Elisabeth Charlotte von Orléans wollte als Witwe so lange am Hof weiterleben, wie es Ludwig XIV. beliebte. In ihren Appartements in Versailles und Marly richtete sie Kabinette ein, um in einem geregelten Wochenrhythmus ihren Korrespondenzpartnerinnen und -partnern in Europa mitunter sehr lange Briefe zu schreiben. Sie nahm weiter am höfischen Leben und auch den Jagden teil, sorgte sich um ihre Hündchen, vergrößerte ihre Bibliothek und ging ihren Interessen wie der Romanlektüre sowie der Sammlung antiker Münzen, Kupferstiche und Reiseberichte, aber auch der Mikroskopie nach.
In den ersten fünf Jahrzehnten ihres Lebens hatte Liselotte ein breites Spektrum menschlichen Glücks und Leids erlebt: von ihrer letztlich unglücklichen Ehe und den misogynen Buben ihres homosexuellen Ehemanns über den Verlust ihres ersten Sohns bis hin zur für sie schwer erträglichen Hochzeit ihres zweiten Sohns Philippe mit einer illegitimen Tochter Ludwigs XIV. aus doppeltem Ehebruch. Ihre Zuneigung und ihr Interesse vergab sie zum Teil nach Verwandtschaftsgrad, stärker noch nach Sympathie. Einen herausragenden Platz nahm dabei ihre geliebte Tante Sophie von Hannover ein: „Nichts in dießer weldt ist mir lieber, alß ma tante; meine kinder undt kindtskinder kommen da nicht bey.“ Daher ließ sie sich aus unterschiedlichsten Quellen, auch von Diplomaten, über den Gesundheitszustand ihrer Tante unterrichten.
Der Tod ihrer Tante Sophie von Hannover ist ein schwerer Schicksalsschlag
Auf Jahre der höfischen Hochzeiten und glücklichen Geburten folgten seit 1711 Zeiten des Leidens und Sterbens, verursacht durch Pocken ebenso wie medizinische Fehlbehandlungen. Von der königlichen Nachkommenschaft überlebte nur ein junger Urenkel des Sonnenkönigs, der spätere Ludwig XV. (reg. 1715–1774).
Ein ihr bestens bekannter Diplomat und Spion des Spanischen Erbfolgekriegs namens Daniel de Martine überbrachte Liselotte im Sommer 1714 plötzlich einen Brief des Kurfürsten von Hannover, in dem die traurige Nachricht vom Ableben ihrer Tante übermittelt wurde. Monatelang konnte Madame nur mit großer Mühe bei Hofe ihre tiefe Trauer verbergen und versank immer wieder in trüben Gedanken: „Ma tante war mein eintziger trost …, sie hatt mir dadurch bißher daß leben erhalten. Zudem vor waß solle ich mich conserviren?“
Mit dem Tod Ludwigs XIV. 1715 hörte nicht nur das höfische Leben in Versailles, Marly und Fontainebleau auf, sondern endete spürbar eine Epoche. Zugleich schlug jedoch die Stunde des Hauses Orléans, als sich Liselottes Sohn Philippe als Regent Frankreichs die entscheidende Stellung und damit eine stärkere Position verschaffen konnte als im Testament Ludwigs XIV. vorgesehen, sehr zum Leidwesen seiner Rivalen.





