Im 16. Jahrhundert galten die europäischen Höfe – neben den Universitäten – als geistige Forschungszentren. Auch Kaiser Rudolfs II. (1552–1612) versammelte an seinem Hof in Prag zahlreiche Gelehrte unterschiedlichster Herkunft um sich.
Rudolf II. trug in seiner umfangreichen Kunst- und Wunderkammer bemerkenswerte und seltene, kuriose sowie exotische Werke aus der Natur oder künstlerisch bearbeitete Materialien zusammen. Wie ein theatrum mundi sollten diese frühen musealen Räume die große Welt als Mikrokosmos in einem Saal widerspiegeln. Schwer konservierbare Objekte fanden als Malereien in Tieralben oder als Präparate Eingang in die Sammlungen dieser Wunderkabinette. Das Bestiaire Rudolfs II. ist diesen Bestrebungen zuzuordnen und vereint in zwei Bänden 181 Ölbilder von heimischen und exotischen Tieren. Einem gemalten Tiergarten gleich wurden die verschiedenartigen Tiere des Reiches abgebildet. Sie zeichnen sich durch eine unvergleichliche natürliche Farbigkeit aus und die Mimiken, die an menschliche Gesichtszüge erinnern, verleihen den Gemälden eine bemerkenswert ergreifende Lebendigkeit. Neben realen Tieren wurden auch Drachen und Einhörner, deren Ursprünge in Mythen und Sagen liegen, als Bildmotive aufgenommen.
Der große Umfang, die vielfältigen Malstile sowie der lange Entstehungszeitraum des Bestiaires von circa 1570–1611 lassen auf mehrere Künstler schließen, die an der Entstehung dieses Werkes beteiligt waren. Neben Prager Hofkünstlern wie Daniel Fröschel (1563–1613) lassen Vorstudien den Einfluss von Hans Hoffmann (1530–1591/92) und Giuseppe Arcimboldo (1526–1593) vermuten. Darüberhinaus demonstrieren weitere, im Prunksaal ausgestellte Kunstalben die variantenreichen und imposanten Bildwelten der damaligen Künstler.
Tieraquarelle der Fauna des adriatischen Meeres von Erzherzog Ferdinand II. Die visuell außergewöhnliche Umsetzung von akribischer Tierbeobachtung in minutiösen Abbildungen lässt sich an dem Tieralbum von Erzherzog Ferdinand II. (1529–1595) besonders gut nachvollziehen. Es bildet naturalistische Darstellungen der Meeresfauna des adriatischen Meeres ab. Die 100, zumeist beidseitig bemalten Aquarelle lassen die Verbindung von künstlerischen Interessen und naturwissenschaftlichen Qualitäten anschaulich erkennen. Der aus dem Friaul stammende Künstler Giorgio Liberale (1527– vor 1580) illustrierte an die 1100 Tiere der adriatischen Meeresfauna, häufig als lebensgroße Abbildungen. Die Kompositionen präsentieren die Tiere vor schlichten, den Strand imitierenden Hintergründen oder vor reich ausstaffierten Landschaften in prunkvoll gemalten Rahmen. Insbesondere in der Wiedergabe der Oberflächen werden die ästhetischen Aspekte der Gestaltung erkennbar. Fein verlaufende Farbübergänge, das schillernde Spiel von Licht und Schatten wie auch die malerischen Ausformungen einzelner Schuppen und Strukturen, die zu ornamentalen Arabesken werden, erzeugen eine einnehmende Wirkung. Auf besonders raffinierte Weise vermittelt Liberale einen lebensnahen Eindruck, indem er die Tiere teilweise die Rahmen überschneiden lässt, als würden sie aus der Bildfläche heraustreten. Darüberhinaus bildet er einige Tiere, wie beispielsweise einen Krebs, deckungsgleich auf einer Folioseite – mit der Sicht von oben – sowie auf der anderen Pergamentseite – mit der Sicht von unten – ab. Dadurch entsteht beim Umblättern der Eindruck, als wende man das reale Objekt.





