Magdeburg liegt in einer fruchtbaren, seit vorgeschichtlicher Zeit besiedelten Gegend, am Westufer des Mittellaufs der Elbe. König Otto I. (936–973) stiftete hier ein dem heiligen Mauritius geweihtes Kloster, gründete einige Jahre später das Erzbistum Magdeburg und erhob die Klosterkirche zur Kathedrale. Er bestimmte sie zur Grablege für sich und seine Gemahlin Edgith und stattete sie reichlich aus, sollte Magdeburg doch das „neue Rom“ an der Elbe werden.
Im Jahr 962 ließ Otto sich in Rom zum Kaiser krönen, zum Nachfolger der römischen Imperatoren und Karls des Großen. Um an die Zeit des frühen Christentums anzuknüpfen, ließ er Reliquien und Porphyrsäulen aus Italien nach Magdeburg überführen. Eine um 1250 gefertigte Putzritzzeichnung im Kreuzgang erinnert an die Bestimmung des ersten Doms: Gleich groß thronen nebeneinander drei gekrönte Gestalten: EDIT, in der Mitte OTTO MAGNUS (der Große) mit dem Zepter, zu seiner Linken ADELHEIDIS, seine zweite Gemahlin, mit dem Kreisnimbus als Heilige dargestellt. Der Bauherr des zweiten Doms, Erzbischof Albrecht (um 1170–1232), hatte vor 1200 in Paris studiert. Hochgebildet und politisch begabt, machte er im Dienst der Kirche Karriere. 1205 zum Erzbischof von Magdeburg gewählt und 1206 geweiht, gehörte er zu den mächtigsten Männern im Reich. Als Bischof hatte Albrecht für die Seelen der ihm Anvertrauten zu sorgen und war dafür verantwortlich, dass in seinem Amtsbereich Ordnung herrschte. Durch eine Feuersbrunst, die von benachbarten Häusern übergriff, war plötzlich das Chaos über das Haus Gottes hereingebrochen.
Naturereignisse wie Blitzschlag, Erdbeben, Hochwasser oder menschliche Unachtsamkeit erzwangen nicht selten den Neubau von Kirchen. Auch in Zeiten der Not fragte man nur nach dem „Wie“, nicht nach dem „Ob“ eines Wiederaufbaus. Albrecht könnte das Unglück begrüßt haben; Verben wie erneuern, verbessern, wiederherstellen (innovare, meliorare, restaurare) begegnen in Lebensbeschreibungen vieler Bischöfe. Vielleicht hatte er längst eine moderne, prächtige Kirche geplant. Dafür spricht, dass Bischof, Domkapitel und andere Verantwortliche sich nicht für einen weniger kostspieligen Wiederaufbau entschieden. Gegen Widerstände ließen sie die erhaltenen Teile des ottonischen Doms abreißen und ihn in einer Weise neu errichten, die vielen mindestens fremdartig erscheinen musste.
Eine Bischofskirche galt gewiss häufiger, als die Quellen es festhalten, als repräsentatives Statussymbol. Kirchen überrag(t)en weit das Häusermeer; noch heute prägen sie das Bild von Städten wie Magdeburg oder Köln. Waren Ruhmsucht und Stolz die Hauptmotive kirchlicher Bauherren? Man darf gewiss auch auf andere Beweggründe hinweisen. Vom Apostel Paulus her kannten Bibelkundige das aus dem griechischen Erbe stammende Bild vom sportlichen Wettkampf: „Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, dass aber nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt“ (1 Korinther 9, 24). Rechtfertigen ließ sich sogar das Extravagante: In tiefer Demut wollten die Erbauer von Kirchen Gott die Ehre erweisen, soli Deo gloria. Wer menschenfreundlich urteilt, wird noch ein weiteres Motiv finden. Das kanonische Recht verwehrt Bischöfen, Äbten und Äbtissinnen legitime leibliche Nachkommen; umso mehr waren sie geneigt, sich in Bauten zu verewigen. Wer wüsste nicht, wie schwer es ist, immer das rechte Maß zu wahren. Die meisten kirchlichen Würdenträger dachten und handelten, wie sie es in dem Umfeld kennengelernt hatten, in dem sie aufgewachsen waren. Ein Gegenbeispiel sei jedoch erwähnt: Franz von Assisi (1181–1226) war ein Zeitgenosse des Erzbischofs Albrecht.





