Wie ihre Vorfahren überhaupt ins Russische Reich gelangt sind, erklären viele der Rußlanddeutschen noch heute mit der Einladung Zarin Katharinas der Großen: Selbst aus dem Fürstenhaus Anhalt-Zerbst stammend, habe die Monarchin 1763 ihre deutschen Landsleute zur Ansiedlung an der unteren Wolga gerufen. Dort hätten diese dann die südrussische Steppe urbar gemacht.
In mehreren Punkten trifft eine solche Erklärung durchaus zu. Erstens verstärkte die russische Regierung unter Katharina II. die Anwerbung ausländischer Fachkräfte, und die Suche nach landwirtschaftlichen Siedlern für den Süden ihres Reichs dehnte sie auch auf West- und Mitteleuropa aus. Zweitens engagierte sich die Zarin in der Tat persönlich für diese Aufgabe, und daß sie selbst aus Deutschland stammte, begünstigte im deutschsprachigen Raum den Erfolg der Werbung. Drittens stellten Deutsche aus vielen Territorien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und deutschsprachige Schweizer unter den überwiegend protestantischen Zuwande‧rern aus dem Westen den größten Anteil.
Dennoch ist einigen möglichen Mißverständnissen entgegenzutreten. Katharina II. hat nie ausschließlich „Deutsche“ nach Rußland gerufen. Daß der Werbung Rußlands durch berufsmäßige Kommissionäre nach dem Siebenjährigen Krieg vor allem Deutsche folgten, ist auch nicht einer Vorliebe der Zarin für die Menschen aus ihrem Heimatland zuzuschreiben. Vielmehr wurden die russischen Manifeste mit ihren weitreichenden Verheißungen und konkreten Privilegien in ganz Europa verbreitet. Die meisten Staaten widersetzten sich allerdings durch Verbote der Abwerbung ihrer Untertanen, so Preußen und Österreich wegen ihrer Kolonisationsprojekte in den eigenen dünnbesiedelten Regionen.
Deutsche wurden auch im 18. Jahrhundert nicht nur an der Wolga angesiedelt, und letztlich lassen sich keineswegs alle Deutschen, die im 20. Jahrhundert in Rußland lebten, mit der Anwerbung ihrer Vorfahren durch Katharina II. in Verbindung bringen: Einerseits setzte sich die Zuwanderung auch nach ihrer Regierungszeit in mehreren Wellen fort, andererseits hatten einzelne Deutsche schon Jahrhunderte zuvor im orthodoxen Altrußland gelebt, in Moskau seit 1652 in einem abgetrennten Quartier für Ausländer aus dem Westen vor den Mauern der Stadt, das nach der größten ethnischen Gruppe als „Deutsche Vorstadt“ (Nemezkaja sloboda) bezeichnet wurde.
Entscheidend verbessert haben sich die eingeschränkten Lebensbedingungen für westliche Ausländer in Rußland erst mit der Regierung Peters des Großen (1682–1725). Seit der Übernahme der eigenständigen Herrschaft 1689 orientierte er seine Reformpolitik programmatisch und energisch an westlichen Vorbildern, um seinen Staat im Interesse der Vorherrschaft über Osteuropa und der eigenen Souveränität innerhalb des europäischen Mächtesystems zu modernisieren. Die Zuwanderung von Ausländern und darunter vielen Deutschen auf Zeit oder auf Dauer wurde fortan zu einem wichtigen Faktor dieser Öffnung für Europa, die mit der Öffnung nach Europa einherging.





