Ausgehend von der verspäteten und diffusen Hauptstadtbildung in Deutschland, bespricht er die Voraussetzungen für Zentralität und fragt, ab wann Paris, dieser unvergleichliche Sonderfall, Hauptstadtqualitäten vorzuweisen hatte. Dieses Problem ist Gegenstand des Buches, eingebettet in eine das Wesentliche klar, präzis und gut verständlich erzählende Geschichte des französischen Königtums. Dieses baute seit dem Herrschaftsantritt des Hauses Capet 987 im Pariser Raum ein politisches Zentrum auf, hatte allerdings bis zur Regierung Heinrichs I. (1031–1060) einen mindestens ebenso bedeutenden Schwerpunkt in Orléans.
Eingehend beschreibt Sohn den allmählichen Ausbau der Stadt zur Festung (den Bau des Louvre durch Philipp II.) und zur Residenz (den Bau der Sainte-Chapelle als geistliches Zentrum von Hof und Dynastie) mit den Häusern geistlicher und weltlicher Fürsten. Sohn erklärt sehr gut den Aufstieg zum Wirtschaftszentrum aus dem Zusammenwirken verschiedener Faktoren (Residenzfunktion, Verkehrslage, Bevölkerungswachstum) und zeigt die dadurch entstandene, teilweise bis heute vorhandene Sozialtopographie (Wirtschaft, Handel und Gewerbe auf dem rechten Ufer, Universität und intellektuelles Leben auf dem linken, Bischof und Exekutive auf der Cité-Insel).
Weil dem Aufstieg des Bischofssitzes seit der Spätantike ein eigenes Kapitel gewidmet ist, kann der heutige Paris-Reisende sich das Wachsen der städtischen Sakraltopographie gut vorstellen, wie sie ihm in den Kirchenbauten, aber auch in den Namen von Straßen, Plätzen oder Metrostationen begegnet: die Vorstufen der Kathedrale Notre-Dame, der Klöster und Stifte wie Saint-Germain-des-Prés oder Saint-Martin-des-Champs und die Bedeutung des Klosters Saint-Denis vor den Toren.
Darüber hinaus aber wird er sachkundig über die kirchengeschichtlichen Voraussetzungen informiert, mit dem wichtigen Hinweis, dass die im Lauf der Zeit wachsende Bedeutung des Pariser Bischofs seiner Stellung in der kirchlichen Hierarchie keineswegs entsprach, sondern der bald zur Metropole werdenden, wirtschaftlich potenten und bevölkerungsreichen Residenzstadt der Könige geschuldet ist. Ähnliches gilt für Schulen und Studium, für das Entstehen der Universität und den Weg zum wissenschaftlichen und intellektuellen Zentralort Europas. Wie sagte Georg Christoph Lichtenberg? „Wer zwei Hosen besitzt, mache eine zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.“
Rezension: Prof. Dr. Joachim Ehlers





