Die verlorenen Kulturen der Region Polissja dem Vergessen zu entreißen bzw. sie in Deutschland erst einmal bekannt zu machen, ist die Absicht der sehenswerten Ausstellung „Tschernobyl. Expeditionen in ein verlorenes Land“ im Augustinermuseum in Freiburg (noch bis zum 18. März 2012; Gerberau 15, Tel. +49 (0)761 201-2521). Großformatige Landschaftspanoramen schaffen ein Gefühl für die Landschaft, um die es geht. Trachten aus der Zeit um 1900, Tücher und Teppiche sowie Beispiele alltäglichen Berufslebens wie Fischergeräte, Reusen und Tierfallen, Egge und Pflug aus Holz führen zurück in das äußerst einfache Leben, das die ländlichen Bevölkerung dort noch im 20. Jahrhundert lebte.
Überraschend ist in einem zweiten Ausstellungsteil die Präsentation Tschernobyls als typisches jüdisches Schtetl. Denn eben das war es, bis die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg die Juden deportierten und umbrachten. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts war es sogar ein wichtiges Zentrum des Chassidismus, einer bedeutenden mystisch-orthodoxen Bewegung im europäischen Judentum, gewesen. Den Alltag wie die Feiertagskultur im Schtetl zeigt die Ausstellung anhand kundig erläuterter Exponate, wobei sich neben beeindruckenden kultischen Gerätschaften auch Unerwartetes findet wie etwa Scherenschnitte oder ein Gerät, mit welchem sich die aufwendige galizische Hohlspitze aus Metalldraht herstellen ließ, die bis in die USA verkauft wurde. Anrührend und erschütternd ist die digitale Präsentation umfangreichen photographisches Archivmaterials, das biographische Schlaglichter wirft auf Menschen, deren Leben in deutschen KZs endete.
Der informative Katalog ist im Michael Imhof Verlag (Petersberg) erschienen.





