„Ja, glaubt ihr denn, daß diese Völker sich von der Furcht vor den unsterblichen Göttern beeindrucken ließen? Wo sie sich doch so sehr von anderen Völkern durch ihre Sitten und ihren Charakter unterscheiden! Während andere sich zur Verteidigung ihrer Religion zu einem Krieg entschließen, führen die da Krieg gegen alle Religionen.” So wetterte Cicero 69 v. Chr. in seiner Verteidigung des römischen Beamten Fonteius gegen jene vermeintlich gottlosen Völker im nördlichen Mittelmeerraum, welche die Griechen Keltoi und die Römer Celtae oder Galli nannten. In augenfälligem Gegensatz dazu steht die Bemerkung seines Landsmanns und jüngeren Zeitgenossen Caesar, der die Gallier kaum 20 Jahre später als “in hohem Maße religiös” bezeichnete. Der drastische Unterschied veranschaulicht den politisch bedingten Wechsel der Perspektive, der das römische Keltenbild jener Jahre kennzeichnet: Ciceros Bemerkung steht noch in der Tradition der griechischen Historiker, denen die Kelten seit ihrem Angriff auf Delphi 279 v. Chr. als Inbegriff der Gottlosigkeit erschienen. In den versöhnlichen Worten des siegreichen Feldherrn Caesar hingegen klingt bereits die römische Entschlossenheit zur Akkulturation und Integration der Gallier an. Jener Entschlossenheit ist es wohl auch zu verdanken, daß sich die keltischsprachigen Regionen zwischen Rhein und Pyrenäen unter Caesars Adoptivsohn Octavian in blühende Provinzen des Römischen Reichs verwandelten.
Wie aber sah die religionsgeschichtliche Wirklichkeit hinter den gegensätzlichen Urteilen Ciceros und Caesars aus? Die Frage ist keineswegs leicht zu beantworten, denn wir kennen die vorrömische Religion der Kelten nur aus wenigen Notizen griechischer und römischer Autoren sowie aus Bodenfunden, den stummen Überresten der Riten und Kulte jener weitgehend schriftlosen Zeit. Was an Inschriften und Bildwerken aus dem römischen Gallien überliefert ist, ergänzt das Wissen zwar, doch man darf nicht alles davon auch gleich auf die Zeit vor der Eroberung durch die Römer übertragen. Dies gilt auch für Beobachtungen anhand irischer und walisischer Texte des Mittelalters, zumal die oft nationalistisch getönte, romantische Begeisterung für die keltische Vergangenheit den kritischen Blick nicht eben schärfte. So verführte das Weiterleben keltischer Sprachen auf den Britischen Inseln Forscher seit dem 18. Jahrhundert immer wieder dazu, tatsächliche oder auch nur vermeintliche Erkenntnisse über die vorchristliche Religion der Iren und Waliser auf das römische und vorrömische Gallien zu übertragen. Die methodischen Probleme dieses Verfahrens wurden dabei aber meistens nicht berücksichtigt. Die gewachsene Einsicht in die historischen Voraussetzungen und in die Wandlungen unseres modernen Keltenbegriffs ermöglicht heute eine neue Sichtweise auf die Religion der Kelten. Auch die internationalen Forschungsbemühungen trugen in jüngster Zeit reife Früchte: Zusammen mit neuen Funden und Entdeckungen brachten sie eine Fülle von Erkenntnissen auf den Gebieten der Archäologie, Sprachwissenschaft und der Keltischen Philologie hervor. Im Hinblick darauf sei im folgenden eine knappe Zusammenfassung unseres Wissens gewagt.





