Abgehört, bespitzelt und verfolgt: Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) setzte auf die Kontrolle ihrer Bürgerinnen und Bürger. 1989 hatte das Ministerium für Staatssicherheit rund 91.000 Vollzeit-Mitarbeitende und 200.000 inoffizielle Mitarbeiter. Was die Stasi über die DDR-Bürger und ausländische Staatsbürger herausfand, wurde detailliert in Akten festgehalten. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurden die Stasiakten beschlagnahmt. Seit 1991 können Betroffene ihre Stasiakten in den Standorten des Stasi-Unterlagen-Archivs auf Antrag einsehen.
Gewolltes Nichtwissen im Fokus
In den drei Jahrzehnten seit der Aktenöffnung haben über zwei Millionen Menschen von diesem Recht Gebrauch gemacht. Doch viele weitere Betroffene entschieden sich, ihre Stasiakte nicht einzusehen – darunter auch prominente Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger Günter Grass, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt oder Gewerkschaftsführer Claus Weselsky. Wie lässt sich dieses Verhalten erklären? Und was bedeutet dies für den gesellschaftlichen Umgang mit Erinnerung und Aufklärung in post-diktatorischen Gesellschaften? Das haben Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Dagmar Ellerbrock von der Technischen Universität Dresden jetzt näher untersucht.
„Wir haben es hier mit dem psychologischen Phänomen der deliberate ignorance, dem sogenannten gewollten Nichtwissen zu tun“, erklärt Hertwig. „Es gibt Lebensumstände, in denen Menschen bewusst auf potenziell wichtige Informationen verzichten. Die Motive sind häufig keineswegs eine Vogel-Strauß-Politik, sondern Überlegungen, die von der Regulation antizipierter negativer Emotionen bis hin zu Fairnesserwägungen reichen können.“ Um zu untersuchen, welche Motive für die Menschen relevant sind, kombinierten Hertwig und Ellerbrock Befragungsmethoden aus der Psychologie mit Zeitzeugeninterviews. Über 160 Personen folgten Aufrufen in Radio- und Zeitungen und gaben Auskunft, warum sie ihre Stasiakte nicht einsehen wollen. 134 Personen nahmen an einer Umfrage teil, teilstandardisierte Interviews mit 22 weiteren Personen vervollständigten das Bild.
Schutz vor emotionalen und familiären Folgen
Die Auswertung der Interviews und Befragungen ergab, dass es ein breites Spektrum an Motiven für das bewusste Nichtwissen gibt. Der mit 78 Prozent am häufigsten genannte Grund war, dass die Informationen in den Akten nicht mehr für das heutige Leben von Bedeutung seien. Mehrere der Befragten gaben im Interview beispielsweise an, dass sie ihre Akten nicht lesen wollten, weil das Wissen die Vergangenheit ohnehin nicht ändern würde. Ein kleinerer Teil wollte sich aus politischen Gründen nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen: Rund 38 Prozent hielten es für falsch, die DDR nur unter dem Aspekt der Stasi zu betrachten. 22 Prozent haben ihre Akte nicht gelesen, weil sie sich als überzeugte DDR-Bürger identifizierten.





