Das Forschungs- und Ausstellungsprojekt wurde durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und die Kulturstiftung der Länder ermöglicht.
Der Ausstellung sind ausgedehnte Forschungsarbeiten zu Niclaus Gerhaert und seinen Zeitgenossen vorausgegangen. Im Zuge der Vorbereitungen haben Dr. Stefan Roller, Leiter der Mittelaltersammlung am Liebieghaus und Kurator der Ausstellung, und Dipl.-Rest. Harald Theiss, Leiter der Abteilung Restaurierung im Liebieghaus, mit Unterstützung eines international renommierten Expertenteams alle für Gerhaert gesicherten und ihm zugeschriebenen Werke in Stein und Holz mit modernsten Forschungsmethoden untersucht. Für alle Objekte wurden ausführliche kunsttechnische Befunde erstellt. Der Schwerpunkt der Forschungsarbeiten lag auf dem Entstehungsprozess der Skulpturen sowie ihrer farbigen Oberflächengestaltung. „Obwohl die kunsthistorische Bedeutung des Bildhauers Niclaus Gerhaert von Leyden in der Fachwelt unumstritten ist, wissen wir nur wenig über seinen Werdegang und sein Œuvre“, betont Kurator Dr. Stefan Roller. „Nur wenige Objekte haben die Zeiten überdauert, und nur karge schriftliche Quellen geben einen Einblick in sein Leben. Mit der Ausstellung wollen wir weitere Puzzlestücke eines kunsthistorischen Rätsels zu einem aufschlussreichen Gesamtbild zusammenfügen“, sagt Roller. „Dank der breit angelegten Forschungsarbeiten, die mit der vergleichenden kunsttechnischen Untersuchung aller Werke von Niclaus Gerhaert sowie vieler Arbeiten aus seinem Umkreis verbunden waren, konnten wir wertvolle Einsichten gewinnen und der kunsthistorischen Forschung weiterführende Impulse zu einem der bedeutendsten Künstler der Spätgotik nördlich der Alpen liefern“, resümiert Harald Theiss. Mithilfe neuer kunsttechnologischer Erkenntnisse, welche die bisherigen kunsthistorischen Methoden produktiv ergänzen, konnte die Herkunft einiger bis dato diskutierter Arbeiten für Gerhaert und seine Werkstatt gesichert werden, während andere Skulpturen aus dem Œuvre ausgeschieden werden mussten.
Gefasste mittelalterliche Holzskulpturen stellen aufgrund der extremen Transport- und Klimaempfindlichkeit ihres Materials hohe konservatorische Anforderungen an ein Museum. Um eine Ausstellung dieser Größenordnung konservatorisch verantworten zu können, müssen klimatische Bedingungen, geeignete Verpackungen und vor allem die Transport¬fähigkeit zahlreicher Objekte gewährleistet werden. Besonders bei außermusealen Leihgaben wie Werken, die sich in Kirchen oder Schlössern befinden, stellt die Transportfähigkeit des Objekts in der Regel ein Problem dar. So mussten zur Vorbereitung der Niclaus-Gerhaert-Ausstellung etliche Leihgaben von der Restaurierungsabteilung des Liebieghauses in Zusammenarbeit mit den Leihgebern vor Ort analysiert, konserviert und in transportfähigen Zustand gebracht werden. Darunter zwei zentrale, nahezu lebensgroße Figuren aus dem 1462 datierten Hochaltar der spätgotischen Kirche St. Georg in Nördlingen. Im Zuge einer einmonatigen Reinigung und Konservierung des Nördlinger Hochaltars durch ein Restauratorenteam des Liebieghauses ergab sich außerdem die einmalige Gelegenheit, die Altarfiguren nach modernsten Gesichtspunkten und auf dem neuesten Stand der Technik zu untersuchen und damit objektivere Kriterien für eine kunsthistorische Bewertung der Skulpturen zu erhalten als auf dem klassischen Weg der reinen Stilkritik. Sowohl von den gotischen Figuren als auch von dem barocken Schrein musste der seit den 1970er-Jahren angesammelte Oberflächenschmutz entfernt werden. Gelockerte Fassungsschichten ließen sich wieder mit dem Bildträger konsolidieren. Optisch auffällige Fehlstellen wurden teilweise gekittet und retuschiert. Berücksichtigt wurde neben der Farbfassung der Figuren auch deren schnitzerisch handwerkliche Seite. Vor allem aus der Analyse der ursprünglichen Oberflächengestaltung und der Dokumentation ihrer besonderen technischen Eigenheiten ergaben sich höchst faszinierende Ergebnisse, mit deren Hilfe nicht nur mit alten, scheinbar gesicherten Thesen aufgeräumt werden kann, sondern die auch neue Fragestellungen provozieren. So ließen sich mithilfe genauer technologischer Analysen unter anderem neue Aussagen zur Herkunft und zum Herstellungsprozess der Kunstwerke treffen und nachweisen, dass die Nördlinger Figuren nicht wie bislang vermutet in Köln entstanden, sondern in einer Straßburger Werkstatt gefasst wurden und dementsprechend Niclaus Gerhaerts Werkstatt auch dort bereits ansässig gewesen sein muss.





