Unerbittlich lief den Überbringern der schlechten Nachricht die Zeit davon. Zuerst mußten sie Stunden, dann Tage, schließlich Wochen darauf warten, bis sie den westalliierten Regierungsvertretern und Regierungschefs ihre schreckliche Meldung über den Genozid an den Juden vorlegen konnten. Einer dieser Boten war Jan Karski, ein ehemaliger Diplomat und Reserveoffizier in der polnischen Untergrundarmee. Nach mehrmonatiger geheimer und lebensgefährlicher Kurierreise vom besetzten Polen aus durch das von den Nationalsozialisten beherrschte Westeuropa konnte er im Februar 1943 endlich dem britischen Außenminister Anthony Eden und schließlich Ende Juli 1943 auch US-Präsident Franklin D. Roosevelt erschütternde Berichte über den Mord an der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa geben. Im Auftrag von polnischen und jüdischen Untergrundgruppen hoffte er, die westalliierten Regierungen aus ihrer bisherigen Gleichgültigkeit reißen und zu Vergeltungsmaßnahmen gegen Deutschland veranlassen zu können: Die Bombardierung des Vernichtungslagers Auschwitz im besetzten Polen sollte in die Tat umgesetzt werden. Aber es geschah nichts – wenn man davon absieht, daß 13 alliierte Staaten am 17. Dezember 1943 erklärten, nach dem Krieg wolle man die NS-Verantwortlichen für ihre Verbrechen bestrafen, und daß mit dem “US-War Refugee Board” im Januar 1944 eine neue Hilfsorganisation gegründet wurde, die auf tatkräftige und finanzielle Unterstützung der US-Administration rechnen konnte. Mehrfach hat Karski, der im Juli 2000 starb, nach dem Krieg beschrieben und erzählt, wie belastend es damals für ihn war zu wissen, daß jeden Tag tausende Juden in den Lagern der Nationalsozialisten umgebracht wurden. Der Bericht Karskis fand nicht nur Glauben, sondern stieß auch auf Zweifel – und dies, obwohl die britische Regierung bereits seit Juli 1941 Kenntnis vom deutschen Massenmord an den Juden hatte: In London (genauer: in Bletchley Park nahe der britischen Hauptstadt) waren Funksprüche von Wehrmacht, Ordnungspolizei, SS- und SD-Einsatzgruppen sowie von Sonderkommandos im besetzten Teil der UdSSR entschlüsselt worden (dies war möglich geworden, weil britische Experten den Code der deutschen Enigma-Chiffriermaschine entschlüsselt hatten). Außerdem hatte der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses (“World Jewish Congress”), Stephen Wise, die Vernichtungsaktionen im November 1942 vor der US-Presse publik gemacht. Er wußte davon durch Berichte, die Eduard Schulte, ein schlesischer Bergwerkdirektor, in der Schweiz an amerikanische und jüdische Stellen weiter gegeben hatte – unter anderem an Gerhart Riegner, den Vertreter des “World Jewish Congress” in Genf. Riegner, der vor kurzem nach Erscheinen seiner Autobiographie im Dezember 2001 90jährig starb, hatte die ihm von Schulte übermittelten Nachrichten über die geplante und beginnende Ermordung der Juden Europas über die US-Gesandtschaft in der Schweiz schon im Sommer 1942 nach New York und London telegrafiert. Wise erfuhr sie jedoch erst Wochen später, da die US-Diplomaten in Washington skeptisch über deren Inhalt waren und die Mitteilung zuerst nicht weitergaben…





