmata, Visionen und weitere spektakuläre übernatürliche Erscheinungen von der Obrigkeit als Ausdruck übersteigerter weiblicher Frömmigkeit und einer „Unordnung der Säfte“ gedeutet, also als physische Ursachen interpretiert.

Dennoch tat die Ablehnung der Obrigkeit der Verehrung Schonaths keinen Abbruch. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1787 strömten Menschen immer wieder zur Klosterpforte, um die wundersame Nonne zu sehen. Auch überregional, bis nach Köln, Westfalen oder Prag, tauschten sich Ordensleute über sie aus, stets in der Überzeugung, sie sei eine Heilige.

All dies geschah, obwohl eine solche Form der Verehrung eigentlich nicht vorgesehen war: Nach katholischer Tradition mussten Heilige bereits verstorben sein, und erst ein Kanonisationsverfahren verlieh ihrem Kult offizielle Anerkennung. Die Historikerin Gabriella Zarri prägte für solche über die Jahrhunderte hinweg auftretenden Personen den Begriff der „lebenden Heiligen“. Im Fall Schonath hielt die Verehrung weit über die Auflösung des Klosters 1806 hinaus an, setzte sich nach seiner Wiedergründung 1926 fort und führte schließlich 1999 zur Eröffnung eines Seligsprechungsverfahrens.

Der Fall Schonath ist nicht nur interessant, weil er in einer Epoche liegt, die gemeinhin als aufgeklärt gilt und heute kaum noch mit Mystik assoziiert wird. Dies ist ein Trugschluss, denn die Verehrung solcher Frauen lässt sich vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert nachweisen, auch wenn heute vor allem die großen Mystikerinnen des Mittelalters bekannt sind.

Ihre Geschichte und die ihr innewohnenden Logiken sind dabei nicht als Rückständigkeit innerhalb des Zeitalters der Aufklärung zu bewerten, sondern belegen vielmehr die Vielfalt und Vielschichtigkeit dieser Epoche. Noch bedeutsamer ist Schonath aber, weil ihr Beispiel über den Einzelfall hinaus verdeutlicht, wie Menschen in der Frühen Neuzeit Sicherheit über das kaum Erforschbare, das Transzendente, gewinnen wollten. Was uns heute irrelevant erscheinen mag, war aus zeitgenössischer Perspektive existentiell. Schließlich galt die irdische Welt als von übernatürlichen Kräften bevölkert.

Eine Vielzahl von Quellen aus der Frühen Neuzeit berichtet von Geistererscheinungen, Poltergeistern, Irrlichtern, dämonischer Besessenheit oder Hexen. Die Berichte reichen von Frauen, die von Geistern heimgesucht und zu Racheaufträgen gedrängt wurden, über Irrlichter, die Reisende ins Verderben locken sollten, bis hin zu Besessenheiten, bei denen die Betroffenen fast zu Tode gequält wurden, und zu Fällen, in denen Hexen Vieh und Ernten durch Schadenzauber bedrohten.

Der Übergang zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen der Welt der Menschen und jener der Geister, wurde als durchlässig gedacht. Gott und Teufel ebenso wie Engel, Heilige und Dämonen griffen – so die Vorstellung – unmittelbar, sinnlich erfahrbar und materiell in die als zeichenhaft verstandene Natur ein.

Die Furcht vor bösen Kräften war allgegenwärtig. Man nahm an, dass der Teufel immer wieder in Gestalt guter Mächte erschien, verschiedene Formen annahm und Menschen ins Unglück führen konnte. Zugleich griffen auch gute Kräfte schützend ein. Aus Sicht der katholischen Kirche entfalteten diese Kräfte ihr Wirken insbesondere in Sakramenten, Ritualen und der Anrufung von Heiligen.

Empirie im Kloster: Wunder auf dem Prüfstand

Um das Übernatürliche zu prüfen – sei es im Alltag oder im außergewöhnlichen Fall Maria Columba Schonaths –, griff man auf die sogenannte Unterscheidung der Geister (discretio spirituum) zurück, ein theologisches Prüfverfahren, mit dem Phänomene als übernatürlich, göttlich oder dämonisch eingeordnet wurden. Vereinfacht gefragt: Waren augenscheinlich wundersame Ereignisse wirklich übernatürlich? Wenn ja, göttlichen oder dämonischen Ursprungs? Wenn nicht, handelte es sich um Täuschung oder organische bzw. psychische Ursachen.

Analysiert wurden Gegensatzpaare wie natürlich/übernatürlich, göttlich/teuflisch, echt/vorgetäuscht, wodurch deutlich wird, wie eng Mystik, Heiligkeit, Besessenheit, Hexerei und Krankheit miteinander gedacht wurden. Für die Gläubigen war entscheidend, die Geister richtig zu unterscheiden, um das Seelenheil zu sichern. Die Unterscheidung der Geister war zugleich praktisches, erfahrungsbasiertes Wissen mit Bezügen zu kirchlichen Kanonisationsverfahren, in denen die besondere Gottesbeziehung der Kandidatinnen und die Echtheit von Wundern nachgewiesen werden mussten, während jede teuflische Täuschung ausgeschlossen wurde.

Die Art und Weise, wie die Zeichen von Heiligkeit bei Maria Columba Schonath geprüft wurden, lässt sich – nach den Maßstäben der Zeit – als empirische Technik beschreiben. Beichtvater und Mitschwestern dokumentierten jede Beobachtung und machten ihre Vorgehensweise nachvollziehbar. In Analogie zu den Kanonisationsverfahren in Rom lag besonderes Augenmerk auf Columbas Körper, der vielfältige Prüfungen durchlaufen musste. Die Stigmata wurden beispielsweise verplombt, und während ihrer Ekstasen – in denen sie scheinbar nicht aufwachte – versuchte man, sie mit scharf riechenden Ölen zu erwecken.

Auch die angeblichen Wunderheilungen wurden kritisch geprüft, ebenso wie ihr Charakter. Jede noch so kleine Regung und jede Vision musste penibel notiert und bewertet werden. Voraussetzung war ein klares Bild davon, was als heilig galt. Skepsis war dabei das vorherrschende Gefühl. Auch der unerklärlich eingebrannte Handabdruck einer „Armen Seele“ in Columbas Gewand oder ihre Beteiligung an der Heilung einer als besessen geltenden Mitschwester wurde kritisch bewertet.

Die Geschichte Maria Columba Schonaths macht deutlich, wie anspruchsvoll und zugleich alltäglich der Umgang mit dem Übernatürlichen in der Frühen Neuzeit war. Die Unterscheidung der Geister bot den Menschen ein Instrument, um Erfahrungen einzuordnen, die sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entzogen. In der akribischen Prüfung von Columbas Körper, ihrer Visionen und der erzählten Wunder zeigt sich, wie eng religiöse Erfahrung, gelehrte Tradition und beobachtende Praxis ineinandergreifen konnten.

Die Frage nach der richtigen Heiligkeit war daher nicht nur eine theologische, sondern auch eine soziale und epistemische Aufgabe: Sie entschied darüber, wer Glaubwürdigkeit besaß, wessen Erfahrungen Gewicht hatten und wie Sicherheit in einer Welt gewonnen wurde, die als durchlässig zwischen Diesseits und Jenseits gedacht war. So steht der Fall Schonath nicht am Rand seiner Zeit, sondern im Zentrum einer Wissenskultur, die das Fremde prüfen wollte, ohne es vorschnell zu verwerfen – und damit das Bedürfnis einer Epoche sichtbar macht, Orientierung im Übernatürlichen zu finden.

Autorin: Elisabeth Fischer

Literatur

Elisabeth Fischer, Weibliche Heiligkeit prüfen. Der Fall der Mystikerin Maria Columba Schonath (1730–1787). Köln 2026.

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