Elisabeth Charlotte von Orléans wollte als Witwe so lange am Hof weiterleben, wie es Ludwig XIV. beliebte. In ihren Appartements in Versailles und Marly richtete sie Kabinette ein, um in einem geregelten Wochenrhythmus ihren Korrespondenzpartnerinnen und -partnern in Europa mitunter sehr lange Briefe zu schreiben. Sie nahm weiter am höfischen Leben und auch den Jagden teil, sorgte sich um ihre Hündchen, vergrößerte ihre Bibliothek und ging ihren Interessen wie der Romanlektüre sowie der Sammlung antiker Münzen, Kupferstiche und Reiseberichte, aber auch der Mikroskopie nach.
In den ersten fünf Jahrzehnten ihres Lebens hatte Liselotte ein breites Spektrum menschlichen Glücks und Leids erlebt: von ihrer letztlich unglücklichen Ehe und den misogynen Buben ihres homosexuellen Ehemanns über den Verlust ihres ersten Sohns bis hin zur für sie schwer erträglichen Hochzeit ihres zweiten Sohns Philippe mit einer illegitimen Tochter Ludwigs XIV. aus doppeltem Ehebruch. Ihre Zuneigung und ihr Interesse vergab sie zum Teil nach Verwandtschaftsgrad, stärker noch nach Sympathie. Einen herausragenden Platz nahm dabei ihre geliebte Tante Sophie von Hannover ein: „Nichts in dießer weldt ist mir lieber, alß ma tante; meine kinder undt kindtskinder kommen da nicht bey.“ Daher ließ sie sich aus unterschiedlichsten Quellen, auch von Diplomaten, über den Gesundheitszustand ihrer Tante unterrichten.





